Limmttal
Dieser Mann ermöglicht würdevolle Abschiede

Hans Gerber ist für viele Limmattaler Gemeinden als Bestatter tätig. Sein Unternehmen im zürcherischen Lindau stellt zudem ein Viertel aller in der Schweiz verwendeten Särge her.

Sandro Zimmerli
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In der Schreinerei von Hans Gerber werden die Särge gefertigt. Zim

In der Schreinerei von Hans Gerber werden die Särge gefertigt. Zim

Limmattaler Zeitung

Wenn Hans Gerber und seine Mitarbeiter zu einem Einsatz gerufen werden, dann ist die letzte Reise bereits angetreten. Eine Rückkehr gibt es keine mehr. Aber Zurückgebliebene, Angehörige. Diesen Menschen will Gerber einen würdevollen Abschied von ihren Liebsten ermöglichen. Er überführt Verstorbene vom Ort ihres Hinscheidens ins Krematorium oder auf den Friedhof. Er richtet den Leichnam her, kleidet ihn ein, auf Wunsch in eigene Kleider ansonsten in ein Sterbehemd. Er sorgt für den gewünschten Sarg und ist verantwortlich für die Aufbahrung der Verstorbenen.

Hans Gerber ist Geschäftsführer einer Sargfabrik und eines Bestattungsunternehmens im zürcherischen Lindau. Die Aufträge zur Überführung von Verstorbenen erhält er von Gemeindeverwaltungen. Zu den ersten Gemeinden, die die Dienste des 1960 von Hans Gerbers Vater gegründeten Unternehmens in Anspruch nahmen, gehörten auch einige aus dem Limmattal. An dieser Geschäftsbeziehung hat sich bis heute nichts geändert.

Särge werden weiterverkauft

Dafür aber im Bestattungswesen. «Früher war es üblich, dass ein Dorfschreiner die Särge gefertigt und ein Bauer den Leichentransport organisiert hat. Meist wurde der Verstorbene auf einem von Pferden gezogenen Wagen auf den Friedhof gebracht», sagt Gerber. Mit der Zeit seien die Pferde von den Autos abgelöst worden. Der motorisierte Verkehr in den Dörfern habe stetig zugenommen. «Mein Vater konnte Mitte der 1960er-Jahre eine kleine Transportfirma kaufen und wurde dann immer öfter gebeten, Leichentransporte durchzuführen», so Gerber.

Seither ist die Familie im Geschäft. In der Schreinerei werden die Särge gefertigt. Diese werden für die von den Gemeinden in Auftrag gegebenen Bestattungen gebraucht oder an andere Bestattungsunternehmen verkauft. «Wir stellen rund ein Viertel aller in der Schweiz verwendeten Särge her», hält Gerber fest. Auch an diesem Morgen ist er damit beschäftigt neue Särge zu bauen. Deshalb trägt er seine Arbeitskleidung.

Ganz anders gekleidet ist Gerber, wenn er zu einer Überführung gerufen wird. «Dann tragen wir Anzug und Krawatte», sagt er. Das gebiete die Situation, zumal man oft in Kontakt mit den Hinterbliebenen komme. «Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn wir den Verstorbenen zu Hause abholen müssen», sagt Gerber. Dann spreche er den Angehörigen sein Beileid aus, erkläre ihnen, wo der Leichnam hingebracht werde und frage sie, ob sie bei der Einsargung mithelfen wollen. «Das kann für viele hilfreich sein beim Abschiednehmen. Sie legen beispielsweise eine Blume oder einen anderen persönlichen Gegenstand in den Sarg», sagt Gerber.

Ein normaler Beruf

Im Normalfall würden die Verstorbenen aber im Spital oder im Altersheim abgeholt. «Dort sind in der Regel keine Angehörigen anwesend», hält er fest. Ganz anders präsentiere sich die Situation bei Unfällen oder Suiziden. Oft seien dort Polizei, Sanität und viele weitere Personen vor Ort. «Dann müssen wir uns zuerst einen Überblick verschaffen, den zuständigen Polizisten finden und gegebenenfalls mit den anwesenden Angehörigen sprechen. In solchen Situationen kann es zuweilen hektisch sein, wir müssen uns aber darum bemühen, Ruhe zu bewahren», sagt er.

In der Regel sei es aber ein ganz normaler Beruf, sagt Gerber. «Jeder, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht und akzeptiert, dass das Sterben genau wie die Geburt zum Leben gehört, kann diese Tätigkeit ausüben», hält er fest. Früher sei das Fertigen des Sarges und die Mithilfe beim Einsargen oft Aufgabe des Schreinerlehrlings gewesen. «Wahrscheinlich war das auch bei mir der Fall. Ich kann mich aber nicht mehr erinner, wann ich zum ersten Mal einen Toten in einen Sarg gelegt habe», sagt Gerber.

Gut in Erinnerung sei ihm dagegen der Tag, als er zum ersten Mal zu einem Bahnunfall gerufen wurde. «Jemand war vor den Zug gesprungen und wir mussten den Leichnam abtransportieren. Das war kein schöner Anblick», erzählt Gerber. Doch auch daran gewöhne man sich. Für ihn sei das mittlerweile fast zur Routine geworden. Wobei man sich diese Routine nicht anmerken lassen dürfe. «Für die Angehörigen ist ein Todesfall immer etwas Einzigartiges. Wir haben unsere Aufgabe zufriedenstellend erfüllt, wenn sich die Leute bei uns bedanken, dass wir es ihnen ermöglicht haben, sich in Würde vom Verstorbenen zu verabschieden», so Gerber.

Dicke Haut gefragt

Schwieriger ist die Aufgabe, wenn es sich beim Toten um ein Kind handelt. Da hat auch der langjährige Bestatter ein bedrückendes Gefühl. «Besonders die Fälle von Säuglingstod gehen einem nahe. Es braucht dann eine dicke Haut, um seine Arbeit zu verrichten», sagt Gerber. Er sage sich dann, dass er nicht für den Tod verantwortlich sei, nichts am Schicksal des Kindes hätte ändern können. Ähnlich müsse man die Aufgabe angehen, wenn man neu in diesen Beruf einsteige.

«Wenn wir jemanden zu einem Bewerbungsgespräch einladen, merken wir schnell, ob er abblockt und die Arbeit gar nicht machen will», hält Gerber fest. In solchen Fällen mache es keinen Sinn die betreffende Person einzustellen. Wenn jemand aber bereit dazu sei und das auch so kommuniziere, dann stehe einer Einstellung nichts mehr im Wege. «Neue Angestellte werden nicht einfach ins kalte Wasser geworfen. Am Anfang begleiten sie erfahrene Mitarbeiter. Hat man zwei-, dreimal bei einer Überführung mitgewirkt, hat man sich an den Umgang mit den Verstorbenen bereits gewöhnt», zeigt sich Gerber überzeugt. Aber es könne auch bei erfahrenen Bestattern vorkommen, dass sie gewisse Situationen nur schwer verarbeiten. «Für diese Fälle setzen wir uns zusammen und diskutieren. Oft hilft es dem Betroffenen, sein Problem in Worte zu fassen.»