Sommerserie (2)
Dieses Bauerndorf platzt aus allen Nähten

Ein Schweizer Rekord sorgt 1963 für den Bau des heutigen Oberengstringer Gemeindehauses. Doch irgendwann platzte die Gemeindeverwaltung aus allen Nähten.

Sandro Zimmerli
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Ein Bauerndorf platzt aus allen Nähten
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Das Oberengstringer Gemeindehaus wurde 1963 eröffnet
Mit dem Bau der katholischen Kirche wurde auch 1962 begonnen, fertig war sie 1964
Von 1941 bis 1963 war die Gemeindekanzlei Oberengstringen in einem ehemaligen Ladenlokal an der Dorfstrasse 45 untergebracht
Die Sportanlage Brunewiis befand sich 1963 im Bau
Die reformierte Kirche am Dorfplatz wurde 1984 eingeweiht
Offiziell wurde das Gemeindehaus am 14. Dezember 1963 eröffnet. zvg
So präsentierte sich der Eingangsbereich in den 1960er-Jahren.zvg

Ein Bauerndorf platzt aus allen Nähten

«Irgendwann waren die Schränke voll. Wir mussten deshalb unsere Ordner und andere Akten am Boden stapeln», erinnert sich Albert Furrer an die Anfangsjahre seiner Tätigkeit als Oberengstringer Gemeindeschreiber. Das war in den 1950er- Jahren.

Furrer trat seine Stelle 1953 an. Damals war die Gemeindekanzlei noch an der Dorfstrasse untergebracht. In jenem Haus, in dem sich heute eine Weinhandlung befand. Neben Furrer arbeiteten dort noch der Steuersekretär und ein Lehrling.

Zentrum wieder im Fokus

Das heutige Gemeindehaus war 1963 nicht das einzige markante Gebäude in Oberengstringen, das gebaut wurde. Die katholische Kirche wurde 1964 eingeweiht. Auch die Sportanlage Brunewiis mit ihren Turnhallen und dem Lehrschwimmbecken befand sich damals im Bau. Heute, 50 Jahre später, steht das Zentrum wieder im Fokus der künftigen Entwicklung der Gemeinde. Der Anfang Monat vorgestellte Masterplan zeigt, wie sich das Gebiet künftig entwickeln könnte. (zim)

Der Platzmangel in den Räumlichkeiten der Gemeindeverwaltung hatte unter anderem mit einem beispiellosen Bevölkerungswachstum in Oberengstringen zu tun. Zwischen 1950 und 1960 stieg die Einwohnerzahl von 1242 auf 4088 an. Das entsprach einer Zunahme von 2846 Personen.

Die Bevölkerungszahl von Oberengstringen ist binnen eines Jahrzehnts demnach um fast 230 Prozent gestiegen. In keiner andere Gemeinde wurde diese Zahl übertroffen. «Prozentual gesehen bedeutete dieser Anstieg also Schweizer Rekord», so Furrer.

Gesamtkonzept für Dorfzentrum

Auf der Gemeindekanzlei merkte man den Anstieg besonders stark. Deshalb musste sich die Gemeinde nach neuen Räumlichkeiten umsehen. «Eine erste Idee bestand darin, im neuen Feuerwehrgebäude eine Wohnung zu mieten und die Gemeindekanzlei dort unterzubringen», sagt Furrer.

Die Pläne seien aber verworfen worden, weil angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums bald wieder Platznot in dieser Wohnung geherrscht hätte.

Die Wahl fiel auf den heutigen Standort – und zwar aus gutem Grund. «Schon länger waren Pläne vorhanden, dort ein eigentliches Dorfzentrum zu erstellen», erinnert sich Furrer. Das Gemeindehaus wurde also im Rahmen eines Gesamtkonzeptes für den Dorfkern erstellt (siehe Kästchen).

Verwaltung: Früher sprach man in der Wohnung vor

Das 1963 erbaute und noch heute bestehende Gemeindehaus in Oberengstringen ist das erste richtige Verwaltungsgebäude der Gemeinde überhaupt. Von 1941 bis 1963 war die Kanzlei in einem ehemaligen Ladenlokal an der Dorfstrasse 45 untergebracht. Zuvor war es üblich, dass der Gemeindeschreiber und der Steuerbeamte ihre Arbeiten in den eigenen Wohnungen erledigten. Wer etwas von den Beamten wollte, musste am Abend in der Stube der Wohnung vorsprechen. Im Schulhaus stand der Gemeinde ein Archiv zur Verfügung. Als die Schulpflege diese Räume 1941 für eigene Zwecke benötigte, offerierte der damalige Gemeindeschreiber seine frei werdende Ladenlokalität an der Dorfstrasse. Oberengstringen zählte zu jener Zeit 750 Einwohner. Der Gemeinderat konnte der Gemeindeversammlung somit die Schaffung einer zentralen Kanzlei mit Archiv beantragen. Die 22 anwesenden Stimmberechtigten stimmten mit 17 zu 5 dem Antrag zu. Die jährliche Miete belief sich auf 840 Franken. Aus alten Rechnungen geht hervor, dass der Gemeindeschreiber zu dieser Zeit 3600 Franken jährlich verdiente. Der Lohn des Steuerbeamten lag bei 2760 Franken pro Jahr. Die Kanzlei an der Dorfstrasse wurde in den 1950er Jahren zu klein. 1960 stimmten die Stimmbürger dem Landkauf an der Dorf- und Goldschmiedstrasse zu. Ein Jahr später genehmigten sie
einen Kredit über 1,6 Millionen Franken für den Bau des neuen Gemeindehauses. (zim)

Schon damals sah dieses Konzept vor, dass östlich des Verwaltungsgebäudes der zukünftige Dorfplatz entstehen soll. Um diesen Platz sollten sich weitere öffentliche und private Bauten gruppieren. So kam es dann auch. Ende der 1970er Jahre wurde das Zentrum eröffnet. Wenige Jahre später wurde die reformierte Kirche erstellt.

Verwaltung wird modernisiert

Als das neue Gemeindehaus am 14. Dezember 1963 mit einem Tag der offenen Tür offiziell eingeweiht wurde, sah es in der unmittelbaren Umgebung noch wesentlich ländlicher aus als heute. «Ganz in der Nähe des Eingangs grasten damals noch Kühe», so Furrer. Auch eine Tiefgarage existierte damals noch nicht. Einige wenige Parkplätze befanden sich an der Dorfstrasse und an der Goldschmiedstrasse. «Das war allerdings kein Problem. Damals gab es noch nicht so viele Autos», sagt Furrer.

Mit dem Neubau und den grosszügigeren Platzverhältnissen wurde die Gemeindeverwaltung auch modernisiert. «Wir erhielten damals eine Adrema-Adressiermaschine. Das erleichterte uns die Arbeit enorm», erinnert sich der ehemalige Gemeindeschreiber. Auch eine Buchungsmaschine kam damals zum Einsatz. «Sie war halb elektronisch und wurde mit Lochkarten gesteuert», so Furrer.

Sämtliche Büros wurden darüber hinaus mit neuen Möbeln ausgestattet. Wie heute befand sich auch damals schon im Parterre die eigentliche die Schalterhalle mit der eigentlichen Gemeinderatskanzlei als die Einwohner- und Militärkontrolle sowie das Fundbüro. Ebenfalls im Erdgeschoss war die Kantonspolizei samt Arrestlokal einquartiert. Im ersten Stock befanden sich das Sitzungszimmer des Gemeinderates und ein Trauungszimmer. Für den damaligen Gemeindeschreiber keine unerhebliche Neuerung. «Ich war auch Zivilstandsbeamter. Vor dem Bau des neuen Gemeindehauses war das Trauungszimmer im Schulhaus Rebberg untergebraucht. Ich musste dann jeweils mit meinen Unterlagen unter dem Arm das Dorf hinaufgehen, um Paare zu trauen», so Furrer.

Mit 14 000 Einwohnern gerechnet

Das Gemeindehaus bot bei seiner Eröffnung so viel Platz, dass die Büros im zweiten Stock sogar noch vermietet werden konnten. Die Räumlichkeiten waren so konzipiert, dass sie den Bedürfnissen auch bei einem Vollausbau der Gemeinde noch genügen sollten. Die damaligen Zahlen gingen jedoch von ganz anderen Dimensionen aus, als sie es heute der Fall sind. Noch vor 50 Jahren wurde damit gerechnet, dass Oberengstringen dereinst 14 000 Einwohner zählen sollte. Derzeit zählt die Gemeinde knapp 6400 Einwohner. Eine Zahl, die bereits Ende der 1970er-Jahre erreicht wurde und sich seither nur unwesentlich veränderte.