Dietikon
Botox statt Badeferien: Wieso die Eitelkeit in der Pandemie zunimmt

Hilda Shamon führt in ihrer Praxis für medizinische Ästhetik und Laser in Dietikon seit Beginn der Coronakrise ein Drittel mehr Behandlungen durch als davor. Sie erzählt, warum die Schönheitsindustrie von Homeoffice, Videokonferenzen und der Maskenpflicht profitiert.

Sibylle Egloff
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Schönheitsboom in Coronazeiten: Ärztin Hilda Shamon zählt seit der Pandemie mehr Patientinnen und Patienten in ihrer Praxis für medizinische Ästhetik und Laser in Dietikon. Besonders beliebt sind Botox-Behandlungen.

Schönheitsboom in Coronazeiten: Ärztin Hilda Shamon zählt seit der Pandemie mehr Patientinnen und Patienten in ihrer Praxis für medizinische Ästhetik und Laser in Dietikon. Besonders beliebt sind Botox-Behandlungen.

Severin Bigler

Vorsichtig zieht Hilda Shamon die Flüssigkeit im Fläschchen mit einer dünnen Spritze auf. Darin befindet sich Botulinumtoxin – kurz Botox – verdünnt mit etwas Kochsalzlösung. Das Nervengift bringt Falten vorübergehend zum Verschwinden. Seit Ausbruch der Coronapandemie ist der Wirkstoff in Shamons Praxis für medizinische Ästhetik und Laser im Dietiker Limmatfeld gefragter denn je. «Wir erhalten 30 Prozent mehr Anfragen für nicht invasive Eingriffe als zuvor. Vor allem hautverjüngende Behandlungen mit Botox, Hyaluronsäure und Eigenblut sind bei Frauen sowie Männern sehr beliebt», sagt sie.

Die Gynäkologin aus Dietikon eröffnete 2016 ihre Praxis für Frauengesundheit im Limmat-Tower. Zwei Jahre später erweiterte sie das Angebot und setzt seitdem zusätzlich auf die Schönheitsmedizin. «Als Gynäkologin werde ich jeden Tag mit ästhetischen Fragen meiner Patientinnen konfrontiert. Es geht etwa um das Kaschieren von Kaiserschnittnarben oder um die vaginale Verjüngung nach der Geburt», erzählt Shamon. Weil sie sich bereits seit längerer Zeit für nichtinvasive Techniken der ästhetischen Medizin interessierte, kam sie auf die Idee, diese beiden Bereiche zu kombinieren.

Der Schritt ins Beauty-Geschäft scheint sich spätestens jetzt in der Pandemie auszuzahlen. Die Schönheitsbranche erlebt einen Boom, das bestätigen Shamon auch zahlreiche Kolleginnen und Kollegen. «Die Menschen haben wegen der Krise mehr Zeit, sich mit sich selbst und ihrem Aussehen zu beschäftigen.» Überdies würden sie sich öfters in den sozialen Medien aufhalten. Dort sei man Schönheitsidealen ausgesetzt, auch wenn diese wegen Filtern und Retusche meist wenig mit der Realität zu tun hätten.

Augenpartie wird durch die Masken betont

Doch das ist für Shamon nicht der einzige Grund für die Zunahme von Schönheitsbehandlungen. Auch Videoanrufe und digitale Konferenzen hätten einen Einfluss. «Dauernd wird einem in diesen Onlinemeetings sein eigenes Spiegelbild vorgehalten. Einige beäugen sich kritisch und wollen etwas verändern. Daher sind vor allem Eingriffe im Gesicht wie etwa Lidstraffungen und Filler-Behandlungen am Boomen.» Die Augenpartie werde zudem durch die Maskenpflicht betont, sodass einige sich auch deshalb dazu entscheiden, diesen Bereich im Gesicht zu verschönern. «Kollegen berichten mir auch, dass sie derzeit besonders viele Fettabsaugungen vornehmen. Die Leute wollen die im Lockdown und Homeoffice angefutterten Pfunde loswerden», sagt Shamon.

Eine optische Optimierung konnte zudem noch nie so unbemerkt vollzogen werden wie in der Coronakrise. «Zuhause im Homeoffice ist es einfacher, sich auskurieren zu lassen. Man kann den Eingriff geheim halten und muss nicht einmal Ferien nehmen, um die geschwollenen Lippen oder blutunterlaufenen Augen zu verstecken», sagt Shamon. Denn anders als in den USA, Lateinamerika oder dem Orient sei der Gang zum Schönheitschirurgen in der Schweiz noch immer ein kleines Tabu. «Dort wird sogar damit angegeben. Die Pflästerchen im Gesicht werden zur Schau gestellt, um zu zeigen, dass man sich solche Eingriffe leisten kann.» Das sei hier noch nicht der Fall, doch die Pandemie fördere diesen Trend auch in der diskreten Schweiz.

Mehr Geld für die Schönheit ausgeben

Die vielen Einschränkungen bewegen Menschen ebenso dazu, sich unters Messer oder auf den Behandlungsstuhl zu legen. «Man will sich etwas gönnen. Da das Geld nicht für Ferien ausgegeben werden kann, investieren viele in die eigene Schönheit», sagt Shamon. Das erschwerte Reisen führe überdies dazu, dass man für Brustoperationen nicht nach Tschechien oder für Zahnkorrekturen nach Ungarn gehe, sondern die Eingriffe in der Schweiz machen lasse.

Die Beweggründe ihrer Patientinnen und Patienten würden variieren, sagt Shamon. «Doch alle verfolgen das gleiche Ziel: noch schöner zu werden.» Dass die ästhetische Medizin nach wie vor von vielen verteufelt wird, versteht sie nicht. «Schönheit ist ein Urbedürfnis des Menschen. Die Evolution zeigt, dass alles, was symmetrisch und jugendlich aussieht, als schön angesehen wird. Diese Eigenschaften versprechen die beste Voraussetzung auf Fortpflanzung.» Ein gutes Aussehen, volles Haar und schöne Haut seien ein Zeichen von Gesundheit und die Schönheit ein Versprechen auf Glück. «Studien zeigen, dass schöne Menschen es leichter haben, einen Partner zu finden. Zudem wird ihnen mehr zugetraut», sagt Shamon. Nichtsdestotrotz würde sie sich etwas Diversität und Freiheit bei der Auslegung von Schönheit wünschen. «Es sollte zum Beispiel keine Rolle spielen, ob jemand Kleidergrösse 34 oder 44 hat.»

Unrealistische Wünsche werden nicht erfüllt

Die Ärztin hütet sich zudem, Patientinnen und Patienten jeden Wunsch zu erfüllen – zum Beispiel ihnen die Lippen übermässig gross aufzuspritzen. «Man sollte vorsichtig sein, unrealistische Forderungen zu unterstützen, da sich manchmal auch psychologische Erkrankungen hinter dem Bedürfnis nach einem Schönheitseingriff verbergen können», sagt Shamon. Dies sei vor allem bei jüngeren Frauen der Fall. Nur wenige davon gehören aber zu ihren Patientinnen und Patienten. Der Grossteil ist nämlich zwischen 30 und 50 Jahre alt, 60 Prozent davon sind Frauen und 40 Prozent Männer.

Dass sie weniger wichtige Arbeit vollbringe als Kollegen in der Herzchirurgie oder Allgemeinmedizin, findet Shamon nicht. Sie sei in erster Linie Gynäkologin und nur weil sie Schönheitsbehandlungen unterstütze, heisse das noch lange nicht, dass sie oberflächlich sei. «Schönheit trägt zur Gesundheit des Menschen bei. Ich kann den ästhetischen Aspekt als Medizinerin also nicht ausser Acht lassen.»