Dietikon

Dietiker Hobbysänger steht in «Nabucco» mit den Profis auf der Bühne

Die Prager Festspieloper gibt in Dietikon ein Gastspiel mit Verdis «Nabucco». Hobbysänger Venanzio Deflorin ist glücklicher Gewinner des Wettbewerbs der az Limmattaler Zeitung. Er darf mit den Profis auf der Bühne stehen und mitsingen.

Venanzio Deflorin und seine Partnerin Marianne Feller beobachten interessiert das bunte Treiben auf dem Kirchplatz vor Vorstellungsbeginn. Techniker flitzen umher, der Dirigent verkündet seine letzten Anweisungen, die Sänger wärmen ihre Stimmen auf. Die Szene gleicht einem Ameisenhaufen. Feller zieht ihren Partner auf: «Du siehst etwas bleich aus, bist du nervös?» Deflorin verneint etwas zu energisch.

Der Dietiker Hobbysänger hat einen Wettbewerb der az Limmattaler Zeitung gewonnen (siehe Artikel vom 6.Juli). Er darf mit dem 120-köpfigen Ensemble der Prager Festspieloper Giuseppe Verdis «Nabucco» aufführen.

Eine Stunde später tröpfelt es

Punkt Sieben strömen die Besucher auf den Kirchplatz, als ob es etwas gratis gäbe. 600 Stühle stehen bereit für das Opernpublikum. Farbige Regenschirme schieben sich über den Platz, Grussworte fliegen von Kapuzenkopf zu Kapuzenkopf – die gute Laune und Vorfreude auf das Spektakel lässt sich niemand nehmen.

Eine Stunde später tröpfelt der Regen auf die durchsichtigen Plastikpelerinen. Ein triefender Dirigent schüttelt sich das kalte Nass aus den Haaren, sodass auf dem Notenpapier die italienische Musik langsam verwischt. Trotzdem wird den Zuschauern auf dem Kirchplatz ein Spektakel geboten, das es so in Dietikon noch nie gab.

Seit neun Jahren tourt der Veranstalter Go2 Convent GmbH jeden Sommer mit einem Opernensemble durch Europa. «Von Schweden bis Südtirol waren wir schon überall», sagt der Projektmanager Kai Schwarzkopf. Die aufgeführten Opern wechseln, «Nabucco» sei jedoch wegen seiner «Einsteigerfreundlichkeit» eine geeignete und daher oft gespielte Oper.

1842 an Scala uraufgeführt

Verdis Freiheitsoper thematisiert die Sehnsucht nach Freiheit des jüdischen Volkes vor der Gefangenschaft der Babylonier. Sie wurde 1842 an der Mailänder Scala uraufgeführt.

Die Zuschauer trotzen der aufkommenden Kälte. Auch die Ansage, dass man die Schirme während der Vorstellung, der schlechten Sicht wegen nicht benutzen darf, wird ohne Murren hingenommen. Eine Zuschauerin hüllt sich einfach fest in ihre Regenjacke und stülpt sich gegen das kühle Nass Plastiksäckchen über die Hände. Ein Mann schüttelt sich, als ihm einige Tropfen in den Nacken kriechen. «Jetzt haben wir zwar diesen riesigen Unterstand gebaut», sagt er und zeigt auf die Markthalle, «und trotzdem sitzen wir im Regen.»

Vom Regen gänzlich unbeeindruckt ist Opernfan Venanzio Deflorin. Sein grosser Moment naht, als er hinter die Bühne darf. Obwohl hinter der Bühne ein buntes Treiben herrscht, bleibt er äusserlich ganz ruhig und lässt sich von der Garderobiere sein Kostüm über den Kopf stülpen. Als Deflorin fertig angezogen ist, begrüsst ihn der Regisseur Oldrich Kriz herzlich. Sprachbarrieren kennen die beiden nicht. Grinsend versucht Deflorin, dem Tschechen einen rätoromanischen Zungenbrecher beizubringen. Besagter geht auf den Jux ein und revanchiert sich mit einem tschechischen Pendant. Die beiden verstehen sich. Dann darf Deflorin auch schon auf die Bühne. Mit dem 40-köpfigen Festspielchor singt er «Va, pensiero, sull’ali dorate» (Steig, Gedanke, auf goldenen Flügeln), die berühmte Freiheitshymne des Verdianischen Freiheitschores.

Deflorin singt in drei Chören

Deflorin, der in drei verschiedenen Chören singt, kennt das Stück bereits von früheren Auftritten. «Für diese spezielle Vorstellung habe ich mir die Noten nochmals genauer angeschaut», sagt er. Sein Engagement hat sich gelohnt. «Einer der Sänger hat mich sogar gefragt, ob ich professionell singe, weil ich das Stück so gut beherrschte», erzählt Deflorin nach seinem Auftritt. Ruhig und glücklich gesellt er sich nach seinem Auftritt wieder zum Publikum. Sein Lebenstraum, einmal mit professionellen Sängern auf einer grossen Bühne zu stehen, hat sich an diesem Abend erfüllt.

Gut zwei Monate tourt Regisseur Kriz mit seinem Ensemble der Prager Festspieloper durch Europa. 20 von insgesamt 40 Auftritten finden in der Schweiz statt. Kriz hat «Nabucco» auf die wesentlichen Bühnenelemente reduziert. Die Aufführung ist daher ihrer Einfachheit halber für die Freilichtbühne geeignet. Visuelle Überraschungen bietet die Inszenierung, abgesehen von den Kostümen, jedoch nicht.

Regen auch am Ende

Nach dem Auftritt des Gefangenenchors verläuft die weitere Aufführung eher harzig. Gestört durch eine Autosirene und der in regelmässigen Abständen vorbeifahrenden S-Bahn, rutschen die Zuschauer unruhig auf ihren nassen Stühlen umher. Viele verlassen ihre Plätze und suchen Schutz unter dem Markthallendach.

Was im Regen begann, endet auch im Regen. Mit kalten Fingern gibt das Publikum dem Ensemble «des Sängers Lohn». Vereinzelte Besucher wagen eine zögerliche «Standing Ovation». Der Kirchplatz leert sich jedoch schnell. Der vor der Aufführung begonnene Smalltalk wird zu einer anderen Gelegenheit wiederaufgenommen werden. Selbst hartgesottene Opernfans wie Deflorin zieht es zu einem wärmenden Mahl in eines der umliegenden Restaurants.

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