Exakt eine Minute dauert die Liftfahrt vom Erdgeschoss des Prime Towers bis zur 36. und obersten Etage des Hochhauses und zurück. Genau so viel Zeit blieb Vertretern von Startups, um eine vierköpfige Jury von ihrer Geschäftsidee zu überzeugen und so an Fördergelder zu gelangen. Dieses Verfahren nennt sich auf Neudeutsch «Elevator Pitch» und fand vor einem Jahr im Lift des Hochhauses beim Bahnhof Hardbrücke statt.

Einer der Teilnehmer war Reto Naef, der sich mit seinem 2015 gegründeten Unternehmen der Erforschung von Medikamenten zur Wundheilung annimmt. «Bei solchen Pitches, die nur wenige Minuten dauern, muss man beinahe jedes Wort auswendig lernen», sagt er mit einem Schmunzeln im Gesicht. Habe man so viele Präsentationen gehalten wie er, dann könne der Wortlaut aber auch hin und wieder variieren.

Er überzeugte und erhielt die ersten Gelder. Seither ist viel geschehen: Mehrere Auszeichnungen konnten gewonnen und Investitionen von rund 8 Millionen Franken generiert werden.


Die Büro- und Laborräume an der Schlieremer Grabenstrasse im Bio-Technopark wurden ebenfalls im vergangenen Jahr bezogen und sind funktional und schlicht eingerichtet. Dem Vormieter, dem Bio-Tech-Unternehmen Molecular Partners, wurde der Platz zu knapp.
Naef ist promovierter Chemiker und gründete gemeinsam mit Armin Meinzer, Hermann Tenor und Christina Attaalla die Topadur AG, nachdem er sich nach rund drei Dekaden Anstellung in der Forschungsabteilung des Basler Chemieriesen Novartis frühpensionieren liess.

Steckenpferd seines Unternehmens ist der Wirkstoff TOP-N53. Damit will Topadur ein Medikament auf den Markt bringen, das die Wundheilung revolutionieren soll.

Die Substanz funktioniert teilweise ähnlich wie Viagra und fördert die Gewebedurchblutung.Zugutekommen könnte dies im Speziellen Diabetikern, deren Gefässe verengt sind. «Besonders an weniger stark durchbluteten Körperstellen, wie etwa den Füssen, können Wunden nur schwer verheilen», so Naef.

Der Markt scheint riesig. Jährlich würden rund 50 Millionen Menschen mit Fusswunden in Spitälern behandelt. «Jedes Jahr müssen sich in der Folge rund 7 Millionen Menschen einen Fuss amputieren lassen», sagt er.Fünf Jahre nach diesem Eingriff überleben nur 20 Prozent dieser Patienten.

Grosses Potenzial für TOP-N53

Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass die Anzahl Diabetiker weltweit konstant steigt. Besonders in Schwellenländern wie Indien oder China, wo die Behandlung in einem Frühstadium der Diabetes noch weniger intensiv ist, ortet Naef grosses Potenzial für TOP-N53.

Ursprünglich habe er für die Substanz eine mögliche Anwendung in der Behandlung von Analfissuren – kleine Risse im Schliessmuskel – gesehen. «Diese sind ein grosses Problem und eine effektive Therapie ist ein Bedürfnis. Doch sterben jährlich Millionen von Diabetern an den Folgen einer schlechten Wundheilung.» Daher habe man sich dazu entschieden, auf diese Anwendung zu fokussieren. Die «Handelszeitung» schätzt das jährliche, weltweite Umsatzpotenzial der Topadur- Produkte auf einen vierstelligen Millionenbetrag.

Topadur


Die Mittagszeit steht kurz bevor. Die Finanzverantwortliche Attaalla verlässt ihren Sitzplatz und beginnt in der Firmenküche Gemüse zu rösten. Die sieben Angestellten essen stets gemeinsam zu Mittag, dies stärke den sozialen Austausch und sei halt gesellig, sagt Naef. Seit jüngstem komme nur noch Halal-Fleisch auf den Teller. Dies, weil die neu eingestellte Wissenschafterin Muslima sei. Mit Mitte zwanzig ist sie mit Abstand die Jüngste im Team. Alle anderen sind um die sechzig.


80 Jahre Pharma-Erfahrung

Das Alter der vier Gründungsmitglieder mache sie schon zum Exoten unter den Start-ups, so Naef. In der Regel würden ETH- oder Uni-Absolventen ihr eigenes Unternehmen nach der Ausbildung mit Anfang dreissig gründen. Doch hat der späte Sprung in die Selbstständigkeit auch Vorteile, wie sich schnell zeigte.

«Unser Team bringt 80 Jahre Pharma-Erfahrung in Forschung und Entwicklung mit. Damit zeigen wir unseren Investoren, dass wir sehr kompetent sind», sagt Naef. Die Jungen der anderen Unternehmen im Bio-Technopark in Schlieren schätzt er und schwärmt vom Austausch. Hin und wieder würden Jungunternehmen um seinen Rat oder nach Kontakten zu grossen Pharmaunternehmen fragen.

Derzeit schwimmt Topadur auf einer Erfolgswelle. Erst vergangene Woche erhielt das Unternehmen den Swiss Technology Award, Ende September wurde bekannt, dass Topadur in der Liste der 100 erfolgreichsten Start-ups der Schweiz Rang 58 erreicht hat. «Dies freut uns natürlich. Ein Selbstläufer wird Topadur trotz dieser Anerkennungen nicht», sagt Naef.

Bislang schossen Investoren rund 6,5 Millionen ins Unternehmen, rund 1,5 Millionen wurden zusätzlich durch Fördergelder generiert. Bis zum Jahr 2020 ist vorgesehen, dass 22 weitere Millionen hinzukommen. Der Bedarf an Finanzmitteln ist immens: «Kommt ein Medikament auf die weltweiten Märkte, wurden zuvor für alle Verfahren, Bewilligungen und Tests rund 1,5 Milliarden Franken investiert. Da braucht man starke Partner im Rücken.»

Einen Meilenstein will Naef bereits 2018 mit der ersten Testphase an einer kleinen Anzahl von Probanden erreichen. Frühestens vier bis fünf Jahre später könne mit der Markteinführung gerechnet werden.

Dies ist eine langfristige Planung für eine Gruppe von Unternehmern und Forschern, die kurz vor der Erreichung des regulären Pensionsalters stehen. Nicht mehr zu arbeiten, daran denkt Naef noch überhaupt nicht. «Nun kann ich operativ und kreativ tätig sein. Macht die Gesundheit mit, sehe ich vor meinem 75. Altersjahr keinen Grund, aus der Arbeitswelt auszutreten», sagt er.

Mario Jenni. In der ehemaligen NZZ Druckerei in Schlieren findet die Preisverleihung der besten Schweizer Jungunternehmen 2016 Start-Up

Mario Jenni, CEO Bio-Technopark

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