Die Schrauben in der offenen Schublade sind nach Grösse in zahlreichen kleinen gelben Behältern sortiert. Shamsudin Afzali packt einen der Behälter und stellt ihn auf den Tisch neben ein paar kurze Holzbretter. «Ich bereite mich für die Montage von morgen vor und baue ein Gestell zusammen», sagt Afzali, während er einen gelben Akkuschrauber aus dem Regal zieht. Der 21-Jährige befindet sich in der Werkstatt seines Lehrbetriebs im Dietiker Industriegebiet. Seit Anfang August arbeitet der Afghane bei der Gebäudeunterhaltsfirma «Huuswartservice» und absolviert eine einjährige Integrationsvorlehre. Die Ausbildung gehört zu einem vierjährigen Pilotprojekt des Kantons Zürich, das sich an Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Menschen richtet. Sie soll ihnen den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern.

«Die Arbeit macht mir Spass, weil sie so abwechslungsreich ist», sagt Afzali und holt einen Rasenmäher aus dem hinteren Teil der Werkstatt. Um punkt sieben Uhr am Morgen beginnt sein Arbeitstag. Er und seine Kollegen treffen sich dann in der Werkstatt, die Aufgaben werden verteilt. 20 Mitarbeiter kümmern sich um den Unterhalt von 20 Grossgebäuden zwischen Baden und Zürich. Dazu gehören auch einige Objekte im Industriegebiet Silbern. «Unser Arbeitsspektrum ist sehr breit. Wir erledigen alle Aufgaben im und ums Haus. Das reicht vom Rasenmähen, Malen über Bodenlegen bis zu Gartenbepflanzungen», erklärt Roger Wigger.

Er gründete den Betrieb vor 15 Jahren und ist Afzalis Lehrmeister. «Shamsudin hat durch die breite Palette an Arbeiten die Möglichkeit, vieles kennenzulernen und kann herausfinden, wo seine Stärken liegen», sagt Wigger. Unterdessen stehen er und Afzali auf dem Rasen vor dem Restaurant Riedhof, das sich im selben Gebäude wie die Werkstatt befindet. Beide knien auf der Wiese neben dem Rasenmäher. «Hier kannst du die Schnitthöhe einstellen», sagt Wigger und zeigt auf den schwarzen Hebel neben dem Tank. Afzali nickt interessiert.

Bedroht vom Onkel

«In Afghanistan gibt es keine Lehrstellen. Dort ist learning by doing angesagt», sagt Afzali. Das System in der Schweiz gefällt ihm besser. «Hier gibt es Regeln und man muss pünktlich sein.» Die Arbeit mit Maschinen und Werkzeugen ist für ihn eine neue Erfahrung. Seine Eltern besassen im Gebiet Parwan im Norden Afghanistans einen Bauernhof. «Wir hatten Kühe, Schafe, Ziegen und Esel», erzählt Afzali. Da er seinen Eltern viel helfen musste, brach er die Volksschule vorzeitig ab. Maschinen hatten sie keine, alles wurde in Handarbeit erledigt. «Nachdem meine Eltern gestorben waren, erhob mein Onkel Anspruch auf ihr Grundstück. Als ich mich dagegen wehrte und meinen Teil einforderte, bedrohte er mich.» Als der Druck des Onkels immer grösser wurde, floh Afzali 2015 in die Schweiz. Seit zwei Jahren lebt er in Birmensdorf. Anfangs in einem Asylcontainer, nun in einer kleinen Wohnung.

«Ich hätte keine Vorlehre machen können, wenn ich noch in der Asylunterkunft wohnen würde», ist sich Afzali sicher. Er teilte sich ein Schlafzimmer mit drei anderen Personen. «Ich muss am Morgen um 5 Uhr aufstehen. Ich hätte wohl alle geweckt.» Und die nötige Ruhe zum Lernen hätte ihm auch gefehlt, sagt der 21-Jährige. Afzali besucht jeweils am Dienstag die Berufsschule in Wetzikon und am Montag die kantonale Schule für Weiterbildung in Zürich. Dort lernt er die Benutzung der Computerprogramme und wie die Schweiz funktioniert. So beispielsweise die schweizerischen Gepflogenheiten wie Pünktlichkeit oder das politische System.

Zu Afzalis Überraschung erwies sich nicht alles im Lehrbetrieb als völlig neu. «Ich staunte nicht schlecht, als Herr Wigger sagte, dass er Honig herstellt», erzählt Afzali. Sein Lehrmeister ist langjähriger Imker und betreut mehrere Bienenstände. Einer davon steht auf einem Flachdach in der Nähe der Werkstatt beim Naturschutzgebiet. «Das Imkern ist eine Art Nebengeschäft des «Huuswartservices». Den Honig erhalten meine Kunden als Geschenk», sagt Wigger. Die Arbeit mit den Bienen sei für die Lernenden aber freiwillig. «Wer mithelfen will, kann das tun. Wer Angst hat, soll es sein lassen.»

Ein Stück Heimat

Wigger musste Afzali nicht zwei Mal fragen, ob er ihn unterstützen will. Auf dem Bauernhof seiner Eltern gab es nämlich auch Bienen. «Auch wenn sich die Imkerei in der Schweiz und in Afghanistan unterscheidet, bedeutet diese Arbeit für mich ein Stück Heimat», sagt Afzali und strahlt. Auch für Wigger ist es schön, seine Leidenschaft mit dem Lernenden zu teilen. «Es ist etwas, das uns verbindet», sagt der Dietiker. Auch sonst ist spürbar, dass das Verhältnis der beiden über die Arbeit hinausgeht. In der Werkstatt hängt ein blaues Magnetschild mit einem weissen L darauf. «Ich bin gerade dabei, den Fahrausweis zu machen», sagt Afzali. Der Chef gehe manchmal nach der Arbeit mit ihm üben. «Ich finanziere ihm die Autoprüfung», sagt Wigger. Der Lohn, den er seinem Lehrling zahlen dürfe, sei mit 450 Franken pro Monat so wenig, dass er sich dazu entschieden habe, ihn in dieser Form zu unterstützen. «Es kommt am Ende auch mir zugute, wenn er Auto fahren kann», sagt Wigger und lacht.

Nach zwei Monaten zieht der Lehrmeister bereits eine positive Bilanz. «Er ist sehr wissbegierig und lernbereit. Deshalb ist wohl auch sein Deutsch nach drei Jahren in der Schweiz bereits so gut», sagt Wigger und tätschelt Afzalis Arm. Dieser kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. «Er steht manchmal bereits zehn Minuten vor Arbeitsbeginn vor der Werkstatt und ist top motiviert», sagt Wigger. Das könne er nicht von allen seinen Lernenden behaupten. «Die Lernbereitschaft bei Jugendlichen ist vielfach nicht vorhanden.» Shamsudin sei ein Gegenpol.
Auch einer der Gründe, warum sich Wigger dazu entschied, dem Flüchtling eine Integrationslehrstelle zu geben. «Ich hoffe, dass sich die anderen Lehrlinge von seiner Motivation anstecken lassen.» Wigger will aber auch das Verständnis für Flüchtlinge bei seinen Mitarbeitern fördern. «So bekommen sie ein Gesicht. Es schafft Mitgefühl.» Das Projekt sei eine gute Sache. «Es macht Sinn, Leute, die längerfristig in der Schweiz bleiben, zu integrieren. Und das funktioniert am besten über den Beruf.»

Afzali erfuhr vor einem Jahr in einem Deutschkurs in Altstetten vom Projekt. Für ihn sei es sehr wichtig, dass er diese Vorlehre absolvieren könne. «So habe ich grosse Chancen, eine Lehrstelle zu erhalten und später eine Arbeit zu finden», sagt er. Gerne wolle er sich hier in der Schweiz ein neues Leben aufbauen und sein eigenes Geld verdienen. So könne er sich dann auch einen grossen Wunsch erfüllen. «Meine Schwester Zahara lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Iran. Ich würde sie gerne besuchen.» Bisher habe er seine Nichten und Neffen nur über Skype gesehen. «Ich kann es kaum erwarten, sie irgendwann einmal in die Arme zu schliessen.»

Dass das in einigen Jahren möglich sein wird, daran zweifelt Wigger nicht. «Wenn er so weiter macht wie bisher, hat er sehr gute Chancen, bei mir im nächsten Sommer eine dreijährige Lehre zu beginnen», sagt der 53-Jährige. Und auch sonst sehe er viel Potenzial. «Ich kann mir gut vorstellen, dass Shamsudin sich in vier bis fünf Jahren als Berufsfachmann selbstständig machen könnte.»