«Mit zehn Jahren war ich ein sündenfreies, katholisches Kind aus Udine. Mit fünfzehn Jahren wurde ich Kommunist in Mailand. Heute bin ich ein grüner und wohne im Tessin.» So fasst der italienische Geschichtenerzähler und Komiker Ferruccio Cainero seine politische Laufbahn zusammen.

Einen Abend lang erzählte der Wahlschweizer im Stadtkeller Dietikon von dieser Laufbahn, seinem Schutzengel und anderen Anekdoten aus einem abwechslungsreichen Leben. Ein unterhaltsamer Kabarettabend mit stillen Momenten, viel Humor und mehr als einem Anstoss zum Nachdenken.

Ferruccio Cainero - Polarforscher

Ferruccio Cainero - Polarforscher

Mit Rom ist alles gesagt

«Liebling. Von Tivoli aus sieht man über ganz Rom», habe Ferruccio Caineros Onkel immer gesagt, wenn ihm dieser von der grossen weiten Welt erzählt habe. In dieser Zeit habe er noch für die USA geschwärmt, erzählt Cainero in seinem Stück «Krieger des Regenbogens». «Indianer. Cowboys. Die unendliche weite der Wüste Nevadas», so habe er seinem Onkel immer vorgeschwärmt. Doch die Antwort seinen Onkels sei immer die gleiche gewesen, erzählt Cainero seinem Publikum. «De Tivoli se vede de tuto a Roma». Damit sei alles gesagt.

«Wir haben Ferruccio schon mehr als einmal in den Stadtkeller eingeladen», und es sei immer wieder ein Erfolg, erzählt Simone Neff vom Vorstand des Vereins Theater Keller in Dietikon. Sie höre unglaublich gerne Geschichten, erzählt die Dietikerin. «Und Geschichten erzählen kann Ferruccio Cainero einfach wahnsinnig gut», so Neff ganz begeistert. Diese Begeisterung ist auch dem Publikum im gut gefüllten Stadtkeller anzumerken. «Mir gefällt die Art und Weise, wie Cainero selbst politisch heikle Themen vermittelt, sehr gut», sagt Theaterbesucher Heinz Zeller. Cainero sei eben nicht nur ein Clown, sondern man merke auch, wie besorgt der Kabarettist über unsere Welt und ihre Entwicklung sei, so der Rentner.

Ferruccio Cainero - Motorroller

Ferruccio Cainero - Motorroller

Für die Mafiakinder gespielt

Ferruccio Cainero als Clown zu bezeichnen, wäre tatsächlich weit gefehlt. Der 58-jährige Sprachvirtuose erwartet von seinem Publikum weit mehr, als dass es nur lachen würde. Er will etwas auslösen. Zum Nachdenken animieren. Eine Diskussion anreissen. Dabei erzählt Cainero weitgehend einfach seine Lebensgeschichte. Mit der obligaten Fantasie und blumigen Ausschmückung des wahren italienischen Geschichtenerzählers.

Wie er als junger Komiker mit einem Partner in Süditalien lediglich für die vier Kinder eines Mafiabosses gespielt habe. Wie er den Glauben an Jesus verloren habe, als dieser ihm seine Freundin nicht zurückbrachte, die sich von ihm getrennt hatte. Und wie er mit fünfzehn den Kommunisten beitrat. Cainero schafft es mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit, im gleichen Tonfall und mit unglaublich viel Humor über seine ersten Erfahrungen mit Zungenküssen zu erzählen, nur um kurz darauf, auf die schwerwiegenden Probleme unserer Wegwerfgesellschaft hinzuweisen. Ein empfehlenswertes Stück Kabarett, welches trotz seiner stolzen Länge von über zwei Stunden nie langweilig wurde.