Mit dem Nebel kam der Wolf. Die Aue, das Mutterschaf, und ihr Kleines hatten keine Chance. Zu weit hatten sie sich von der schützenden Herde entfernt, zu leicht hatten sie es dem Wolf gemacht. Und das am letzten Tag auf der Alp, am 4. September. «Ich habe gewusst, dass der Wolf kommen wird», sagt Doris Hax.

Die Dietikerin hat das Goms ganz bewusst ausgewählt: Seit den Siebzigerjahren machte Hax Wolfszählungen in den Abruzzen, in Polen und der Slowakei, betrieb Feldforschung mittels Spurensuche im Schnee. Als sie die Hirtenausbildung abgeschlossen hatte, war für sie klar, wo sie den Sommer verbringen wollte. «Und zwar da, wo der Wolf ist.» Nicht, weil sie einen Wolfsangriff erleben wollte, sondern um zu beweisen, wie effektiv Herdenschutzhunde sind.

Ein 24-Stunden-Job

231 Schafe hat Hax betreut, aufgeteilt in zwei Herden. Von Mitte Juni bis zum 5. September ist sie über drei Alpen gezogen; begleitet von Appenzeller Bäff und den Herdenschutzhunden Diva und Tamara. Mal zogen die beiden Herden gemeinsam umher, mal getrennt; die eine bewacht durch die Herdenschutzhunde, die andere von Hax und Bäff. «Eigensinnige Schafe zusammenzuhalten ist so schwierig, wie einen Sack Flöhe hüten.»

Hunderte Höhenmeter hat sie mit den Tieren zurückgelegt, hat bei den Herden geschlafen und täglich alle durchgezählt, hat die Tiere beobachtet und ihre Erkenntnisse aufgeschrieben, stundenlang nach Ausreissern gesucht. Immer auf sich allein gestellt, ein kleiner Punkt im Walliser Nirgendwo, zwischen Schnee, Geröll, Weiden und der Weite des Himmels. «Einsamkeit ist für mich das Grösste», sagt sie, diese Einsamkeit hätte sie gesucht.

Morgens um sieben hat Hax die Schafe jeweils aus dem Pferch gelassen, die Tiere im Gänsemarsch zu den Weiden laufen lassen und abends um neun wieder eingetrieben. Doch Feierabend gibt es für eine Hirtin nicht; selbst nachts muss er auf die Tiere aufpassen und schreien. Schreien, um den Wolf abzuhalten. «Zum Glück hatte ich direkt bei meinem Bett zwei kleine Fenster, durch die ich nach draussen schreien konnte, ohne aus den Federn zu kriechen», sagt Hax und lacht.

Doris Hax mit ihrem Hund Bäff im vorwinterlichen Schnee

Doris Hax mit ihrem Hund Bäff im vorwinterlichen Schnee

Tagsüber musste sie aufpassen, dass die Schafe in den richtigen Sektoren grasen und nicht zu sehr in die Höhe gehen, wo das eiweisshaltige und deshalb so begehrte Junggras wächst. Eine echte Herausforderung - aber eine dringend notwendige. «Schafe fressen selektiv, weshalb die Alpenmatten verarmen.» Will heissen: Weil die Schafe nur die besten Kräuter und Gräser fressen, wuchern Sträucher und fasrige Gräser. Die Flora kann sich nicht mehr erholen, die Vielfalt leidet.

Schafe kennen ihren Feind nicht

Hax wollte die Schafe kennen lernen, sie studieren. «Schafe haben ganz unterschiedliche Charaktere», sagt sie. Manche seien ängstlich, manche vorwitzig, manche nicht zu beeindrucken. «Schafe sind überhaupt nicht dumm, die wissen alles, was es zum Überleben braucht.» Nur ihren ärgsten Feind, den Wolf, den würden die Schafe nicht kennen.

Der Wolf - ein ständig wiederkehrendes Thema bei Haxs Erzählungen. Vorläufig nicht einverstanden ist sie damit, dass Biologen im Wallis fürs Monitoring, die Erfassung der Tiere, die Wölfe mittels Fussfallen einfangen und narkotisieren wollen, um sie unter anderem mit einem Radio- oder GPS-Halsband zu versehen. «Die Tiere werden dadurch völlig gestresst.» Der Datenempfang per Satellit sei in bergigem Gelände oder in dichten Wäldern ohnehin nicht möglich. Auch über die Walliser Jäger und Schafhalter, die den Wolf für alles und jenes verantwortlich machen, ärgert sich Hax. «Die Schafhalter wollen noch nicht mal Herdenschutzhunde einsetzen, obwohl ich die Erfahrung gemacht habe, dass sie eine der effektivsten Schutzmassnahmen gegen Wölfe sind.»

Jetzt ist Hax zurück in Dietikon, der Sommer auf der Alp Geschichte, der Wolf weit weg. «Ich habe es wahnsinnig genossen mit den Tieren», sagt Hax. Ihre Lieblingsaue «Piratin» und ihr Lamm «Wölkli» hat sie vor dem Schlachter gerettet. Im Mai wird sie sie im Wallis abholen und in einen Stall in Spreitenbach bringen.