Köbi Alt war immer schon ein eigenwilliger Künstler. Das Gerede um den Zürcher Hafenkran fand er so absurd, dass er kurzum seinen eigenen baute, der immer noch im Wiesentäli ob Oetwil steht.

Dieser Tage ärgert sich Alt erneut so fest über gewisses Gerede, dass er sich auf diesem beschaulichen Fleckchen Erde hoch über dem Limmattal einer fast schon herkulisch anmutenden Aufgabe widmet: «In aller Bescheidenheit», räumt er lachend ein, wolle er hier oben die Probleme, an der die heutige Welt krankt, «in Erinnerung rufen und in einen Gesamtzusammenhang stellen».

Tun will der ehemalige Sozialarbeiter das mit einer dreiteiligen Figureninstallation, in der er das Thema Flucht abhandelt. Nicht nur die Flucht vor Krieg und Terror, über deren Auswirkungen hierzulande zurzeit emotional bis verbissen diskutiert wird. Bei Köbi Alt ist diese Art von Flucht ein Symptom, nicht eine Ursache – wenn auch ein Symptom, das ihn als Mensch sehr schmerze.

Den Ursprung der weltweiten Migrationsströme sieht er aber in einer selbstverständlicher werdenden Wegwerfmentalität, die für ihn tiefer greift als Littering.

Auch Bauern werden vertrieben

Die erste Figurengruppe im Wiesentäli widmet sich denn auch nicht den Flüchtlingen, über die zurzeit alle sprechen: Sie repräsentiert die «Landflüchtlinge», also die Bauern und Bäuerinnen, die weltweit zu Millionen ihre Höfe verlassen müssen – Massenproduktion, Klimaerwärmung, Krieg und Preisdumping sei dank.

Die Figuren sind aus alten «Heinzen» gebaut, über denen früher Heu getrocknet wurde. Sie hat Köbi Alt bereits im Frühling 2015 benutzt, um auf die Volksinitiative für Ernährungssouveränität der Bauerngewerkschaft Uniterre aufmerksam zu machen, deren Vizepräsident er ist.

Die zweite Gruppe – die Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge, die einem aus Ästen und Laken gezimmerten Boot entstiegen sind – dürfe man nicht als isoliertes Phänomen sehen, sagt Alt – und schon gar nicht gegen die erste Gruppe ausspielen. Sie seien vielmehr die logische Konsequenz einer Welt, die derart verschwenderisch mit Waren und Menschenleben umgehe.

«Als Mensch, der in der Welt lebt, hält man das Elend der Flüchtlinge und die teils kaltherzigen Reaktionen darauf doch schlicht und ergreifend nicht aus», sagt Alt.

Er erinnert sich an Diskussionen, in denen er sich immer wieder in die Ecke des Gutmenschen gestellt findet, weil «andere ernsthaft das Gefühl haben, wir müssten irgendwie unsere Identität aufgeben, uns den Flüchtlingen unterordnen, wenn wir sie hereinlassen». Er schüttelt den Kopf, sichtbar ratlos. «Es ist unmenschlich, wie zurzeit über Flüchtlinge gesprochen wird. Doch Diskussionen bringen wenig, die Fronten sind derart verhärtet.»

Anstatt daran zu verzweifeln, hat sich Alt entschieden, zumindest einen kleinen Beitrag zu leisten. Er will den Menschen, die an seinem Stück Land vorbeispazieren, das Verdrängen des Leidens auf der Welt etwas schwerer machen – und mit seiner Kunst auch einen Lösungsansatz aufzeigen. Denn die Herausforderungen der modernen Welt, ist Alt überzeugt, können nur gemeinsam gemeistert werden.

So werden sich seine Figuren über die nächsten Tage Stück für Stück einer dritten Installation annähern, dem «Handwerker mit dem goldenen Boden», der von Türmen von ausgedientem Werkzeug gesäumt ist. Die Figur ist dem alten Sprichwort «Handwerk hat goldenen Boden» angelehnt, das den Handwerksleuten eine rosige berufliche Zukunft prophezeite.

Ein altbekannter Reflex

Der Austausch von Fähigkeiten könne die globale Migration zum Segen machen, wenn man es nur zuliesse, sagt Alt. Es sei ja kein neues Phänomen, dass Gesellschaften Fremdem zuerst einmal ablehnend begegneten.

Der 72-Jährige erinnert sich an das Oetwil seiner Kindheit, in dem sich der vorherrschende «einengende Bauerngeist» auch in Fremdenfeindlichkeit gegenüber italienischen Zuwanderern gezeigt habe. «Bis man dann merkte, dass der Italiener ja auch eine Kuh anbinden kann, und zwar besser als der Oetwiler. Dann war er plötzlich der Giovanni, und die Leute, die zuvor auf ihn herabschauten, nahmen ihn plötzlich auf einer menschlichen Ebene wahr», so Alt.

Ein ähnliches Schicksal steht nun seinen Figuren bevor: Wenn sie sich alle um den Handwerker versammelt haben, sollen aus den Flüchtlingen Lehrlinge werden. So können sie voneinander lernen, um diese neuen Fähigkeiten früher oder später in die Heimat zurückzutragen – aber auch, um die Zeiten in der Fremde zu überstehen. Denn «das grauenhaft Unmenschlichste» überhaupt sei es, nicht arbeiten zu dürfen, sagt er.

Dass die «friedliche Zukunft im globalen Dorf» vorerst ein schöner Gedanke bleibt, weiss Köbi Alt. Auch, dass seine Figuren im Wiesentäli in den komplexen Gesamtstrukturen wenig ausrichten können. Aber er hofft, dass sie die Augen der Menschen vor der eigenen Haustüre ein Stück weit öffnen können. «Denn einfach nichts zu tun, würde ich nicht aushalten.»