24 Stunden in...
Dietikon: Die dynamische Stadt ist am Puls der Zeit

Ein märchenhafter Skulpturenpark, Gespräche über Kultur, Standortförderung und soziales Engagement. Fünf Begegnungen in 24 Stunden zeigen die Vielfalt der stark wachsenden Stadt.

Esther Laurencikova
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24 Stunden in Dietikon
19 Bilder
Der Dietiker Bahnhof ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im Kanton Zürich.
Der Dietiker Bahnhof ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im Kanton Zürich.
Die Bruno Weber Skulptur am Bahnhof
Bruno Weber Skulptur am Bahnhof
Pause im Spettacolo
Rotgelbe Vogelköpfe begrüssen mich am Parktor
Hundeskulpturen im Park
Verschiedene Skulpturen im Bruno Weber Park
Eric Maier begrüsst Pfau Joseph
Ein Elefant im Waldgarten
Alphornskulptur im Waldgarten
Betonstühle mit Greisenköpfen
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Irene Brioschi in der Taverne zur Krone
Am Freitag Abend am Bahnhof Dietikon
Ein kleines Kind spielt auf dem Busperron
Michael Seiler im Stadthaus Dietikon
Ursula Frei zeigt mir die Steinzeitausstellung ihres Enkels

24 Stunden in Dietikon

Mario Heller

Leicht quietschend öffnet sich das Tor des Bruno-Weber-Parks, welches geziert wird von rotgelben Vogelköpfen. Eric Maier, Stiftungsrat der Bruno-Weber- Stiftung, begrüsst mich und wir beginnen unseren Spaziergang durch eine Allee von riesigen Hirschskulpturen zu einem kleinen Vorplatz. Eine Aussergewöhnlichkeit des Parks zeigt sich bereits in diesen ersten Minuten. «Der Zugangsweg des Parks befindet sich noch auf Dietiker Boden, während der Park selber zu Spreitenbach und somit zum Kanton Aargau gehört», erklärt Maier. Der Park ist eine Zwischenwelt – geografisch, aber auch ästhetisch. Auf dem Theaterplatz sind wir umgeben von verschiedenen Skulpturen: Betonstühle mit Greisenköpfen, Schlangen mit menschlichem Antlitz und Stierhäuptern. Alle wenden sie ihre Blicke in verschiedene Richtungen. Man ahnt es, als Parkbesucher ist man nicht nur Beobachter, sondern wird auch zum Beobachteten.

«Bruno Weber war in vielen Mythologien zu Hause, verschiedene Geschichten haben sein Schaffen geprägt», sagt Maier. Einfallsreichtum, Originalität und Humor waren aber nicht nur Teil von Webers Endprodukten, sondern auch Faktoren in seinem Schaffensprozess. Ein Blick auf den Boden bietet ein gutes Beispiel. Die vereinzelten gelben zwischen den grauen Pflastersteinen sind ursprünglich Teile eines Fussgängerstreifens, der 2011 verstorbene Dietiker Künstler bekam diese vom Tiefbauamt des Kantons Zürich für wenig Geld.
Während Maier erklärt, wie Weber mit Geschick eine riesige Betoneule erschaffen hat, werden wir von einem Bewohner des Parks unterbrochen. Weder Mensch noch Skulptur, aber passend zur Atmosphäre des Parks gesellt sich der Pfau Joseph zu uns. Doch länger kann ich nicht verweilen, die Uhr zeigt beinahe Mittag an und ich bin in der Taverne zur Krone verabredet.

Pasta und Steinzeit

«Kultur ist etwas für alle», sagt Irene Brioschi, während wir uns für ein Pastamenu entscheiden. «Viele denken bei Kultur ans Opernhaus oder an alte Leute, das finde ich schade», sagt sie. Als Kulturbeauftragte der Stadt Dietikon sieht sie ihre Aufgabe darin, ein Gleichgewicht bezüglich der Veranstaltungen herzustellen. «Ich will nicht nur bekannte Künstler fördern, sondern auch dem Nachwuchs eine Chance bieten, etwas auf die Beine zu stellen», so Brioschi. Das Dietiker Publikum sei aber manchmal nicht ganz einfach, meint sie lächelnd. Neue Künstler hätten es schwer, erfolgreich sei hauptsächlich, was aus der Region kommt. «Konzerte sind in Dietikon immer gut besucht, aber nur, wenn die Musik nicht allzu exotisch ist.» Ein weiteres grosses Projekt ist die erstmalige Durchführung des Talentwettbewerbs «Limmattalente» im nächsten Jahr, davon erhofft sich Brioschi eine Entdeckung weiterer Talente.

Wussten Sie schon?

- Die erste Nennung von Dietikon findet sich in den historischen Quellen als «Dietinchovin» um ca. 1100 n. Chr.

- Auf Facebook finden sich 78 Seiten, welche im Titel «Dietikon» tragen.

- Dietikons Wohnbevölkerung ist jünger als der Durchschnitt des restlichen Kantons. Knapp 34 Prozent der Einwohner sind zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt.

- Im Zentrum Dietikons werden täglich etwa 13 500 Käufe getätigt.

- Über die Hälfte der Dietikerinnen und Dietiker, rund 67 Prozent, leben in einem 1- bis 2-Personen-Haushalt.

- Auf Facebook gibt es eine Gruppe, die sich «Ich ha dietikä tettowiert und hasse urdorf!» nennt.

Ein besonderer Herzenswunsch sei die gegenseitige kulturelle Teilhabe – Dietikon weise schliesslich einen hohen Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund auf. Brioschi wünscht sich einen besseren Austausch. Am letztjährigen Integrationsfest sei dies fast gelungen, es gäbe aber noch Hemmungen abzubauen.

Privat geht Brioschi am liebsten ins Theater, sie findet aber, dass jeder seine eigene Nische finden muss. «Gute Kultur berührt emotional. Das heisst nicht, dass immer alles todernst und schwer sein muss. Kunst darf auch humorvoll sein, auch ein lustiger Abend ist ein gelungener Abend.» Nach einem Espresso mache ich mich auf den Weg zum nächsten Termin.

Ursula Frei ist vor sieben Jahren nach Dietikon gezogen, seit zwei Jahren ist sie Mitglied im Frauenverein Dietikon. Dieser engagiert sich vielfältig: von bezahlbaren Sprachkursen, der Seniorenweihnacht über Nachbarschaftshilfe bis hin zum Projekt «Tischlein deck dich», das Verteilen von Essen an Bedürftige. «Das breit gefächerte Engagement des Vereins hat mich beeindruckt, ich wollte unbedingt mitmachen», sagt Frei. Laut Vereinspräsidentin Esther Schasse, die gerade in den Ferien ist, ist «Geben und Nehmen» das Motto des Vereins. Dabei spiele derzeit auch die Zukunft eine Rolle – es fehlt der Nachwuchs im Vorstand.

«Wir überlegen uns, wie wir den Verein zukünftig ausrichten sollen, ohne dabei Bewährtes aufzugeben», sagt Frei. Sie selber packt vor allem beim «Tischlein deck dich» und der alljährigen Seniorenweihnacht an, die der Frauenverein organisiert. «Wenn ich am Ende der Seniorenweihnacht den Teilnehmenden an der Garderobe ihre Mäntel zurückgebe, spürt ich die Freude. Das motiviert und macht mich glücklich», so Frei. Plötzlich klingelt es an der Tür und wir schauen auf die Uhr. Freis Enkel, der sechsjährige Lukas, hat alle Nachbarn des Hauses zu seiner Steinzeitausstellung eingeladen. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Ein lautes Donnern erschüttert den Himmel, gleichzeitig beginnt mein Telefon zu klingeln.

Marathon statt Sprint

Eigentlich hätte ich Michael Seiler, Standortförderer der Stadt Dietikon, im Coworkingspace Bureau D treffen wollen. Doch ein Wasserschaden macht uns einen Strich durch die Rechnung. Deshalb vereinbaren wir, uns im Stadthaus zu treffen.

Seiler sieht seine Position an der Schnittstelle zwischen Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung, was sich gegenseitig beeinflusst. «Meine Arbeit ist manchmal ein Balanceakt – dazu gehört das gleichzeitige Vertreten der Interessen Dietikons, aber auch das Eingehen auf die Bedürfnisse verschiedener Unternehmen, welche hier tätig sind oder sich ansiedeln möchten», sagt er. Die alltägliche Herausforderung sei dabei, gleichzeitig einzelne Entwicklungen sowie das grosse Ganze im Blick zu haben. «Ich bin also in vielen Richtungen unterwegs, oft ist das kein Sprint, sondern ein Marathon», so Seiler.

Als Privatperson ist er Mitgründer des Vereins Bureau D, ein Coworkingspace, der an der Florastrasse die Möglichkeit bietet, temporär einen Arbeitsplatz zu mieten. «Vor allem bei Personen, die im digitalen Bereich arbeiten, ist die Nachfrage nach solchen temporären Büroplätzen gross und ich denke, dass sie in Zukunft zunehmen wird», sagt Seiler. Seine Teilhabe an der Verwirklichung des Bureau D steht exemplarisch für seinen mannigfaltigen Arbeitsprozess. «Auf Facebook und Twitter habe ich mich umgeschaut, wer aus Dietikon aktiv ist und welche Bedürfnisse da sind», so sei er auf eine Gruppe gestossen, die hauptsächlich aus Personen bestand, die im Onlinebereich tätig waren. Diese traf sich einmal im Monat schon um 7 Uhr morgens auf einen Kaffee am Bahnhof Dietikon. Die Idee, in Dietikon einen Coworkingspace zu gründen, stand bereits im Raum, der Anstoss zur konkreten Umsetzung fehlte aber noch. «Das war dann mein Part», sagt Seiler und lacht. Welcher Ort ihm am besten in Dietikon gefalle, frage ich ihn zum Abschluss des Gesprächs. «Das Limmatfeld», antwortet Seiler. «Die Mischung aus Hochhäusern und kleinen, lokalen Geschäften ist für mich ein Sinnbild von Urbanität.»

Inzwischen ist es Abend und ich kehre ein im Bahnhof-Imbiss. Zum Abend essen gönne ich mir einen Döner. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Jugendliche über Pokémon Go, Erdogan und Hautunreinheiten. Ich schmunzle und bin froh, ist mein letzter Programmpunkt heute die Übernachtung zum Spezialpreis im Hotel Conti. Kaum liege ich im Bett, schlafe ich ein und verschlafe am Morgen prompt das Frühstück. Als ich später wieder am Bahnhof stehe, betrachte ich kurz die Bruno-Weber-Skulptur und verabschiede mich nach 24 Stunden von Dietikon.

Bewegtes Dietikon

Wer im Sommer 1847 in Zürich etwas auf sich hielt, bewirtete seine Gäste mit «Spanischen Brötchen», einer Spezialität, die nur in einer Badener Konditorei hergestellt wurde. Nur wer das modernste Verkehrsmittel der Welt, die Eisenbahn, benutzte, konnte seinen Gästen diese Delikatesse offerieren. Seit August desselben Jahres führte eine Eisenbahnlinie von Baden nach Zürich, die Station Dietikon war dabei eine wichtige Haltestelle. Bis zu viermal täglich verkehrte die Eisenbahn, im Volksmund «Spanischbrötlibahn» genannt, zwischen Zürich und Baden. Sie bediente vier Haltestellen: Altstetten, Schlieren, Dietikon und Killwangen.

Ein halbes Jahrhundert später suchte die Stadt Bremgarten nach einer Verbindung in die Region Zürich. Nach einigen Streitigkeiten bezüglich der Linienführung nahm die Bremgarten-Dietikon-Bahn im Jahr 1902 ihren Betrieb auf.

Heute, rund 120 Jahre später, schläft der Bahnhof Dietikon selten. Bis zu 10 000 Personen pendeln täglich mit dem Zug nach Dietikon und verstreuen sich von den Perrons aus in die ganze Stadt. Insgesamt führen vier Stadtschnellbahnlinien achtmal pro Stunde durch Dietikon: die S3 von Aarau nach Wetzikon, die S12 von Brugg nach Seuzach, die S17 von Dietikon nach Wohlen sowie die S19 von Koblenz nach Pfäffikon.

Ungefähr 24 600 Personen benützen die Bahnhöfe Dietikon und Glanzenberg täglich. Diese Zahl wird in den nächsten Jahren noch zunehmen. Bereits jetzt gehört Dietikon zu einer der fünf grössten Städte im Kanton Zürich, bis zum Jahr 2030 ist ein Bevölkerungswachstum von 17 Prozent zu erwarten. Insgesamt 30 000 Einwohner wird die Stadt Dietikon dann zählen.

Ein Trend aus der Stadt Zürich beginnt sich auch in Dietikon abzuzeichnen: Rund ein Viertel der Dietiker Haushalte verfügt über kein Motorfahrzeug. Verwundern muss das nicht, befindet sich doch jeder Dietiker Haushalt durchschnittlich nur 145 Meter entfernt von einer Haltestelle des öffentlichen Verkehrs.