Frau Brioschi, Sie sind die neue Kulturbeauftragte Dietikons, ein Novum in der Region – bei Ihrer Vorgängerin war die Kultur eine von vielen Aufgaben. Warum braucht die Stadt eine solche Stelle?

Irene Brioschi: Dietikon ist Bezirkshauptort und die einwohnerreichste Gemeinde der Region. Mit dieser Stelle können professionelle Strukturen geschaffen werden, um die Kultur zu stärken. So kann Dietikon auch seine Zentrumsfunktion wahrnehmen.

Warum muss Dietikon diese Funktion wahrnehmen?

Das Publikum der kulturellen Anlässe in Dietikon stammt nicht nur aus der Stadt selber, sondern auch aus den umliegenden Gemeinden. Daher ist eine Vernetzung der Organisatoren sehr wichtig.

Zwischen den kulturellen Zentren Zürich und Baden hat das Limmattal einen schweren Stand. Reicht die Vernetzung von Organisatoren, um bestehen zu können?

Die Vernetzung bringt den Vorteil, dass zwei publikumsreiche Anlässe nicht für denselben Abend programmiert werden. Mein Fernziel ist es, einen regionalen Veranstaltungskalender zu schaffen, doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Die grosse Stärke der Kulturstätten im Limmattal ist das Persönliche. Während in Zürich viele Anlässe eher anonym sind, kennt man sich in der Region noch – ohne Probleme kann man auch mal alleine wohin und trifft dort bekannte Gesichter. Nebst dem, dass man zu Fuss nach Hause gehen kann, sind hiesige Kulturanlässe auch günstiger als in Zürich und Baden. Das sind gute Voraussetzungen.

Sie sind im Vorstand der national tätigen Vereinigung KTV ATP, die sich für die Interessen von Theaterschaffenden einsetzt. Auch wurden Sie in den vergangenen Monaten bei kantonalen und nationalen Kulturstellen vorstellig. Was bringt dies der Region?

Gerade bei der Fachstelle Kultur des Kantons geht es um Geld. Ich wollte erfahren, wie sich Kunstschaffende am besten präsentieren, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. Dieses Wissen gebe ich weiter. Beim KTV ATP hole ich mir Inspiration für die Region. Welche Anlässe kommen gut an, was gibt es Neues in der Szene? Gerade weil ich alleinige Kulturbeauftragte bin, sind Inputs von aussen sehr wichtig.

Ihre Heimat ist das Theater – Sie sind seit rund 20 Jahren Mitglied des Vereins. Ihre erste Handlung als neue Kulturbeauftragte war aber die Restaurierung der Beton-Grossplastik im Kirchhalde-Park. Wie werden Sie auch künftig Kulturbeauftragte aller Kreativen sein und nicht nur der Theaterschaffenden?

Weil ich schon lange in Dietikon wohne, kenne ich Kulturschaffende aus allen Bereichen. In meiner neuen Funktion lerne ich aber auch laufend neue Menschen kennen. Bei der Restaurierung der Skulptur arbeite ich mit denselben Fachexperten zusammen, deren Dienste die Stadt schon vor mir in Anspruch genommen hat.

Welche Schwerpunkte haben Sie sich für die nahe Zukunft gesetzt?

Derzeit bin ich mit dem Kulturprogramm von 2016 beschäftigt – so konnten wir «Oropax» für einen Auftritt in der Badi im Juli verpflichten. Längerfristig bin ich mit der Evaluation des Kulturleitbilds beschäftigt. Mithilfe des Kulturforums habe ich die Anliegen von Dietiker Kulturschaffenden aufgenommen.

Was sind deren Bedürfnisse?

Es fehlt an Raum. Dieses Thema ist bereits auch in meinen Fokus gerückt. Derzeit mache ich eine Bestandesaufnahme von Lokalitäten und schaue, was von öffentlicher und privater Seite noch möglich ist. Bereits jetzt ist klar, dass Dietikon ein mittelgrosser Veranstaltungsort fehlt.

Sie sprachen vorhin vom Kulturleitbild der Stadt aus dem Jahr 2010. Damals gab es auch einen Streit zwischen dem Stadtrat und dem Verein Krone, dessen Vorstand Sie angehörten. Dieser verlangte vom Stadtrat eine kulturelle Nutzung der Zehntenscheune, drohte gar mit einem Referendum. Die Exekutive warf «erpresserisches Verhalten» vor. Nun ist Otto Müller Ihr neuer Chef. Geht das gut?

Kurz vor diesem Zwist trat ich aus dem Verein aus. Ich wollte mich nicht an dieser kulturpolitischen Diskussion beteiligen, da ich beruflich stark involviert war. Was damals passierte, hat keine negativen Auswirkungen auf meine Zusammenarbeit mit Otto Müller.

Damals im Jahr 2010 verlangten Sie auch die Schaffung einer Stelle einer Kulturbeauftragten. Hätten Sie gedacht, dass Sie selber dereinst dieses Amt bekleiden?

Überhaupt nicht.

Und dass es so lange geht, bis die Stelle geschaffen wird?

Dass die Mühlen der Politik langsam mahlen, war mir klar. Auch ist mir die Finanzlage Dietikons bekannt – Geld steht uns wenig zur Verfügung. Den geringen Gestaltungsspielraum gilt es trotzdem auszunützen.