Dietikon
Illegaler Abbruch der Villa Simon: Zwei Verwaltungsräte müssen fünfstellige Bussen zahlen – Verfahren gegen Lucas Neff eingestellt

Der illegale Abbruch der Villa Simon in Dietikon ist nun juristisch aufgearbeitet. Ein Teil der Verfahren endete mit Schuldsprüchen. Zwei Verwaltungsräte der ehemaligen Grundeigentümerin zahlen je 15'000 Franken Busse. Der Architekt, Stadtrat und heutige Miteigentümer Lucas Neff bleibt unschuldig.

David Egger
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Die Villa Simon wurde 2016 dem Erdboden gleich gemacht.

Die Villa Simon wurde 2016 dem Erdboden gleich gemacht.

Gabriele Heigl

Das Strafverfahren gegen Lucas Neff geht erfolglos zu Ende. Das hat nun das kantonale Obergericht entschieden.

Es wies eine Beschwerde der Stadt ­Dietikon ab. Die Stadt – vertreten durch den Stadtrat als Ganzes – hatte sich ­dagegen gewehrt, dass das Bezirksstatthalteramt das Verfahren gegen Neff letztes Jahr bereits zum zweiten Mal eingestellt hatte.

Das Urteil des Obergerichts liegt der «Limmattaler Zeitung» vor und wird bald rechtskräftig. Am Dienstag lief die Frist zur Ein­reichung von Beschwerden ab. Die Stadt wird die Sache nicht vor Bundesgericht ziehen, wie sie am Mittwoch mitteilte. Der Stadtrat akzeptiere den Entscheid. Er schreibt:

«Damit ist die rechtliche Aufarbeitung um den illegalen Abbruch der Villa Simon im November 2016 abgeschlossen.»
So sah es vor Ort aus, nachdem die Villa Simon im November 2016 abgerissen wurde.

So sah es vor Ort aus, nachdem die Villa Simon im November 2016 abgerissen wurde.

Gabriele Heigl

Die Einstellung des Verfahrens gegen Lucas Neff bildet den Schlussakt eines ganzen Reigens von Strafverfahren. Ursprünglich gab es nämlich sechs Strafverfahren. Zwei Schuldsprüche und vier Verfahrenseinstellungen lautet die Bilanz.

Roger Bachmann (SVP).

Roger Bachmann (SVP).

Severin Bigler

Alle sechs Anzeigen seien nötig gewesen, sagt Stadtpräsident Roger Bachman (SVP). Denn alle sechs angezeigten Personen seien in der einen oder anderen Form am Bauprojekt beteiligt gewesen, das mit dem Abbruch der ­Villa zusammenhing.

«Der Entscheid, wer genau ­welche strafrechtliche Verantwortung trägt, war dann Sache der Justiz. Die zwei Verurteilungen zeigen klar, dass der Abriss illegal war, dass die Stadt korrekt gehandelt hat und dass die Anzeigen gerechtfertigt waren»,

sagt Stadtpräsident Bachmann weiter.

Architekt und Stadtrat Lucas Neff (Grüne).

Architekt und Stadtrat Lucas Neff (Grüne).

David Egger

Lucas Neff ist froh, dass nun seine Unschuld klar feststeht:

«Der Vorwurf gegen mich hat sich als unbegründet erwiesen»,

schrieb er am Mittwoch in einer Mitteilung. Er sagt zudem, all die Verfahren seien eine «Steuergeld­verschwendung».

So präsentierte sich die Villa Simon, kurz bevor sie im November 2016 abgebrochen wurde.

So präsentierte sich die Villa Simon, kurz bevor sie im November 2016 abgebrochen wurde.

zvg

Rückblende: Seit 1929 stand die Villa Simon dort, wo die Römerstrasse in die Badenerstrasse mündet. Am 4. Oktober 2016 gab Architekt Lucas Neff der Stadt bekannt, dass die Villa demnächst abgerissen werde. Wie üblich bei einem solchen normalen Abriss werde noch ein Schadstoffgutachten erstellt. Neff handelte im Auftrag der Bauunternehmung, der das betreffende Areal damals gehörte.

Die Stadt reagierte prompt und teilte Neff tags darauf mit, dass sie sein Schreiben als Abbruch­bewilligungs­gesuch verstehe und dass sie so eine Bewilligung nicht ohne Weiteres aussprechen könne, da noch diskutiert werde, ob die alte Villa Simon allenfalls schutzwürdig sei.

Am 10. Oktober ging dann ein Baugesuch ein für das Villengrundstück. Das Projekt: ein Mehrfamilienhaus anstelle der Villa. Am 3. November gab es eine Begehung zur Prüfung der Schutzwürdigkeit der Villa. Danach gab die Grundeigentümerin oder die Generalunternehmerin der Weininger Firma ­Richi den Auftrag zum Abbruch. Dieser begann sodann am 9. November 2016.

Stadträtin sprach Baustopp aus, wurde aber ignoriert

Die damalige Hochbauvorsteherin Esther Tonini (SP) sprach am 10. November mündlich einen Baustopp aus. Ebenfalls am 10. November war das Gutachten fertig, das die Schutzwürdigkeit der Villa prüfte. Es empfahl, die ­Villa ins kommunale Inventar der schützenswerten Baudenkmäler aufzunehmen. Am 11. November war dann auch das Schadstoffgutachten fertig, das darauf hinwies, dass noch nicht alle Räume untersucht worden seien, was ergänzend noch nachzuholen sei. An diesem Tag endete aber der Abbruch der Villa. Sie war nun weg für immer.

Zurückholen konnte man sie nicht. Aber der Abbruch sollte nicht ungestraft bleiben. Also reichte die Stadt sechs Strafanzeigen ein. Das Statthalteramt stellte aber bis 2018 alle sechs Verfahren ein.

Auch die Firma Richi aus ­Weiningen trifft keine Schuld

Mit drei dieser Verfahrenseinstellungen konnte die Stadt Dietikon leben. So zum Beispiel mit der Einstellung der Verfahren gegen zwei Involvierte der Firma Richi aus Weiningen, die zwar den Abbruch vorgenommen hatte, aber letztlich nur Auftragnehmerin war.

Wo es im Limmattal ein Gebäude abzureissen gibt, ist oft die Firma Richi aus Weiningen mit grossen Maschinen anzutreffen – so wie zum Beispiel im April 2021, als auf dem Dietiker EKZ-Areal das vorderste Betriebsgebäude abgerissen wurde.

Wo es im Limmattal ein Gebäude abzureissen gibt, ist oft die Firma Richi aus Weiningen mit grossen Maschinen anzutreffen – so wie zum Beispiel im April 2021, als auf dem Dietiker EKZ-Areal das vorderste Betriebsgebäude abgerissen wurde.

Sven Hoti

Gegen drei Verfahrenseinstellungen reichte die Stadt Dietikon aber erfolgreich Beschwerde ein vor Obergericht. Dieses hob im Oktober 2018 die drei Verfahrenseinstellungen auf und wies sie zurück an das Statthalteramt, damit dieses die Vorwürfe genauer unter­suche.

Eines dieser drei Verfahren war eben jenes gegen Architekt Lucas Neff. Dieses stellte das Statthalteramt am 12. Juni 2020 erneut ein – diese Verfahrenseinstellung bestätigte nun eben das Obergericht.

Ist älter als die Villa Simon in Dietikon und wird sicher nicht abgerissen: das Obergerichtsgebäude in Zürich, hier auf einer rund 120 Jahre alten Aufnahme.

Ist älter als die Villa Simon in Dietikon und wird sicher nicht abgerissen: das Obergerichtsgebäude in Zürich, hier auf einer rund 120 Jahre alten Aufnahme.

zvg / kantonale Denkmalpflege

Die beiden anderen Verfahren, gegen deren 2018 erfolgte Verfahrenseinstellung sich die Stadt Dietikon wehrte, wurden bereits am 12. Juni 2020 erledigt, wie nun bekannt geworden ist. Das Statthalteramt verurteilte die beiden Verwaltungsräte der Bauherrin und Grundeigentümerin – eine ­Firma, die ihren Sitz damals in Küsnacht und heute in Rapperswil-Jona hat. Die beiden entsprechenden Strafbefehle liegen der «Limmattaler Zeitung» vor.

Zweimal 15'000 Franken Busse plus zweimal 2000 Franken Gebühren

Beide Verwaltungsräte wurden zu 15'000 Franken Busse verurteilt. Das Statthalteramt schreibt in den beiden Strafbefehlen, dass die Bauherrin als Auftraggeberin in der Hierarchie ganz zuoberst stehe und entscheide. Die Beschuldigten seien eingehend über das Bauprojekt und über den Abriss informiert gewesen. Als verantwortliche Bauführer seien sie daher «für den rechtswidrig erfolgten ­Abbruch» zur Verantwortung zu ziehen. Zusätzlich zu den je 15'000 Franken müssen die beiden Verurteilten auch noch je 2000 Franken Gebühren ­zahlen.

34 Tausendernoten: So viel mussten die beiden verurteilten Bauunternehmer bezahlen. Der Rendite des Projekts auf dem Villa-Simon-Grundstück in Dietikon dürfte das nicht allzu markant geschadet haben.

34 Tausendernoten: So viel mussten die beiden verurteilten Bauunternehmer bezahlen. Der Rendite des Projekts auf dem Villa-Simon-Grundstück in Dietikon dürfte das nicht allzu markant geschadet haben.

Michael Hunziker

Vor Ort stehen heute statt der früheren Gebäude drei ähnlich aussehende, neue Mehrfamilienhäuser. Eines davon auf dem Grundstück, auf dem die abgerissene Villa Simon stand. Dieses Grundstück gehört heute zum Teil Lucas Neff: Er kaufte im Mai 2018 einen Drittel dieses Grundstücks, zwei weitere Drittel haben er und sein Bruder inzwischen geerbt, nachdem die Bauunternehmung und bisherige Grundeigentümerin diese ebenfalls verkauft hatte.

Hier stand einst die Villa Simon. Heute stehen hier die drei neu gebauten Mehrfamilienhäuser.

Hier stand einst die Villa Simon. Heute stehen hier die drei neu gebauten Mehrfamilienhäuser.

David Egger

Im neuen Gebäude befinden sich nicht nur Mietwohnungen, auch Neffs Architekturbüro ist dort einquartiert. Auch vor diesem Hintergrund wurde in den Ermittlungen der Vorwurf erhoben, Neff habe von der ganzen Sache persönlich profitiert. Darauf angesprochen sagt Neff: «Wir haben die Liegenschaft zu einem normalen Preis gekauft. Und wie ­bereits erwähnt: Der Abbruch geschah nicht durch mich.»

Versöhnliche Töne zum Schluss

Sowieso geht der Blick nun nach vorne, da die Verfahren erledigt sind. Die Dietiker Grünen gaben am späten Dienstagabend bekannt, dass sie Lucas Neff, der bei den Wahlen 2018 erstmals in den Stadtrat gewählt wurde, nun ­offiziell für die Wahlen 2022 nominiert haben. Und, angesprochen auf das ­Klima im Dietiker Stadtrat, schlägt Stadtpräsident Bachmann versöhnliche Töne an:

«Wir konnten den Fall Villa Simon und die anderen Stadtratsgeschäfte gut trennen. Trotzdem sind wir jetzt wohl alle froh, dass wir nun Klarheit haben und der Fall erledigt ist.»

Lucas Neff stimmt dieser Aussage seines Stadtratskollegen Bachmann auf Anfrage voll und ganz zu.

Er muss sich nun nicht mehr mit der Villa Simon beschäftigen: der siebenköpfige Dietiker Stadtrat, hier nach den Wahlen im Jahr 2018. Auf dem Bild von links nach rechts: Reto Siegrist (Die Mitte), Rolf Schaeren (Die Mitte), Heinz Illi (EVP), Roger Bachmann (SVP), Philipp Müller (FDP), Lucas Neff (Grüne) und Anton Kiwic (SP).

Er muss sich nun nicht mehr mit der Villa Simon beschäftigen: der siebenköpfige Dietiker Stadtrat, hier nach den Wahlen im Jahr 2018. Auf dem Bild von links nach rechts: Reto Siegrist (Die Mitte), Rolf Schaeren (Die Mitte), Heinz Illi (EVP), Roger Bachmann (SVP), Philipp Müller (FDP), Lucas Neff (Grüne) und Anton Kiwic (SP).

David Egger

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