Schlieren

Dieser Entertainer kann sogar seinen Flügel schweben lassen

Silvan Zingg zeigt, wie gut Boogie-Woogie und Geschichten zusammenpassen – und was er sonst noch auf dem Kasten hat.

Dieser Mann kann Geschichten erzählen: Insgesamt fünf Anekdoten erzählt Silvan Zingg dem Publikum, unterbrochen von seinem virtuosen Klavierspiel. Einmal erklärt er, wie der Boogie Woogie im Süden der USA entstanden ist, dann gibt es einen Exkurs über die Dampflokomotive. Persönlich wird es, als er über sein Konzert mit Blues-Legende B.B. King in Montreux oder seine erste Klavierlehrerin erzählt, die vor kurzem gestorben ist.

In schwarzem Anzug, weissem Hemd und blitzblank geputzten Schuhen begrüsst Silvan Zingg, der auf Einladung der Kulturkommission nach Schlieren gekommen ist, den vollen Saal im Stürmeierhuus. Als gebürtiger Tessiner zuerst auf Italienisch, dann auf Schweizerdeutsch, welches er ebenfalls perfekt beherrscht.

Er setzt sich an seinen Steinway-Flügel – «das Beste, was ein Pianist kriegen kann» – und beginnt zusammen mit Schlagzeuger Valerio Felice und Slapbass-Spieler Nuno Alexandre die Zuschauer in die Welt des Boogie-Woogie zu entführen.

Dann folgt der bekannte «Honky Tonk Train Blues», die Komposition, die in den 1930er Jahren die Boogie-Woogie-Welle lostrat. Seine Hand sei dabei wie der Motor einer Dampflokomotive.

«Honkey Tonk Train Blues» –  Einer der absoluten Boogie Woogie-Klassiker den Zingg auch gespielt hat

«Honkey Tonk Train Blues» – Einer der absoluten Boogie Woogie-Klassiker den Zingg auch gespielt hat.

«Lugano – Chicago – Schlieren», ruft Zingg laut. «Und los geht es mit dem Honkey-Tonk-Zug.» Mit Leidenschaft greift er in die Tasten und bestreitet das Intro solo, bevor Valerio Felice sanft mit dem Schlagzeug einsteigt. Das Publikum wippt Hände und Füsse im Takt und klatscht später heftig.

Zingg ist nicht nur musikalisch talentiert, sondern auch unterhaltsam. «Die Spanischen Brötli sind da», ruft er. «Übrigens, wer von Ihnen weiss, wann die Spanisch-Brötlibahn das erste Mal fuhr?», fragt er die Gäste schelmisch. «1846», ruft eine Dame. Zingg: «1846, stimmt das? Naja, wir schauen nachher auf Google nach. Wenn es stimmt, bekommen sie eine CD von mir.» Das Publikum lacht.

Weiter geht es mit dem Blues und einem Trick, den angeblich nur Silvan Zingg beherrscht. Bei passenden Stellen im Stück fängt der Flügel plötzlich leicht zu wippen, ja fast zu schweben an. Zingg positioniert sein linkes Knie so unter der Tastatur, dass er während dem Spiel das Instrument leicht anheben kann: «So ist in Hamburg mein Klavierhocker kaputt gegangen», ruft er.

Persönliche Verabschiedung

Gegen Ende des Abends lässt sich das Trio vom Christbaum am linken Rand der Bühne inspirieren und spielt die Weihnachtslieder «Jingle Bells» und «Let it snow». Beim Refrain von «You are my Sunshine» von Elizabeth Mitchell fordert der Pianist das Publikum zum Mitsingen auf und ein zurückhaltendes «You are my Sunshine, my only Sunshine» erklingt aus den Reihen.

Der fulminante Schluss ist nach tosendem Applaus nicht wirklich der Schluss: Silvan Zingg setzt sich noch einmal alleine an die Tasten. Er spielt das nachdenkliche «What a Wonderful World» von Louis Armstrong und verlässt dann die Bühne endgültig – nur um Sekunden danach im Foyer zu warten und die Zuschauer einzeln zu verabschieden.

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