Jung sind sie nicht mehr, alle über 30. Aber sie brauchen Geld. Wir sind alt und brauchen das Geld, sagen sie drum und lachen. Sie, drei Männer, drei Künstler, die vielleicht coolste Wohngemeinschaft der Schweiz: Rolf Sommer (36), Schauspieler, Jonathan Huor (32), Tänzer und Choreograf, Oliver Brand (39), Filmemacher. Mit neun anderen WGs kämpfen sie seit Monaten um diesen Titel, jetzt sind sie in den Edelmetallrängen.

Es gibt Abendessen. «Nur was Kleines» mit drei Gängen, ganz spontan. Jonathan serviert seinen Gang – er ist der Vorspeisenverantwortliche – und er tut es mit Hingabe und französischem Akzent: Lachstranche mit mariniertem Limettenjus auf Birnencarpaccio, ein Stück Salatgurke à poivre auf Balsamicohauch. Gibts nicht? Macht nichts. Es schmeckt mindestens so gut, wie es tönt. Dazu einen Schluck Rotwein und eine Ladung Jazz, die locker-flockig aus den Lautsprechern fizzelt.

Toilette in Blutrot

Gediegen, diese Runde, gediegen die Wohnung. Doppelstöckig, mit einer Gästetoilette in Blutrot gestrichen, mit einer Eismaschine am Kühlschrank, mit Stuck und Kronleuchter, mit Cheminée, ächzendem Parkettboden, mit alten Kinosesseln aus einem Berner Kino und stilvollem Brockenstubeninterieur, mit zwei Balkonen und mit einem offenen Bad mit Sprudelbadewanne, hach. Aber ohne Fernseher. Das brauchen sie nicht.

Oft sieht es sich nicht, das Trio Infernale. Einer ist immer weg, irgendwo in der Welt, Rolf am Theater oder am Set, Jonathan am Unterrichten oder Casten. Oli ist die Konstante. Und der beste Dessertmacher, meint Jonathan. Das müsse erwähnt sein, seine Spezialität sei das Schwänchendessert – Brandteig in Schwanenform, der Rumpf gefüllt mit Vanillecrème und Früchten.

«Bis wir alt und schrumplig sind»

Seit bald drei Jahren wohnen Rolf und Jonathan hier, Oli etwas weniger lang. Hier in diesem Schlieren, von dem sich keiner der drei hätte träumen lassen, es jemals als seine Heimat zu bezeichnen. Jetzt ist es so, und nie mehr wollen sie weg, «hier bleiben wir, bis wir alt und schrumplig sind», haben sie in ihrem Bewerbungsvideo für den WG-Wettbewerb verlauten lassen. Hier fühlen sie sich wohl, wie eine kleine Familie. Der Sonntagabend als gemeinsamer Abend ist dabei heilig. Zumindest zurzeit. «Wir konnten das so kultivieren», sagt Oli. Aber das halte ein halbes Jahr, dann komme etwas anderes. Eine andere Kultur.

Rolf serviert den Hauptgang: Pasta mit Eierschwämmli-Champignons-Trauben-Rahm-Sauce mit Pinienkernen. Trauben, gross wie Baumnüsse. «Atomtrauben», findet Oli. Und gemeinsam sucht man nach dem französischen Wort für Eierschwämme, währenddem Rolf Salat schöpft. Man einigt sich auf die wortwörtliche Übersetzung, auf «l’éponges d’oeuf». Warum auch nicht.

Pailetten, Highheels und Männer

Das Trio ist ein bisschen verrückt. Sie mögen Pailletten, Highheels und Männer. Damit kokettieren sie, provozieren beispielsweise als blutte Kalendersujets, mal mit Hut, mal in der Badewanne, und haben Spass daran. Und sind doch baff, dass sie so weit gekommen sind, «mit unserer Art und unseren Vorlieben ist das ja nicht selbstverständlich.»

Warum machen sie überhaupt bei diesem Wettbewerb? Brauchen sie das Preisgeld tatsächlich – schliesslich ist die Wohnung beneidenswert schön, die Einrichtung zusammengewürfelt, aber stilvoll? «Wir sind alt und brauchen das Geld», sagen sie wieder. «Die Wohnung ist grossartig und entsprechend teuer; aber wer wie wir ständig unterwegs ist, braucht ein Zuhause, in dem er sich absolut wohl fühlt», sagt Oli.

Weil aber alle freischaffend arbeiten, kann keiner Ende Monat mit einer pünktlichen Lohnzahlung rechnen. Würden sie gewinnen, würde ein Jahr lang die Miete bezahlt, dazu kommen Einkaufsgutscheine. Alles in allem würde die Preissumme rund 45000 Franken ausmachen. «Es wäre ein sehr viel entspannteres Leben, so fast ohne Geldsorgen», sagt Rolf, Oli meint, das würde ihm viele Nerven sparen. Und Jonathan beisst in ein Guetzli und meint staubtrocken: «Dann müssten wir nicht mehr länger an der Haustür des Vermieters vorbeirennen.»

Schädel rasieren

Zum Finanziellen kommt das Abenteuer, das sie reizt, die Herausforderung an sie als Freunde. «Es ist unglaublich, wie gut wir miteinander harmonieren und funktionieren», sagt Jonathan, selbst ohne Absprache laufe alles wunderbar. Jetzt haben sie Blut geleckt, jetzt wollen sie gewinnen. Unbedingt. Koste es, was es wolle. Sie skizzieren Schlachtpläne, wo und wann wer auf Stimmenfang geht.

«Wir versuchen immer das Maximum zu machen», sagt Oli. So müsse man sich später nichts vorwerfen. «Das geht schon fast in Wahnsinn über», gesteht Jonathan, «das ganze Taktieren und Unterschriftensammeln.» Die Party für den Fall eines Sieges ist gesetzt, inklusive Schwänchendessert vom Dessertmeistermacher. Doch was, wenn es nicht klappen sollte? Dann, sagt Oli und schiebt sich seine Tächlikappe in den Nacken, dann rasiere er sich den Schädel.