Martin Wendelspiess
Dieser Mann ist gegen eine Gleichstellung von privaten und öffentlichen Schulen

Martin Wendelspiess, der Chef des kantonalen Volksschulamts, hält nichts von der Initiative zur freien Schulwahl. Für ihn ist klar: Die Volksschule soll die Regel, Privatschulen die Ausnahmen bleiben.

Alfred Borter
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Martin Wendelspiess sieht die integrative Leistung der Volksschule durch die Schulwahl-Initiative bedroht. Philippe Klein

Martin Wendelspiess sieht die integrative Leistung der Volksschule durch die Schulwahl-Initiative bedroht. Philippe Klein

Schätzt der Kanton eigentlich den Beitrag der privaten Schulen als Bildungsstätten für 8000 Schülerinnen und Schüler?

Martin Wendelspiess: Im Gesamten schon. Es kann durchaus Sinn machen, ein Kind in eine Privatschule zu schicken, aber grundsätzlich sind wir der Meinung: Eigentlich ist die Volksschule für alle Kinder geschaffen worden.

Die privat finanzierten Privatschulen nehmen dem Kanton immerhin einen Teil der Lasten ab; die Umsetzung der Volksinitiative für die freie Schulwahl ab der vierten Klasse der Primarschule würde Kosten von 64 Millionen Franken verursachen.

Ja, und trotzdem sind wir der Meinung, dass es gut wäre, wenn möglichst viele Kinder die öffentliche Volksschule besuchen würden. Sie hat nämlich nicht allein einen Bildungsauftrag, sie bildet auch eine wichtige gesellschaftliche Klammer: Kinder aus allen Schichten, mit verschiedenen religiösen Hintergründen, Schweizer und Immigranten kommen zusammen, lernen zusammen, üben die gesellschaftlichen Regeln ein. An Elternabenden und Projektwochen arbeiten auch die Eltern zusammen, das ist nicht zu unterschätzen.

Gibt es Kinder, die in einer Privatschule besser aufgehoben sind als in der Volksschule?

Ich möchte das anders sagen: Es kann Umstände geben, die es angezeigt erscheinen lassen, ein Kind in eine andere Schule zu schicken, etwa wenn das persönliche Verhältnis zwischen der Lehrperson und einem Kind oder seinen Eltern extrem belastet ist oder wenn es im Klassenverband isoliert ist. Aber dann genügt es vielleicht, wenn das Kind in eine andere Klasse, möglicherweise in ein anderes Schulhaus geht, es muss nicht immer gleich der Wechsel in eine Privatschule sein.

Initiative zur freien Schulwahl

Die Diskussion über die Frage von Staatsbeiträgen an Privatschulen wurde angestossen durch die Volksinitiative «Ja! Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse». Gemäss Initiativtext sollen Eltern künftig frei wählen können, in welche öffentliche oder private Schule sie ihre Kinder schicken wollen; der Staat soll den Privatschulen die Finanzmittel zur Verfügung stellen, die der Unterricht an der Volksschule verursacht.

Im Jahr 2010 besuchten von den kantonsweit rund 120 000 Schülerinnen und Schülern der Primar- und Sekundarstufe bis zum Abschluss der obligatorischen Schulzeit rund 8000 eine Privatschule; davon wurden rund 2200 an internationalen Schulen unterrichtet. Regierungsrat und Kantonsrat empfehlen die Initiative zur Ablehnung. (abr)

Manchmal wünschen die Eltern aber eine gewisse gesellschaftliche oder religiöse Ausrichtung der Schule.

Klar, die Volksschule ist nicht konfessionell ausgerichtet, sie orientiert sich, wie das im Volksschulgesetz festgehalten ist, an christlichen, humanitären und demokratischen Wertvorstellungen, wobei gleichzeitig auch erwähnt ist, dass die Glaubens- und Gewissensfreiheit gewahrt ist. Wenn nun etwa Kinder, die zu Hause nach streng jüdischem Ritus leben, in eine Schule geschickt werden, in der dieselben Werte vermittelt werden, habe ich Verständnis dafür.

Ist es nicht so, dass gerade von Privatschulen erzieherische Impulse ausgegangen sind, welche auch von der Volksschule aufgenommen worden sind, etwa die Montessori-Pädagogik?

Ja, Privatschulen haben die Volksschule auch bereichert. Ich habe zurzeit aber eher den Eindruck, dass die Volksschule mit ihren Schulversuchen und Reformen vorangeht, während verschiedene Privatschulen eher Wert darauf legen, möglichst wenig zu verändern. Heute würde ich sagen: Es sind nur vereinzelt Privatschulen, die auf die Bildungsdiskussion befruchtend wirken. Aber natürlich, beide Seiten können voneinander lernen.

Vor 30 Jahren wurde geklagt, manche Privatschule diene als Lazarett für Schulversager. Ist dem auch heute so?

Sicher nicht generell. Es gibt Schulen, die sich bemühen, Schüler aufzunehmen, die an der Volksschule – aus welchem Grund auch immer – Mühe hatten. Ich stelle fest, dass es für einige Eltern einfacher ist, in solch einem Fall eine Privatschule für ihr Kind zu suchen – sofern das nötige Geld vorhanden ist. Schulische Schwierigkeiten könnte man aber auch einer Lösung zuführen, ohne dass man gleich auf eine völlig andere Schiene ausweicht. Es tut auch einem Kind nicht gut, wenn es sieht, dass man Schwierigkeiten nicht anpackt, sondern umgeht. Aber ich weiss natürlich, dass für Lösungen innerhalb der Volksschule die Schulpflegen oder die Schulleitungen Hand bieten müssen.

Nun brauchen ja auch die Privatschulen eine staatliche Bewilligung, sie können also nicht schalten und walten, wie es ihnen beliebt.

Ja, doch üben wir keine Qualitätskontrolle aus, sondern beschränken uns gemäss dem Gesetz darauf, dass wir gewisse Rahmenbedingungen überprüfen, etwa bezüglich Lehrkörper und Räume. Wir geben kein Gütesiegel ab, sondern bloss die Bestätigung, dass die staatlichen Vorschriften eingehalten werden.

Entstehen eigentlich noch neue private Schulen?

Durchaus, jedes Jahr etwa zwei bis fünf, aber andere gehen auch wieder ein. Es handelt sich oft um Kleinstschulen mit weniger als zehn Kindern, deren Existenz eng mit der Person des Gründers oder der Gründerin verknüpft ist. Interessant ist die Beobachtung, dass der Prozentsatz der in Privatschulen untergebrachten Schüler in den letzten Jahren ungefähr konstant geblieben ist. Nur bei den internationalen und zweisprachigen Schulen hat er sich erhöht.

Und gerade bei den internationalen Schulen versucht die Bildungsdirektion jetzt zu bremsen.

Ja. Die internationalen Schulen sind in erster Linie dafür da, dass die Kinder von Angestellten international tätiger Unternehmen, die schon in anderen Ländern eingeschult worden sind und mit den Eltern auch wieder wegziehen werden, das Schulsystem nicht wechseln müssen. Dies ist unbestritten. Das Gesetz sieht aber nicht vor, auch Schweizer Eltern diese Alternative zu bieten. Dem müssen wir einen Riegel schieben, wie es das Gesetz von uns verlangt. In zweisprachige Schulen dürfen aber alle Kinder eintreten.

Nun kann ja der Kanton, wenn er das für tunlich hält, auch internationalen Schulen Investitionsbeiträge gewähren, wenn deren Leistungen von öffentlichem Interesse sind. Kommt das vor?

Das kam bisher erst in einem Fall vor. Der Kanton gab ein vergünstigtes Darlehen für einen Schulbau.

Im Gesetz ist zudem die Verpflichtung aufgeführt, dass die als obligatorisch erklärten staatlichen Lehrmittel auch an die Schüler von Privatschulen auf Verlangen unentgeltlich abgegeben werden müssen. Das soll aber unerhört kompliziert sein, heisst es seitens der Privatschulen.

Es ist tatsächlich kompliziert, weil es die einzelnen Gemeinden sind, welche diese Lehrmittel abgeben. Ich sehe aber vorläufig keine bessere Lösung. Und was ausserdem gilt: Die an Privatschulen unterrichteten Kinder haben gleich wie alle anderen Kinder auch Anspruch auf Therapien oder auf die Förderung in den Musikschulen.

Leistet die Schule eigentlich noch die Aufgabe der Integration von Kindern aus allen Schichten?

Davon bin ich überzeugt. Wo, wenn nicht in der Schule, lernt man den Umgang mit Menschen mit einem anderen Hintergrund, lernt man Toleranz, Respekt, Nächstenliebe? Die öffentliche Schule ist da durchaus modern.