Dietikon
«Es ist nichts geschehen»: Bezirksgericht verurteilt Mann wegen sexueller Handlungen an seiner minderjährigen Schwägerin

Ein Sri Lanker muss sich wegen sexueller Handlungen an seiner Schwägerin vor dem Bezirksgericht Dietikon verantworten. Er beteuert seine Unschuld, sie seine Schuld.

Dieter Minder
Drucken
Teilen
Der Mann wurde zu einem bedingten Freiheitsentzug von 10 Monaten bei einer Bewährungsfrist von 2 Jahren verurteilt. (Archivbild)

Der Mann wurde zu einem bedingten Freiheitsentzug von 10 Monaten bei einer Bewährungsfrist von 2 Jahren verurteilt. (Archivbild)

Alex Spichale

Hat der Kläger 2011 an seiner damals minderjährigen Schwägerin sexuelle Handlungen vorgenommen oder nicht? Um diese Frage drehte sich die von Richterin Janine Bächler geleitete Verhandlung am Bezirksgericht Dietikon. Weil der Angeklagte der deutschen Sprache nicht ganz mächtig war, wurde ein Übersetzer zugezogen.

Die ausführliche Befragung zur Person ergab, dass der in Sri Lanka geborene Angeklagte in seiner Heimat die Schulen besuchte. 1998 ging er nach England, wo er 2005 ein MBA-Studium abschloss. 2007 kam er erstmals in die Schweiz und lernte seine spätere Frau kennen. Inzwischen sind sie verheiratet und haben drei Kinder. In der Schweiz arbeitete der Mann unter anderem als Staplerfahrer. Von 2015 bis 2018 war die Familie wiederum in England, wo er als Manager eines Detailgeschäftes tätig war. Das Geld dazu stammte von seinem in England lebenden Bruder, dem er das Geschäft vor der Rückkehr in die Schweiz überschrieben habe.

«Sie lügt, es ist nicht möglich, dass so etwas geschieht»

Die Einvernahme zur Sache eröffnete die Richterin mit der Frage: «Wie stellen Sie sich zu den von der Klägerin erwähnten Taten?» Der Angeklagte antwortete: «Sie lügt, es ist nicht möglich, dass so etwas geschieht.» Die ihm zur Last gelegten Handlungen sollen in seiner Wohnung geschehen sein. Die damals noch minderjährige Schwester seiner Frau wohnte zeitweise dort. Teilweise soll auch deren Mutter in der Wohnung übernachtet haben. Die in der Anklage beschriebenen sexuellen Handlungen negierte der Angeklagte. Mehrmals sagte er mithilfe seines Übersetzers:

«Es ist nichts geschehen.»

Während dieser Befragung begann das Opfer, das als Privatklägerin anwesend war, zu weinen und zitterte stark.

Gab ein Kuss im Lift den ­Ausschlag für die Klage?

Einzelne Aussagen, die auf den Einvernahmen der Staatsanwaltschaft basierten oder bei der Verhandlung gemacht wurden, zeichneten das Bild einer komplexen Familiensituation. Wer wann was zu wem gesagt hat oder haben soll, war umstritten. Der Angeklagte sagte, er gehe davon aus, dass die Klägerin die Anzeige zusammen mit seiner Frau geplant habe.

Auslöser könnte eine Autofahrt im Juni 2020 gewesen sein. Aufgrund eines Einvernahmeprotokolls soll der Angeklagte die Klägerin gefragt haben, ob sie mit ihm schlafen wolle. Dieser sieht dies anders: Demnach habe er seine Schwägerin gebeten, seiner Frau zu sagen, er habe sie gefragt, ob sie mit ihm in den Ausgang gehen wolle. Dann soll es, so die Variante der Klägerin, im Lift zu einem Kuss auf ihre Wange gekommen sein. «Ich war nie mit ihr im Lift», konterte der Angeklagte. Dieser Kuss soll der Klägerin zu viel gewesen sein. Deshalb habe sie eine Anzeige eingereicht, deren Folge der Prozess vor dem Bezirksgericht war.

Der amtliche Verteidiger forderte einen Freispruch. Unter anderem sagte er, es sei umstritten, wer 2011 wo geschlafen habe. Die Klägerin sei unglaubwürdig, ihre Beschreibung der Handlungen des Angeklagten führte er auf spätere Erfahrungen in ihrer Beziehung zurück. Verschiedene Punkte in der ­Anklage und in Einvernahmeprotokollen zog er in Zweifel. Er bezweifelte auch die Urteilsfähigkeit der Richter bei der Aussagenanalyse. Dem Angeklagten sei zugutezuhalten, dass in den vergangenen 10 Jahren nichts passiert sei.

Das Gericht verzichtet auf Busse und Landesverweis

In ihrem Schlusswort sagte die Klägerin: «Es ist nicht fair, was die Verteidigung sagt.» Damals hätte sie sich bedroht gefühlt und: «Ich schämte mich und habe keine Beweise.» Sie habe sich die Sache nicht ausgedacht. Ihr Ziel sei es nicht, dass der Angeklagte ins Gefängnis oder zahlen müsse, sondern dass so etwa nie mehr passiere. Der Angeklagte beteuerte dagegen seine Unschuld und sagte:

«Ich bin nicht bereit, eine Strafe abzusitzen, ohne dass ich etwas gemacht habe.»

Nach Abschluss der rund anderthalb Stunden dauernden Beratung verkündete Richterin Janine Bächler das Urteil: Der Angeklagte wurde der mehr­fachen sexuellen Handlung schuldig gesprochen. Dagegen wurde er von der sexuellen Nötigung – wegen des angeblichen Kusses im Lift – freigesprochen. Insgesamt wurde er mit einem bedingten Freiheitsentzug von 10 Monaten bei einer Bewährungsfrist von 2 Jahren bestraft. Auf eine Busse und einen Landesverweis verzichtete das Gericht.

Ausführlich begründete die Richterin das Urteil. Die Klägerin habe die Tat lebendig geschildert, weil sie dies erlebt habe, und nicht einfach eine Geschichte erzählt. Der Angeklagte habe aus egoistischen Motiven gehandelt, er sei weder geständig oder reuig noch einsichtig. Unterstrichen wurde diese Aussage durch die Beobachtung der Richterin, dass der Angeklagte bei einigen Fragen lachte. Gegen das Urteil kann Beschwerde eingereicht werden.

Aktuelle Nachrichten