Public Viewing

Dietikon im WM-Rausch: Wer sind die Favoriten der Limmattaler?

Begeisterung bei Schweizern und Albanern: Das ausgleichende Tor sorgt für einen Jubelsturm im Zelt.

Am Public Viewing auf dem Kirchplatz treffen sich die WM-Begeisterten. Manche über den Mittag, andere wenn sie schulfrei haben. Das schöne Wetter und die Schweizer Spiele ziehen viele an die öffentlichen Vorführungen.

Rot sind die T-Shirts der Schweizer Fans, rot die T-Shirts der serbischen Fans und rot die Fahne der Albaner beziehungsweise der Kosovaren. Gemeinsam versammelten sie sich zum Public Viewing auf dem Dietiker Kirchplatz. Bereits eineinhalb Stunden vor dem Spiel mahnte Roger Zeindler, Organisator des Public Viewings: «Wenn Ihr einen Platz wollt, setzt euch nach vorne.» Eine Stunde lang sah es aus, als hätte er übertrieben. Eine halbe Stunde vor Anpfiff war dann alles voll. «Heute waren schätzungsweise 2000 Leute da, so viele wie noch nie», sagte Zeindler am Schluss des Matches Schweiz gegen Serbien am letzten Freitag.

An anderen Matches, beispielsweise um 14 Uhr, kommen auch Zuschauer ans Public Viewing; aber viel weniger. An diesen Spielen ist es auch für das Personal möglich, einen Teil des Matches zu schauen. Doch selbst wenn sich dazu keine Gelegenheit bietet, hat ein Fussballfan unter dem Servicepersonal eine Möglichkeit gefunden, das Wichtigste zu sehen. «Wenn die Fans stark jubeln, schaue ich nach vorne und sehe so wenigstens die Wiederholung des Tors», sagt er.

Für diesen Abend hatte Zeindler die Kühlschränke und Gefriertruhen bis oben gefüllt. Die Erfahrung zeigt: Die Dietiker mögen es klassisch, während dem Match essen sie vor allem Pommes frites und Bratwürste, dazu gehört ein Bier – Cervelats und Burger werden weniger verkauft.

2:1 für die Schweiz oder Serbien?

Als Erstes hatten die Serben Grund zum Jubeln. Nach gut fünf Minuten traf Mitrovic per Kopfball in die linke Ecke des Schweizer Tors. Auf dem Kirchplatz in Dietikon tanzten blau-weiss-rot geschminkte Fans. «Wir sind sicher, dass wir gewinnen werden, ein 2:1 für Serbien sollte drinliegen», sagte ein Fan. Die Schweizer machten in den folgenden 50 Minuten meist lange Gesichter. «Nein, nein, nein», murmelte einer nach dem andern. «Jetzt musch aber füre», sagte ein Zuschauer nach einer verpassten Chance und schüttelte den Kopf. Skeptiker zweifelten am Sieg der Nati: «Ich hoffe schon, dass die Schweiz gewinnt, doch die Serben haben viel bessere Spieler», hiess es.

Der Frust fokussierte sich auf den Schiri und wurde mit Bier hinuntergespült. Wieder eine verpasste Chance: Die Schweizer Fans rauchten, warteten und tranken weiter. Bloss nicht aufgeben, so das Credo. «Das schaffen wir noch, bei Brasilien war es ja auch so», sagte ein Zuschauer und trank sein Bier leer. Kurz darauf: Das erlösende Tor von Granit Xhaka. Die Jubelwelle brandete durch das Zelt und liess die Ohren gellen. Der Adler wurde auf dem Bildschirm gezeigt und von zahlreichen Zuschauern wiederholt. Ein serbischer Fan sagte: «Ich bin neutral, aber wenn andere hören würden, was der hinter mir auf Albanisch gesagt hat; das würde blutig enden.» Ein Schweizer Zuschauer sagte nur: «Jetzt geht es um den Sport, alles andere schauen wir später.»

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Erfolg — trotz Ausfall der Italiener

Das Public Viewing war unumstritten der beliebteste Ort in Dietikon an diesem Abend. Wohl übertragen einige andere Beizen in unmittelbarer Nähe das Spiel ebenfalls, doch nur wer gar keinen Platz mehr im weissen Zelt fand, gab sich mit kleineren Bildschirmen zufrieden. Der Anlass schien beinahe obligatorisch zu sein.

Zeindler rechnete im Vorfeld nicht mit einem so grossen Erfolg. «Neben den Schweizern sind die Italiener die grössten Zugpferde», sagt er. Doch er wurde von gutem Wetter und Fans aus verschiedensten Ländern überrascht. «Hajde, hajde», klang es immer wieder. «Dai Embolo, dai» riefen die Italiener, die trotzdem gekommen waren, um für die Schweiz zu fanen. Am Public Viewing hatte sich ein durchmischtes Volk in rotem Tenue gefunden.

Da waren beispielsweise die Mütter mit den Kleinkindern. Ein Mädchen war so stark im WM-Fieber, dass es sich kaum die Jacke zumachen liess. «Das Schweizerkreuz muss man doch sehen», sagte sie. Eine weitere Gruppe waren die Jugendlichen, die meist in kleineren Grüppchen zusammenstanden und die Spieler und Zuschauer abwechslungsweise kommentierten. Wohl gab es auch die eingefleischten Fussballfans, doch waren sie nicht in der Überzahl. Ein grosser Teil der Zuschauer waren temporäre Fussballfans. Diese haben nicht allzu viel Ahnung von Offsides, Nachspielzeit oder den aktuellen Rekordhaltern. Trotzdem stürzen sie sich für die vier WM-Wochen in die Trikots und verfolgen die Matches mit geschminkten Wangen und emotionalen Ausbrüchen. An den Spielen unter der Woche ist das Publikum jeweils um ein Vielfaches kleiner: «Dann kommen eher Schüler, oder solche, die über ihre Mittagspause ein Spiel anschauen», sagt ein Servicemitarbeiter.

«Schweizer können Gefühle zeigen»

Der Match gegen Serbien brach alle Rekorde: Die Zuschauer standen sogar hinter den Absperrgittern und versuchten von dort, einen Blick auf das Spiel zu ergattern. Nur die VIP-Gäste auf dem Podest im hinteren Teil des Zelts konnten ihre Füsse strecken.

Die meisten waren froh, wenn sie einen Stehplatz hatten, bei dem sie das Spiel sahen. Doch egal ob VIP-Platz oder Stehplatz: Wenn ein Tor fiel oder eine Torchance in unmittelbarer Nähe war, brach der Jubel aus. «Die Schweizer können auch Gefühle zeigen. Nach ein bis zwei Bieren kommen sie ganz schön aus sich heraus», sagt ein Servicemitarbeiter. Die Vorstellungen gingen bislang ohne Ausschreitungen vonstatten. «Wir hatten nie irgendwelche Unruhestifter», sagt ein Mitarbeiter.

Während des ganzen Spiels der Schweiz gegen Serbien war die Polizei vor Ort. Doch sie trat nur kurz in Aktion: Nach dem Schweizer Tor liessen sich einige Jugendliche kaum von der Leinwand wegbringen. Eine kurze Anweisung der Ordnungshüter genügte jedoch, um den Zuschauern wieder freie Sicht auf die Spielpartie in Russland zu gewähren. Es war der einzige Zwischenfall an dem fröhlichen Freitagabend. Oder wie es Zeindler sagen würde: «Es war ein Weltklasse-Abend.» Einen solchen wird es vermutlich auch heute Abend geben, wenn die Schweiz um 20 Uhr gegen Costa Rica spielt.

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