Dietikon
Dieser Schilderwald verwirrt Autofahrer

Beim Lipo widersprechen sich fünf Schilder. Wer nicht ortskundig ist, tappt in die Falle und wird gebüsst.

David Egger
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Wer nach 19 Uhr oder an Sonn- und Feiertagen hier durchfährt, zahlt 100 Franken Busse. Hunderttausende Schweizer kennen nun die verwirrende Signalisation. DEG

Wer nach 19 Uhr oder an Sonn- und Feiertagen hier durchfährt, zahlt 100 Franken Busse. Hunderttausende Schweizer kennen nun die verwirrende Signalisation. DEG

David Egger

70 Buchstaben und Zahlen sowie 5 Symbole müssen Autofahrer aufs Mal erkennen, wenn sie im Gebiet Silbern auf die Fahrstrasse einbiegen wollen. Über diese einspurige Strasse gelangt man zur Autobahn und weicht der viel befahrenen Silbernstrasse aus. Diese Zufahrt ist mit zwei grünen Autobahnschildern sowie mit zwei Schildern für alle Richtungen signalisiert.

Aber Achtung: Ein fünftes Schild weist auf ein Fahrverbot hin. Dieses gilt jeweils an Sonn- und Feiertagen sowie abends um 19 Uhr bis morgens um 9 Uhr. Weil sich das Fahrverbot und die anderen vier Schilder zumindest aus Sicht vieler Autofahrer widersprechen, fahren auch ausserhalb dieser Zeiten Autos über die Strasse. Die Lenker missachten das Fahrverbot. Die Limmattaler Zeitung war am Auffahrtsfeiertag vor Ort: Es dauerte keine fünf Minuten, bis ein schwarzer Kombi in die Strasse einbog, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Der Fahrer hatte Glück, dass keine Gesetzeshüter zur Stelle waren. Denn sowohl die Zürcher Kantonspolizei als auch die Dietiker Stadtpolizei machen hier in unregelmässigen Abständen Kontrollen, wie Rolf Wohlgemuth von der Stadtpolizei Dietikon auf Anfrage bestätigt. Wird ein Autofahrer erwischt, muss er 100 Franken Busse bezahlen. Zum Vergleich: 100 Franken zahlt auch, wer während der Autofahrt ohne Freisprechanlage telefoniert oder wer mit dem Töff über ein Trottoir fährt.

Nicht nur Rolf Wohlgemuth von der Stadtpolizei gibt zu, dass die Situation «ungewöhnlich» ist. Auf Anfrage äussert sich auch das Bundesamt für Strassen (Astra) kritisch, wenngleich es seine Kritik gleich wieder relativiert. «Die vorliegende Kombination der Signale ist sicher nicht ideal, aber auch nicht ausgeschlossen», teilt Pressesprecher Guido Bielmann mit.

Juristisch ist die Signalisierung völlig in Ordnung: So besagt die Schweizer Signalisationsverordnung, dass am gleichen Pfosten maximal zwei und in zwingenden Fällen drei Signale angebracht werden dürfen. Doch Wegweiser, also Schilder, die die Richtung angeben, gelten nicht als Signale. Von den fünf Schildern bei der Fahrstrasse ist also nur eines ein Signal, nämlich das Fahrverbot.

Eigentlich ein Vorzeigeprojekt

Die Fahrstrasse beim orangefarbigen Möbelgeschäft Lipo gibt es seit 2010. Die Erstellung des Provisoriums kostete 325 000 Franken. Davon bezahlte die Stadt Dietikon 50 Prozent. Die andere Hälfte zahlten 25 Betriebe, die im Industriegebiet Silbern tätig sind.

Die Firmen hatten zuvor viel Druck gemacht, die Silbernstrasse solle endlich vom vielen Verkehr entlastet werden, der oft stockte. So sagte Stadtpräsident Otto Müller 2008, als das Projekt vorgestellt wurde: «Wir haben klare Signale erhalten, dass Betriebe wegziehen werden, wenn sich die Situation nicht verbessert.» Müller bezeichnete das Projekt damals als «unkonventionell». Doch es war auch ein Vorzeigebeispiel für die fruchtbare Zusammenarbeit von Stadt und Wirtschaft.

Nun wirft der Schilderwald ein schlechtes Bild auf Dietikon. Das Konsumentenmagazin «K-Tipp», das gemäss Eigenangaben fast eine Million Leser hat, berichtete in seiner letzten Ausgabe über einen Autofahrer, der dort gebüsst wurde, weil er das Verbot missachtete. Jetzt ist der Dietiker Schilderwald schweizweit bekannt.

Das sechsjährige Provisorium wird noch lange bestehen bleiben. Aufgehoben wird es erst, wenn der Knoten Silbern- und Mutschellenstrasse nachhaltig entlastet wird. Dafür werden am Ende der Silbernstrasse zusätzliche Abbiegespuren gebaut, damit die Autos schneller auf die Mutschellenstrasse wechseln können.

Bundesgelder für Kantonsstrasse

Die Silbernstrasse gehört zwar dem Kanton, wie die kantonale Baudirektion auf Anfrage bestätigt. Doch die Federführung über den Ausbau dieser Kreuzung wird das Bundesamt für Strassen haben, welches auch die Kosten dafür übernehmen wird.

Gleich verhält es sich mit der künftigen neuen Autobahnzufahrt, mit der das Provisorium Fahrstrasse dann endgültig hinfällig werden soll. Der Zeitplan des Bundesamts für Strassen ist nicht bekannt. Es konnte gestern Nachmittag auf Anfrage keine Stellung nehmen. Dem Vernehmen nach startet das Projekt aber erst, wenn die Limmattalbahn fertig gebaut ist.

Das würde bedeuten, dass der Baubeginn erst nach 2022 stattfindet und das Provisorium letztlich über ein Jahrzehnt lang besteht. Doch etwas hat sich bereits geändert: Nach Publikation des «K-Tipp»-Artikels hat jemand kurzerhand das rechte Schild, das alle Richtungen signalisiert, von der Fahrstrasse in Richtung Riedstrasse weggedreht. Im Endeffekt heisst das: Sowohl links als auch rechts geht es in alle Richtungen. Nur ist nicht jede erlaubt.