«Hock dich zu mir hin, dann lernst du die Lieder.» Ernst Hug rutscht wie geheissen neben seinem Sängerkollegen auf die Bank. Der Humpen geht herum, mit jeder Runde wird die Stimmung vergnügter, mit jeder Runde wird ein neues Lied angestimmt. Ernst Hug lernt schnell, die Melodien sind eingängig. Und für die Texte hat jeder das Liederbüchlein im Hosensack; den «Eidgenoss», Ausgabe I und III, das Liederbuch des eidgenössischen Sängervereins. Es ist das Jahr 1942. Ernst Hug ist 23 Jahre alt, gelernter Feinmechaniker, eben aus dem Aktivdienst zurück. Und frischgebackenes Mitglied des Männerchors Schlieren.

70 Jahre ist es her, dass Ernst Hug auf der Bank im Restaurant Bahnhof gesessen und mit seinen Kollegen inbrünstig Vaterlandslieder geschmettert hat. Heute sitzt er auf dem Sofa in seinem Zimmer im Schlieremer Alters- und Pflegeheim Sandbühl. Am Fenster hängt eine Wappenscheibe: «Seinem Ehrenmitglied – Ernst Hug – Männerchor Schlieren 1971.»

Eine kleine Zeitreise

Auf seinen Knien liegt ein aufgeschlagener Ordner. Hug hat fast alles gesammelt, was in seinen 70 Jahren Männerchor zusammengekommen ist. Konzertprogramme, Diplome, Reisedokumentationen, Adress- und Präsenzlisten. Und Fotos, die die Entwicklung von Technik und Mode während eines halben Jahrhunderts dokumentieren: der Männerchor am «Eidgenössischen» in Bern anno 1948 und in Genf 1960; stramme Herren in Schwarz-Weiss, mit Anzug und Krawatte, die Hände hinter dem Rücken. Eine zwar farbige, aber gelbstichige Aufnahme eines munteren Trupps im hemdsärmeligen Siebzigerjahre-Freizeitlook auf der Sängerreise ins Südtirol. Oder die bunten Schnappschüsse von der London-Reise 1996, mit Regenjacke und Gorbatschow im Wachsfigurenkabinett.

Wie Technik und Mode haben sich auch die Lieder verändert, die der Männerchor Schlieren singt. Heute sind es poppige Lieder in Englisch oder Deutsch; schweizerdeutsch sind sie nur noch selten. Auch die Texte haben sich verändert; sie sind leichter, flockiger; nicht mehr geschwängert mit Heimatliebe und Vaterlandsstolz.

Plötzlich sind die Texte wieder da

Ganz anders als früher: «Es herrschte Krieg, als ich mit dem Singen anfing. Vaterlandslieder waren im Trend», erinnert sich Hug. Manchmal liege er nachts im Bett, und plötzlich würden ihm zu den Melodien wieder die Texte in den Sinn kommen, erzählt er. «Dann schreibe ich sie rasch auf», sagt er. Dazu gehört zum Beispiel ein Text von Gottfried Keller:

«Oh mein Heimatland, oh mein Vaterland, wie so innig feurig lieb ich Dich. Werf ich von mir einst, dies mein Staubgewand, beten will ich dann zu Gott dem Herrn: Lasse stahlen Deinen schönsten Stern, nieder auf mein irdisch Vaterland.»

Gefallen ihm diese Liedertexte heute auch noch? Ernst Hug lacht. «Der Text ist heute überholt. Aber im Herz fühle ich noch immer so.»

Was hat sich in den siebzig Jahren am stärksten verändert? «Die Generalversammlungen», sagt Hug nach kurzem Überlegen. Heute seien diese nach einer Stunde um. «Früher», sagt er und lacht, «früher hat das bis nach Mitternacht gedauert. Jeder wollte seinen Senf dazugeben.» Sie seien auch schon mit knurrenden Mägen nach Hause, weil die Restaurantküche nach der Diskussion über alle Traktanden bereits geschlossen hatte. Auch wenn das Geschwätz manchmal mühsam gewesen sei, habe sich an solchen Versammlungen doch gezeigt, in wem Führungspotenzial schlummere. «Da haben sich die Leute herausgeschält, die später in die Behörden gewählt wurden», sagt Hug. Demokratische Prozesse seien das gewesen.

Bereits mit dem Chor verheiratet

Hug zieht seine Präsenzliste aus dem Ordner: In den siebzig Jahren hat er nicht ein Jahr lang weniger als zwei Drittel aller Proben besucht. «Bevor ich meine Frau geheiratet habe, sagte ich ihr , dass ich eigentlich bereits mit dem Männerchor verheiratet bin», sagt Hug und lacht. Das habe sie aber glücklicherweise nicht von der Hochzeit abgehalten.

Natürlich sei die Begeisterung für den Chor nicht immer gleich gross gewesen. Doch zu lieb war ihm das Singen, zu gut die Kameradschaft, um jemals ernsthaft an den Austritt zu denken. «Singen verändert das Gemüt», sagt er. «Es tut dem Körper gut und der Seele erst recht.»

Noch ist nicht sicher, ob Hug am nächsten Konzert teilnehmen kann. Das lange Stehen macht dem 93-Jährigen Mühe. Aber Weitersingen will er ganz sicher. «Auch wenn man mal nicht recht im Strumpf ist, und sich für die Probe aufraffen muss, so kommt man doch immer erholt nach Hause.»

Probe des Männerchors Schlieren: Jeden Dienstag, 20 Uhr, Singsaal Schulhaus Hofacker. Neue Mitglieder willkommen.