Kellermeister Roland Steinmann schüttelt eine Blauburgunderrebe und dann seinen Kopf. «Die Viecher sind überall», sagt er, während die Kirschessigfliegen um ihn herumstieben. Normalerweise ist der Wümmet des Klosters Fahr eine durchwegs gefreute Sache. Wenn die Benediktinerinnen mit den freiwilligen Helfern auf dem Traktoranhänger durch Weiningen tuckern, dass die Hauben der Nonnen im Wind flattern, wird links und rechts gewinkt. Die Stimmung ist fröhlich, man kennt sich aus früheren Jahren und freut sich auf die Arbeit im Rebhang. «Der Wümmet ist jedes Jahr ein freudiges Ereignis», sagt Schwester Petra, die mit ihren 82 Jahren noch munter mithilft.

Doch an diesem Nachmittag hängen nicht nur Regenwolken über dem Unterfangen. Die Kirschessigfliege mit dem klingenden lateinischen Namen «Drosophila suzukii» sorgt heuer in der ganzen Schweiz für Ernteeinbussen bei Beeren, Obst und eben: Trauben. 2011 tauchte der Schädling aus Ostasien hierzulande erstmals auf; dieses Jahr hat der Befall katastrophale Dimensionen angenommen. Wer nun meint, der Herr habe den klostereigenen Rebberg in Weiningen verschont, irrt: Ein Kirschessigfliegen-Monitoring des Amts für Landwirschaft und Natur hat ergeben, dass die traditionelle Weinbau-Gemeinde die am stärksten betroffene im ganzen Kanton ist.

Trübe Stimmung herrscht am Klosterwümmet deswegen aber mitnichten. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Pinot-Gris-Trauben, denen es an diesem Tag an den Kragen geht, längst nicht so stark beeinträchtigt sind wie die Frühsorten Dornfelder und Regent. «Heilig» sei der Befall an diesen Trauben im Vergleich, sagt Frida Steiger, die seit fünf Jahren mitwümmt und auch bei der Frühsortenlese schon fleissig mit angepackt hat. Kellermeister Steinmann bestätigt diese Einschätzung: «Rein mengenmässig beträgt der Ausfall bei den Frühsorten rund 50 Prozent», sagt er. Wie stark die übrigen Sorten in Mitleidenschaft gezogen wurden, wird sich in den kommenden Tagen weisen.

«Es ist eine Sisyphusarbeit»

Noch hofft Steinmann, dass das Insektizid «Gazelle» weitere Schäden abwenden kann. Das Bundesamt für Landwirtschaft hat aufgrund der prekären Lage am 16. September eine Sonderbewilligung für dessen Einsatz erlassen. Seither hat der Kellermeister keinen neuen Befall festgestellt; die bis dahin bereits entstandenen Schäden kann aber auch das Insektizid nicht mildern. Zusätzlich besprühte er die Reben mit Kalk und alternierend mit zwei verschiedenen rein biologischen Mitteln. Doch der kurze Generationenzyklus der Fliege bedroht die Wirksamkeit all dieser Massnahmen. «Es ist eine Sisyphusarbeit: Kaum sind die einen Eier geschlüpft, steht die nächste Generation schon in den Startlöchern.»

Noch verheerender als der Mengenverlust fällt die Bilanz bei der Ernteleistung aus. Denn der Schädlingsbefall gestaltet den Wümmet ungleich mühsamer als in normalen Jahren. «Werden sonst hundert Kilo gewümmt, sind es heuer in derselben Zeit zehn», so Steinmann. Anders ausgedrückt: Die Lese ist dieses Jahr 90 Prozent weniger effizient. «Wirtschaftlich würde es sich eigentlich gar nicht lohnen, die Trauben zu lesen», so Steinmann.
Selbst die vergleichsweise verschonten Pinot-Gris-Trauben bereiten den Schwestern und Helfern viel Aufwand: Jede einzelne Beere muss von Auge und Hand kontrolliert, kaputte Beeren einzeln herausgezupft werden. Diese Arbeit ist mühsam, auch weil die Drosophila suzukii tückisch vorgeht: Die Weibchen ­legen ihre Eier in die Früchte, worauf die Larven es sich in der Beere gemütlich machen und diese von innen auffressen. «Das wird dann richtig matschig», sagt Steinmann und drückt auf eine befallene Beere, aus der rötlicher Saft herausquillt. Von blossem Auge sind die Schäden jedoch oft nicht zu sehen. Da bleibt bei der Ernte nichts anderes übrig, als jede Traube darauf abzutasten.
Diese Gfätterliarbeit ist nötig, denn in seinem Keller kann Steinmann nur gesunde Beeren gebrauchen. Der starke Essiggeschmack, den die Larve in der Frucht erzeugt, würde die Weinqualität zu stark gefährden. «Im Weinkeller bringt man den Essig nicht mehr weg. Deshalb müssen die Leute am Rebhang sauber arbeiten», sagt er. Er muss sich nicht sorgen: Schludrig arbeiten die rund 20 Traubenleserinnen und -leser nicht. Mit einer Engelsgeduld begutachtet Schwester Christa die Trauben, dreht sie mehrmals in ihren Händen, pickt mit der Rebscherenspitze die faulen Stücke heraus; an manchen Trauben ist nicht mehr viel zu retten. «Es tut mir natürlich schon weh, so viele Früchte wegzuwerfen», sagt sie. «Doch man muss Vertrauen haben.»

Eine gesunde Portion Gottvertrauen hat auch Steinmann: «Trotz allem sollte es dieses Jahr einen guten Wein geben», glaubt er. Der 14er-Jahrgang werde einfach «eher fruchtig-spritzig» ausfallen. Denn «mit einer Spätlese experimentieren und auf hohe Öchslegrade spielen» will er mit der drohenden Gefahr der Kirschessigfliege im Nacken nicht. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Die Trauben sollen so schnell wie möglich von der Rebe in die Sicherheit des Weinkellers gebracht werden. «Das heisst: Wümmen, wann immer das Wetter und die Reife der Trauben es erlauben.»

Winziger Schädling: Schon 2014 erklärte ein Winzer die Folgen des Befalls der Kirschessigfliege.

Kloster Fahr Wümmet

Schade um einen guten Jahrgang

Es ist schade um einen Jahrgang, der ein aussergewöhnlich guter hätte werden können. Denn zumindest das Wetter hätte dafür optimale Bedingungen geboten: Der warme Frühling, der nasse Sommer und der warme Herbst waren für den Traubenwuchs ideal. «Natürlich hätte ich gerne etwas später gelesen», so Steinmann. Doch unter den Umständen zieht er gesunde Trauben im Keller kaputten an den Reben vor.
Steinmann spart nicht mit Kritik an den Institutionen, von denen er sich mehr Hilfe erhofft hätte — dem Bund, dem Kanton, den Forschungsinstituten. «Es ist himmeltraurig, dass ein reiches Land wie die Schweiz unfähig ist, auf einen Schädling wie die Kirschessigfliege schnell zu reagieren und alle Produzenten im Regen stehen lässt», sagt er. Das System sei überreguliert und schwerfällig, findet er, dazu habe man es schlicht verschlafen, die Gefahr rechtzeitig hoch genug einzustufen. Für diesen Jahrgang ist vieles schon zu spät; den Produzenten geht es nun vor allem um Schadensbegrenzung. «Es ist so, wie es ist», sagt Steinmann trocken. Und eilt einem Wümmer zu Hilfe, der fragt, was an seinem Traubenzweig noch zu retten ist.