Öffnet man die beiden Vorhänge, die die Sichlete von der Aussenwelt trennen, wird man mit einem wunderbaren Essensgeruch und Musik begrüsst. Alle sitzen, essen, schwatzen und lauschen den vier Musikern, die für die heutige, letzte Sichlete aus dem Appenzell angereist sind. Der Akkordeonspieler stampft zwei, drei Mal den Takt und alle setzen zum nächsten Lied ein. Die Servicedamen in ihren traditionellen Trachten bringen den hungrigen und durstigen Gästen Speis und Trank. Von Fleisch bis zu den leckeren Öpfelchüechli – den Gästen, die sich am Samstag beim Schulhaus Zentral in Dietikon eingefunden haben, schmeckts.

Im Jahr 1978 lancierte Hilde Baer Planzer die Sichlete in Dietikon; seitdem treffen sich hier jedes Jahr Dietiker und Heimweh-Dietiker, um dieses traditionelle Erntedankfest zu geniessen. Doch leider fehlt der Nachwuchs – deshalb haben sich die Organisatoren schweren Herzens entschieden, dass diese Sichlete ihre letzte sein wird. «Das Fest ist mit uns älter geworden», sagt Astrid Dätwyler, Präsidentin des Trachtenvereins Dietikon, der den Anlass bisher organisierte. «Anfangs ist mir das Ende sehr schwer gefallen, denn ich war von Anfang an dabei», sagt sie. «Doch mittlerweile habe ich es akzeptiert. Wir hatten so viele tolle Jahre, so schöne Feste. Doch jetzt ist gut.»

«Man sieht ja: Die Jungen fehlen»

Auch Betli und Erich Vogler werden die Sichlete und die Trachten vermissen: «Es ist schade, dass es heute das letzte Mal ist, aber wir sind älter geworden.» Der Sichelte-Routinier Gody Forster teilt ihre Ansicht: «Seit den Anfängen bin ich eigentlich jedes Jahr hier. Es ist traurig, aber man sieht es ja: Die Jungen fehlen.» Traurig über das Ende der Ära sind an diesem Nachmittag alle. Doch in die Traurigkeit darüber, eine jahrelang gelebte Tradition zu begraben, mischt sich auch Enthusiasmus und Vertrauen in die nächste Generation. Denn es gibt sie, die Jungen, die die Sichlete weiterleben lassen wollen.

Die Sichelte wird modernisiert

«Wir wollen die Sichlete im ähnlichen Stil weiterführen. Es wird ein paar Anpassungen geben, eine gewisse Modernisierung soll dieses traditionelle Fest am Leben erhalten, jedoch der Zeit anpassen», sagt Florian Hunsperger, Initiant und OK-Präsident des neuen Festes. «Die Berner Platte und die traditionelle Musik bleiben. Letztere soll sich aber – nur am Abend – zugunsten eines jüngeren Publikums ändern.» Ebenfalls gleicht bleibt: «Das Wort ‹Sichlete› soll auch im neuen Namen vorkommen», so Hunsperger.

Wiederkehr in neuem Geist

Astrid Dätwyler weiss jetzt schon, dass sie die neue Sichlete besuchen wird: «Ich finde es schön, dass die Tradition weitergeführt wird», sagt sie. Man solle die Jungen machen lassen, das bringe neuen Aufschwung. «Fertig ist es damit nicht. Die Sichlete kommt in einem neuen Geiste wieder», so Dätwyler.

Wenn man Astrid Dätwyler und Florian Hunsperger so nebeneinander sitzen sieht, zwei Generationen, die eine, die der anderen das Aufgebaute mit so viel Freude und Vertrauen weitergibt, weiss man: Die Sichlete hat an diesem Samstag nicht zum letzten Mal Dietikerinnen und Dietiker zusammengebracht.