Dietikon
«Der grösste Teil der Geschäfte wird wieder öffnen können» – der Präsident des Industrie- und Handelsvereins im Interview

Der Bauunternehmer Josef Wiederkehr spricht über die Stimmung im Dietiker Gewerbe, den Kampfgeist vieler Unternehmer und Lehren, die man aus der Krise ziehen kann.

Sven Hoti
Merken
Drucken
Teilen
Schaut optimistisch in die Zukunft: Bauunternehmer Josef Wiederkehr.

Schaut optimistisch in die Zukunft: Bauunternehmer Josef Wiederkehr.

Chris Iseli

Als Präsident des Industrie- und Handelsvereins Dietikon stehen Sie regelmässig mit verschiedenen Unternehmen aus der Region in Kontakt. Wie geht es dem Gewerbe momentan?

Josef Wiederkehr: Die Stimmung ist sehr unterschiedlich. In der Baubranche etwa, in der meine Firma tätig ist, hatten wir bisher sehr viel Glück und waren nicht wirklich betroffen. Dann gibt es aber auch andere, die viel in Schutzkonzepte investiert hatten, um offen bleiben zu können, nun aber doch wieder schliessen mussten. Dort ist der Frust verständlicherweise gross.

Hat die bundesrätlich verordnete Schliessung aus Ihrer Sicht auch positive Seiten? Immerhin haben viele Geschäfte nun offiziell Anrecht auf Hilfsgelder.

Das ist nicht ganz einfach zu beurteilen. Es mag sein, dass das Hilfsprogramm für einige Betroffene wesentliche Vorteile bringt. Es ist aber auch möglich, dass andere wieder durch die Maschen fallen. Ein gerechtes Verteilsystem zu schaffen, ist schwierig, weil die Ausgangslage für die verschiedenen Unternehmen sehr unterschiedlich ist.

Woran liegt das?

Nicht in jeder Branche ist etwa der Online-Bereich gleich stark ausgebaut. Der Anteil der Lohnkosten variiert zudem von Unternehmen zu Unternehmen und nicht überall werden diese durch die Kurzarbeitsentschädigung kompensiert. Manche profitieren zusätzlich von einer Versicherungsdeckung.

Hinzu kommt, dass nicht alle über ein gleich grosses finanzielles Polster verfügen. Hilfe ankündigen ist nämlich das eine. Das andere ist jedoch, wie schnell diese Hilfe bei den Geschäften ankommt.

Braucht es denn noch zusätzliche Unterstützung für das Dietiker Gewerbe, zum Beispiel durch die Standortförderung?

Die Geschäfte, denen es schlecht geht, wünschen sich sicherlich mehr Unterstützung. Ich sehe jedoch nicht wirklich viele Möglichkeiten, wie man von Seiten der Stadt noch zusätzliche Hilfen zur Verfügung stellen könnte. Letztendlich ist die grösste Hoffnung wohl für uns alle, dass wir möglichst schnell wieder in den Normalzustand zurückkehren können.

Je nach epidemiologischer Entwicklung und Impffortschritt kann das aber noch eine Weile dauern. Können die Geschäfte bis dahin durchhalten?

Ich denke, der grösste Teil der Geschäfte wird wieder öffnen können. Es wird sicher einzelne geben, die auf der Strecke bleiben werden, das lässt sich nicht leugnen. In der Schweizer Wirtschaft gibt es allerdings viele Unternehmerinnen und Unternehmer, die bereit sind, nach einem Rückschlag aufzustehen und weiterzukämpfen. In dem Sinne bin ich überzeugt, dass die grosse Mehrheit auch nach der Krise aktiv sein wird.

Blicken wir auf die vergangenen Monate in der Pandemie zurück. Was forderte die Unternehmen am stärksten heraus?

Für meine Firma war es sicher die sich ständig ändernden und manchmal sehr kurzfristig beschlossenen Vorschriften. Es war teilweise unmöglich, innert so kurzer Zeit neue Konzepte aufzustellen.

Zur Person

Josef Wiederkehr ist Verwaltungsratspräsident der familieneigenen Bauunternehmung J. Wiederkehr AG sowie von drei Gerüstbau-Unternehmungen. Die Bauunternehmung wird bereits in der vierten Generation geführt. Daneben präsidiert der promovierte Wirtschaftswissenschafter seit 2015 den Industrie- und Handelsverein Dietikon (IHV), welcher die Interessen von rund 140 verschiedenen Firmen in der Region vertritt. Wiederkehr amtete von 1999 bis 2012 als CVP-Gemeinderat in Dietikon und von 2005 bis 2020 als Zürcher Kantonsrat, die letzten zwei Jahre in der Funktion des Fraktionspräsidenten. Seit 2004 ist er Vizepräsident der Kantonalpartei. Der 50-jährige Dietiker ist verheiratet und Vater zweier Kinder. 

Was lässt sich an Erkenntnissen aus der Coronakrise für die Zukunft mitnehmen?

Jede einzelne Branche und jedes Unternehmen muss hier natürlich eigene Schlüsse ziehen. Meiner Meinung nach hat die Krise aber gezeigt, dass nichts unmöglich ist. Es gibt eine unglaubliche Breite an unterschiedlichen Risiken. Es lohnt sich also, immer auch mit dem Unmöglichsten zu rechnen und zu versuchen, sich darauf vorzubereiten. Ich hoffe allerdings, dass nicht nur wir, sondern auch der Staat seine Lehren aus der Krise ziehen wird.