Krimidinners
Dieser Schlieremer lässt Laien-Detektive zwischen Häppchen und Dessert ermitteln

Die aus der Not geborenen Krimidinners sind heute die Zugpferde von Peter Denlo.

Daniel Diriwächter
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«Das Publikum soll sich amüsieren, nicht gruseln» Inspiration findet Peter Denlo auf Städtereisen.

«Das Publikum soll sich amüsieren, nicht gruseln» Inspiration findet Peter Denlo auf Städtereisen.

Daniel Diriwächter

Diese Dinners sind prickelnd: Wenn die Gäste sich nach dem Apéro an den Tisch setzen, ist nicht nur deren Appetit, sondern auch Spürsinn gefragt: Sie wähnen sich bereits zu Beginn eines mehrgängigen Menüs mitten in einem rasanten Kriminalfall, denn das obligate Opfer ist meist schon vor der Vorspeise mausetot. So nimmt ein klassischer Dinnerkrimi seinen Lauf. Derjenige, der diese Verknüpfung von Theater mit kulinarischen Erlebnissen hierzulande perfektionierte, ist der in Schlieren lebende Peter Denlo. Seit zehn Jahren lässt der Autor, Regisseur, Schauspieler und Produzent seine Detektive zwischen Häppchen und Dessert ermitteln.

Die ersten Dinnerkrimis stammen ursprünglich aus den Staaten. «Während meiner Jahre in Los Angeles haben mich solche Produktionen immer fasziniert», sagt Denlo, der am Lee Strasberg Theatre Institute seine Ausbildung absolvierte und auch in der dortigen Theaterszene reüssierte. Nach weiteren Jahren in Berlin brachte er seine Ideen zurück in die Schweiz nach Zürich. Es war kein idealer Spielplatz für Personen seines Genres. «Es gab sehr wenig Jobs für Schauspieler oder Regisseure, aber es gab auch noch keine Dinnerkrimis.» Dies war seine Chance – und dringend notwendig, denn der Start des Projekts habe auch «aus Hunger» stattgefunden, wie er heute sagt. Also führte er mit einem kleinen Ensemble die ersten acht Aufführungen in verschiedenen Restaurants und Hotels durch.

300 Vorstellungen pro Saison

Zunächst war vielen das Theaterspiel in Kombination mit einem Dinner fremd. «Wir erreichten wenig Publikum, aber bei den Wirten und Hoteliers hinterliessen wir einen bleibenden Eindruck», sagt Denlo. Anfragen und Buchungen wurden immer zahlreicher und schon wenig später zogen zwei Ensembles landesweit los, um mit 40 Vorstellungen im Jahr zu begeistern. Heute werden pro Saison bereits 300 Vorstellungen und verschiedene Stücke gespielt, deren Namen wie «Der blinde Würger», «Skalpell Duell» oder «Darf ich Sie umbringen?» für volle Säle (und Mägen) sorgen. Die einst aus der Not gegründeten Dinnerkrimis sind heute das Zugpferd im Hause der Denlo Productions GmbH.

Denlo schreibt jeden seiner Krimis selbst. «Schreiben ist für mich eine meditative aber auch eine einsame Arbeit», sagt er. Inspiration und Ideen sammle er überall, auch in Schlieren, wo er seit rund sechs Jahren lebt. Will er sich aber in ein Stück reinknien und es fertigstellen, nimmt er sich vier- bis fünfmal im Jahr eine Auszeit in Form von Städtereisen. «Von den Sehenswürdigkeiten krieg ich nie viel mit, aber ich liebe dieses Leben und das Schreiben in fremden Hotels und Cafés.» Auch einen gewissen Druck benötige er, um ein Drehbuch fertigzustellen. «Oft beginnen wir mit den Proben, ohne, dass die Schauspieler das Ende kennen.»

Nach einem Jahrzehnt kennt Denlo alle Aspekte, die es benötigt, um einen perfekten Krimi-Abend zu gestalten. Denn neben der Handlung muss er beispielsweise darauf achten, dass das Stück in einem Saal gespielt werden kann, in welchem sich das Ensemble frei bewegen und klar sprechen kann. Ein solches besteht immer aus vier Personen, die alle aber mehrere Rollen spielen. So entsteht der Eindruck einer grossen Theatergruppe. Das benötige dramaturgische wie auch praktische Tricks. «Ich arbeite nur mit ausgebildeten Schauspielern, welche die nötigen Anforderungen immer perfekt umsetzen», so Denlo.

Ein DinnerKrimi dürfe auch nicht zu brutal oder gar blutrünstig sein. «Ich lasse in meine Geschichten lieber schwarzen Humor einfliessen, denn das Publikum soll sich amüsieren, nicht gruseln», erklärt er. Schliesslich dauere ein Abend auch rund vier Stunden, weil die Gäste nicht während, sondern zwischen den einzelnen Szenen dinieren.

Denlo muss mittlerweile bei seinen Krimis auch darauf achten, dass die politische Korrektheit möglichst gewahrt bleibt. «Hautfarbe und Nationalität werden im Theater für Täter und Opfer zunehmend bedeutender.» Dennoch dürfe Theater auch mal vor den Kopf stossen. Es kam auch schon vor, dass sich Gäste mehr in das Stück einbrachten, als es dem Regisseur lieb war: «Als ein Darsteller einmal einen dubiosen Politiker spielte, brachte dies einen Gast so in Rage, dass man ihn aus dem Saal weisen musste.»

Ein Krimi-Imperium

Hat Denlo, der ursprünglich aus Bern stammt, einmal eine Pause von seinen Mörderspielen, lässt er es sich zusammen mit seinem Lebenspartner in Schlieren gut gehen. «Wie viele andere hatten wir vorher kein besonderes Bild der Stadt. Erst als wir hergezogen sind, lernten wir das Leben in Schlieren schätzen.» Und man sei schnell in Zürich, wo die Büros seiner Firma sind. Längst benötigt er Angestellte, um den administrativen Aufwand zu bewerkstelligen. Man bekommt das Gefühl nicht los, dass Freizeit ein rares Gut für Denlo ist, der bis vor zwei Jahren sogar noch ein eigenes Theater leitete.

Mittlerweile beschränkt er sich nicht mehr «nur» auf einen geschlossenen Raum, sondern nimmt schon mal ganze Gegenden ein. Seit vier Jahren organisiert er an Pfingsten den «Tatort Jungfrau». Hobby-Ermittler aus der ganzen Schweiz strömen dann zum Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau, um sich innert drei Tagen in einer Art Schnitzeljagd einem Mörder an die Fersen zu heften. «Die Schauspieler müssen dabei improvisieren, da es kein fixes Drehbuch gibt», so Denlo. Und bereits ist er an der Planung von einem weiteren Event: dem WeekendKrimi, ein Format, das auch als «Mystery Weekend» bekannt ist. Dabei checken die Gäste in ein Hotel ein und erleben für ein Wochenende einen Mordfall live und hautnah. Es gibt also noch viel zu tun für Denlo.