Frau Müller, Sie sind in Dietikon aufgewachsen und leben mit Unterbrüchen nun bereits seit acht Jahren in Brasilien. Wem drücken Sie an der WM die Daumen, der Schweizer Nati oder der Seleção?

Brigitte Müller: Natürlich den Schweizern. Ich hoffe, dass sie es in das Viertelfinal schaffen. Allgemein sind die Erwartungen an die brasilianische Nationalmannschaft im eigenen Land nicht allzu hoch. Die meisten gehen davon aus, dass eine südamerikanische Mannschaft Weltmeister wird, jedoch nicht die Seleção.

Es fehlt tatsächlich das Vertrauen der Bevölkerung in die eigene Mannschaft?

Ja. Viele glauben, dass die aktuelle Auswahl nicht so stark ist wie die Teams der glorreichen Vergangenheit.

Das Turnier hat am Donnerstag begonnen. Im Vorfeld kam es zu Protesten, Streiks und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der aufgebrachten Bevölkerung und der Staatsgewalt. Wie ist die Stimmung im Land derzeit?

Noch am Donnerstag herrschte eine sehr zurückhaltende Vorfreude. Die Dörfer sind auch jetzt noch weniger geschmückt als etwa vor vier Jahren, als die Weltmeisterschaft in Südafrika stattfand.

Wem ist das nun eher geschuldet: dem fehlenden Vertrauen in die Seleção oder den Räumungen von ganzen Quartieren, den Razzien und den Unfällen beim Bau der Stadien im Vorfeld der WM?

Diese Vorfälle trugen sicher dazu bei, dass die Bevölkerung gegenüber der Fifa und der Weltmeisterschaft sehr skeptisch wurde. Überall wird der Vorwurf laut, dass man das Geld für die neuen Stadien besser in Spitäler, Schulen und andere dringend benötigte Infrastruktur gesteckt hätte.

In Europa vertreten einige Medienanalysten die These, dass das Turnier in Brasilien nur ohne Zwischenfälle durchgeführt werden kann, wenn die Seleção erfolgreich ist. Würde der Erfolg der Nationalmannschaft Ihrer Meinung nach den Protest tatsächlich verstummen lassen?

Ich bin mir sicher, dass sich die Situation zuspitzen wird, wenn die Nationalmannschaft schlecht spielt. Dann könnte die Lage kritisch werden.

War es ein Fehlentscheid der Fifa, die Weltmeisterschaft an Brasilien zu vergeben?

Für die Fans, die aus dem Ausland angereist sind, ist Brasilien sicher ein grossartiger Gastgeber. Die Menschen sind sehr offen, herzlich und immer darauf bedacht, Fremde mit offenen Armen zu empfangen. Aber aus Sicht der Bevölkerung war es ein Fehler. Kaum jemand will die WM hier haben.

Woher rührt denn die Instabilität, die man zurzeit in Brasilien wahrnimmt?

Viele Menschen hier sind verunsichert. Im Oktober stehen Wahlen an und das Vertrauen in die Politiker fehlt. Alle warten ab, was passiert. Diese Verunsicherung führt mitunter dazu, dass viele ihren Konsum stark einschränken.

Sie betreiben in Bonito, einem Touristenort im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, ein Hostel. Kriegen auch Sie das veränderte Konsumverhalten zu spüren?

Sehr sogar: Letztes Jahr waren mehr Touristen hier im Dorf als heute. Während der WM erwarteten wir eigentlich eine bessere Auslastung. Wir warten nun aber ab, was passiert. Mir wurde auch schon gesagt, dass während der WM das Flugzeug, welches zweimal wöchentlich den nächstgelegenen Flughafen anfliegt, nicht mehr hierher kommt, weil es anderswo gebraucht wird.

Werden Sie selbst an ein Spiel gehen?

Ich habe mir zwar ein Ticket gekauft, was gar nicht so einfach war. Weil ich nun aber nicht zum Spiel fliegen kann, weil die Flüge so teuer sind, habe ich es wieder verkauft.

Ab 2008 verbrachten sie drei Jahre in der Schweiz. Sie erlebten damals mit der Euro 08 auch ein Grossturnier in ihrer alten Heimat. Wie beurteilen sie die Stimmung damals im Vergleich zu ihren Erlebnissen in Brasilien während der WM?

Zumindest im Vorfeld der Europameisterschaft war in der Schweiz viel mehr Euphorie spürbar. Auch als ich vor einigen Wochen zuletzt in der Schweiz war, war das Thema WM in den Medien allgegenwärtig, während in Brasilien noch kaum darüber berichtet wurde. Allerdings funktionieren Brasilianer nicht gleich: Hier kann der Funke während eines einzelnen Spiels der Nationalmannschaft auf die ganze Bevölkerung überspringen.

Sie kehrten 2008 nach fünf Jahren in Salvador de Bahia in die Schweiz zurück. Wieso wanderten Sie 2011 doch wieder nach Brasilien aus?

In Salvador war meine Arbeitssituation sehr schwierig. Als alleinerziehendes Mami ist die Vereinbarkeit mit einer Arbeit sehr schwierig in der Schweiz. Da erhielt ich das Angebot, als Geschäftsführerin eines Hotels hier zu arbeiten. Nach einem Jahr konnte ich mich mit meinem Hostel selbstständig machen. Hier kann ich mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen und die Kinderbetreuung einfacher regeln.

Einfacher als in der Schweiz?

Ja. Die Brasilianer sind sehr kinderfreundlich und die nachbarschaftlichen Netzwerke funktionieren gut. Wenn Thierry aus der Schule kommt, ist er normalerweise bei mir im Hostel. Falls ich aber noch auswärts etwas zu tun habe, so kann ich ihn ohne Bedenken den Nachbarn anvertrauen. Auch das ist Brasilien.