Dietikon
Die Abfall-Wärme heizt jetzt nochmals 59 Gebäude mehr – trotzdem halten manche die Limeco für «verrückt»

Die Betreiberin der Kehrichtverwertungsanlage in Dietikon investiert 172 Millionen Franken in ihr Fernwärmenetz – ohne Volksabstimmung. Darum will der Dietiker AL-Politiker Ernst Joss, dass sich der Stadtrat jetzt überlegt, wie mehr Mitsprache möglich ist.

David Egger
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In Dietikon verbrennt die Limeco über 90000 Tonnen Kehricht jährlich. Die Energie, die dabei entsteht, heizt immer mehr Gebäude im Limmattal – von Spreitenbach bis Oberengstringen.

In Dietikon verbrennt die Limeco über 90000 Tonnen Kehricht jährlich. Die Energie, die dabei entsteht, heizt immer mehr Gebäude im Limmattal – von Spreitenbach bis Oberengstringen.

Bild: Sandra Ardizzone

Man schrieb den 18. Januar 2017. Es war so bitterkalt, dass fast der Atem vor dem Gesicht fror. Passt, denn es ging ums Heizen. Am besagten Tag begann der millionenschwere Ausbau des kleinen Limmattaler Fernwärmenetzes, das schon seit 1985 in der Dietiker Silbern besteht. Dort befindet sich die Kehrichtverwertungsanlage der Limeco, die dank Hochkamin von weit her zu ­sehen ist.

Der Ausbau des Fernwärmenetzes läuft immer noch. Bis nach Oberengstringen reichen inzwischen die Leitungen.

Der Limeco-Hochkamin ist von weit her zu sehen. Und auch die Fernwärmeleitungen reichen immer weiter.

Der Limeco-Hochkamin ist von weit her zu sehen. Und auch die Fernwärmeleitungen reichen immer weiter.

Severin Bigler

Bei der Abfallverbrennung entsteht ohnehin Wärme. Darum gilt diese als umweltfreundlicher als jene, die entsteht, wenn importiertes Heizöl verbrannt wird. «Schonen Sie das Klima», lautet eine Werbung für die Limeco-Wärme.

Auch das Shoppi Tivoli macht mit

Diese Fernwärme, von der Limeco Regiowärme genannt, wird immer mehr zum Kassenschlager. Per Ende 2020 zählte die Limeco schon 186 Regiowärmebezüger. Ende 2019 waren es noch 127 und Ende 2018 noch 91. Von solchen Wachstumszahlen mit einer Verdoppelung der Kundenzahl können viele andere Unternehmen nur träumen. In ihrem Geschäftsbericht 2018 hatte die Limeco ihre Regiowärme passend dazu verglichen mit einem «Start-up». Dieses hat auch prominente Kunden, zum Beispiel das Shoppi Tivoli in Spreitenbach, das seit 2019 mit Dietiker Abfall-Wärme geheizt wird. Weitere werden folgen.

In wohliger Wärme shoppen: Das geht in Spreitenbach dank der Fernwärme aus Dietikon.

In wohliger Wärme shoppen: Das geht in Spreitenbach dank der Fernwärme aus Dietikon.

Severin Bigler (29. November 2019)

Dietikon diskutiert sonst über viel tiefere Beträge

Erfolgreich und voll öko also. Doch es gibt Kritik. Vor allem bei der Finanzierung des Ausbaus. 171,5 Millionen Franken kostet er brutto. Davon abgezogen werden noch die Anschlusskostenbeiträge, die die Wärmebezüger zahlen müssen. Doch ob brutto oder netto: Es geht um sehr viel Geld. Das Dietiker Volk diskutiert und stimmt für gewöhnlich über viel kleinere Beiträge einzeln ab – beispielsweise genehmigte es im November rund 4,8 Millionen Franken für die Sanierung und den Umbau der Zehntenscheune. Zu den rund 172 Millionen Franken für den Regiowärme-Ausbau hatte das Volk der acht Trägergemeinden – neben Dietikon sind das Urdorf und Schlieren und die fünf Gemeinden rechts der Limmat – hingegen nichts zu sagen.

Genehmigt wurde die Stange Geld stattdessen von den Exekutiven, also von den Stadträten von Dietikon und Schlieren sowie den Gemeinderäten von Urdorf, Oberengstringen, Unterengstringen, Weiningen, Geroldswil und Oetwil. Alles ohne Volk – aber ganz korrekt gemäss den Regeln.

Schaut bei der Limeco kritisch hin: der Dietiker AL-Gemeinderat Ernst Joss.

Schaut bei der Limeco kritisch hin: der Dietiker AL-Gemeinderat Ernst Joss.

zvg

Daran stört sich Ernst Joss, Mitglied der SP/AL-Fraktion im Dietiker Parlament:

«Die Limeco gehört den Gemeinden und investiert hunderte Millionen Franken, aber das Volk dieser Gemeinden hat nichts zu sagen. Es hat zu wenig Mitspracherecht und damit bin ich unglücklich.»

Nun will Joss wissen, wie der Dietiker Stadtrat dazu steht. Und er regt an, dem Volk mehr Macht zu geben. «Könnte sich der Stadtrat einen Ausbau der Mitsprachemöglichkeiten der Bevölkerung vorstellen? Wie müsste dies geschehen?», fragt er in einer neuen Interpellation.

Früher war es anders

Am liebsten hätte Joss die alten Zeiten zurück, als die Limeco noch ein klassischer Zweckverband war. Solche gibt es heute noch: So steht hinter dem regionalen Altersheim in Weiningen der Zweckverband Seniorenzentrum Im Morgen. Alle fünf Gemeinden rechts der Limmat reden mit – und wenn viel Geld investiert wird, gibt es eine Volksabstimmung in den fünf Gemeinden.

Die Limeco ist hingegen seit 2010 eine interkommunale Anstalt. Das Volk der acht Trägergemeinden genehmigte die Umwandlung des Zweckverbands in eine interkommunale Anstalt damals mit einem Ja-Stimmen-Anteil von über 90 Prozent.

Kennt jeder Limmattaler: Gebührensack der Limeco.

Kennt jeder Limmattaler: Gebührensack der Limeco.

Oliver Graf

Seither investiert die Limeco viel, doch oft ohne direkte Zustimmung des Volkes.«Auch der Dietiker Stadtrat muss gemerkt haben, dass wir einfach verrückt wenig zu sagen haben. Die Limeco ist ein selbstherrliches Konstrukt und geht Risiken ein, ohne das Volk zu fragen», sagt Joss. Und:

«Es nimmt mich wirklich wunder, ob der Stadtrat zufrieden ist mit dieser Situation.»

Der Stadtrat hat nun drei Monate Zeit, um die Interpellation von Joss zu beantworten.

Seine Regiowärme verkauft sich: Patrik Feusi ist Geschäftsführer der Limeco.

Seine Regiowärme verkauft sich: Patrik Feusi ist Geschäftsführer der Limeco.

Sandra Ardizzobe

Die Limeco wird am Dienstag, 27. April ihren Geschäftsbericht für 2020 veröffentlichen. Eines sagt Geschäftsführer Patrik Feusi jetzt schon:

«Erstmals seit dem Beginn des Ausbaus und vier Jahre früher als im Businessplan kalkuliert, weist der Bereich Regiowärme einen Gewinn aus.»

Die eingegangenen Investitionsrisiken scheinen sich also auszuzahlen. Und das Wachstum beziehungsweise die Baustellen sind noch lange nicht zu Ende.

So sah es aus, als die Limeco-Fernwärmeleitungen an der Zürcherstrasse in Dietikon verlegt wurden.

So sah es aus, als die Limeco-Fernwärmeleitungen an der Zürcherstrasse in Dietikon verlegt wurden.

Severin Bigler (Dietikon, 4. Juni 2020)