Müllentsorgung
Dieser Dietiker schert sich um den Dreck von anderen Leuten

Wer mit Markus Steiger und Fadil Ademi auf Tour geht, lernt eine sehr unschöne Seite der Gesellschaft kennen: die Wegwerfmentalität. Von Müll auf den Strassen und illegal entsorgtem Haushaltskehricht in den städtischen Abfallbehältern. Eine Spurensuche.

Gabriele Heigl
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Markus Steiger (links) und Fadil Ademi auf einer ihrer Entsorgungstouren.
18 Bilder
Ademi beim Entleeren eines sogenannten Abfallhais.
Mit suchendem Blick durch die Grünanlagen. Erst leert Ademi das Bier aus.
Die Männer vom Strassenunterhalt lernen die Menschen von einer unschönen Seite kennen.
In einem Abfallhai beim Färberhüsli waren 90 Prozent des Mülls illegal entsorgter Haushaltskehricht.
An manchen Tagen müssen Ademi und seine Kollegen dreimal die Zentrumstour fahren.
Mit Zange und Handschuhen. Letztere dienen der Sicherheit vor Glasscherben und Spritzen.
Besonders die vielen Zigarettenstummel machen den Männern zu schaffen.
Einer von sieben illegal entsorgter Tüten mit Hausmüll im Behälter am Färberhüsli.
Dabei wäre der Müllbehälter so nah ...
Kopie von Müllabfuhr in Dietikon
Ademi verliert sein freundliches Gemüt auch dann nicht, wenn er von Müllsündern übel beschimpft wird.
Viermal so viel kommt bei einer Tour im Zentrum aus den Abfallhaien zusammen.
Die Dietikerin Mathilde Wild hält einen kleinen Schwatz mit Ademi.
Pascal Bättig möchte die Müllsünder zum Umdenken bewegen.
Von Bättig entdeckt: Metallschrott abgelegt bei einem Abfallhai der Stadt.
Pascal Bättig, Inhaber des Allergieladens, beklagt sich über rücksichtslos weggeworfenen Müll in Dietikons Strassen.
Auch beim Velostellplatz um die Ecke "wild" entsorgter Müll.

Markus Steiger (links) und Fadil Ademi auf einer ihrer Entsorgungstouren.

Fabio Baranzini

Der Höhepunkt ist am Färberhüsli an der Oberen Reppischstrasse erreicht. Etwa 90 Prozent des Mülls im dortigen städtischen Abfallbehälter ist illegal entsorgter Haushaltskehricht. Da sind sogar die beiden Müllwerker überrascht. Markus Steiger, stellvertretender Leiter des Dietiker Strassenunterhalts, kennt die neuralgischen Stellen in der Stadt. Vor allem im Abschnitt A, dem Stadtzentrum, sammelt sich viel in den sogenannten Strassenhaien an.

An manchen Tagen, vor allem bei schönem Wetter, müssen die Männer drei bis fünf Mal die Runde machen im Zentrum. Dabei stellen sie fest, dass immer mehr Haushaltsmüll illegal in die schmalen Edelstahlbehälter gestopft wird. «Vor allem an den Grillplätzen, etwa an der Nötzliwiese, sind die Behälter ständig am Überquellen», so Steiger. Auch ganze defekte Gummiboote werden einfach zurückgelassen. «Wir bekommen hier hautnah mit, was der Begriff Wegwerfgesellschaft bedeutet», so Steiger.

Durch Kouverts identifizierbar

Fadil Ademi holt derweil einen Plastikbeutel nach dem anderen aus dem Abfallhai. Der
48-Jährige arbeitet seit sechs Jahren beim Strassenunterhalt Dietikon; davor war er in selber Funktion in Spreitenbach tätig. Er arrangiert für den Fotografen den aus einem einzelnen Hai entnommenen Haushaltsmüll. In einem ist auf einem Kouvert ein Adressat zu lesen, und auch auf einem Amazon-Karton prangt die Anschrift des mutmasslichen Müllsünders. Ademi und seine zwölf Kollegen führen Formulare mit sich, wo sie solche Verstösse festhalten können.

Steiger und Ademi können auf eine jahrelange Erfahrung in ihrer Arbeit zurückblicken. Beide sagen übereinstimmend, dass nicht nur die illegale Entsorgung, sondern auch das sogenannte Littering, also das Werfen von Müll auf die Strasse, zugenommen hat. «Die Leute haben keine Hemmungen, das direkt vor unseren Augen zu machen», so Ademi, «wir können aber dennoch gar nichts machen.» Das sei Sache der Polizei.

Müll und Littering im Schulunterricht

Dietikon will seine Schüler im Bereich Abfall und Recycling sensibilisieren. Die Schulen nutzen dazu den Umweltunterricht, den die Organisation Praktischer Umweltschutz Schweiz (Pusch) zusammen mit Limeco anbietet. Die Lektionen der Pusch-Fachperson zu den Themen «Abfall und Konsum», «Energie und Klima» oder «Wasser» werden dabei mit einem Besuch im Kehrichtheizkraftwerk oder der Abwasserreinigungsanlage von Limeco kombiniert.
Die Umweltbildung findet laut Schulvorstand Jean-Pierre Balbiani im Rahmen von Projektwochen und auf freiwilliger Basis statt. Ausserdem lernten die Schüler aus der ersten Klasse, wie sie selbst die Natur schonen können, sagt Balbiani. Ihre
Znünis sollten aus gesunden Zutaten sein, die ohne viel Verpackung zu kaufen sind und in wiederverwendbaren Behältern mitgenommen
werden. (fdu)

Ademi steigt durch die nahen Grünanlagen und pickt mit seiner Müllzange Plastikmüll, Flaschen und Getränkedosen heraus. Eine halbvolle Bierdose leert er erst in die Büsche, bevor er sie in seinem Müllbeutel verschwinden lässt. Die überall verstreuten Zigarettenstummel machen Ademi und seinen Kollegen besonders zu schaffen. Viele müssen sie einzeln mit der Zange aufpicken. Dabei wäre der Müllbehälter so nah ...

«Dreckiger Ausländer»

«Hin und wieder spreche ich die Leute an und stelle sie zur Rede.» «Schwein», und «dreckiger Ausländer» sind noch die harmloseren der Begriffe, die er dann zu hören bekommt. Manche Mütter deponieren die Hausmüllsäcke, die sie im Kinderwagennetz mit sich führen, im Vorbeifahren in den städtischen Behältern, als sei es der vorgesehene Weg der Hausmüllentsorgung. Und Steiger hat schon mehrmals eine besonders dezente Methode der illegalen Müllentsorgung beobachtet: Mann oder Frau sitzt auf der Bank bei der Bushaltestelle, eine Plastiktüte neben sich auf dem Boden. Kommt der Bus, steigt der Müllsünder ein und «vergisst» einfach, seinen Müll mitzunehmen. Fast ist man geneigt, von krimineller Energie zu sprechen. Dennoch lässt Fadil Ademi sich davon nicht runter ziehen: «Die Strassen von Müll zu befreien, ist nun mal unser Job, und ich mag meinen Beruf. Ich habe meine drei Kinder damit gross gezogen.» Hin und wieder bekommen die Männer auch positive Rückmeldungen.

Passanten rufen ihnen zu, dass sie einen guten Job machen, manche stecken ihnen Kaffeegeld zu. Oder er hat Begegnungen wie mit der Dietikerin Mathilde Wild, die auf ihrem Weg zum Einkaufen auf einen kurzen Schwatz bei Ademi stehen bleibt. Um ihr die Hand zu schütteln, zieht er seine Spezialhandschuhe aus, die er bei der Arbeit aus Sicherheitsgründen immer tragen muss. «Immer wieder finden wir ausser Glasscherben auch Spritzen im Gebüsch.» Auch kleine Plastiktütchen mit einem weissen Pulver und Hasch hat er schon gefunden. Wo beides landet? «In der Müllverbrennung», antwortet Ademi lakonisch.

Müll ist magnetisch

Was Steiger wie Ademi nicht begreifen können: Oft genug finden sie Müll, den jeder ganz legal und dabei kostenfrei loswerden kann, etwa Elektronikgeräte, PET-Flaschen oder Altpapier. Steiger kann es sich nicht anders als mit Faulheit erklären. Ex und hopp – soll jemand anders sich um meinen Dreck kümmern. Bestätigen können die beiden Arbeiter auch eine besondere «physikalische» Eigenschaft des Mülls: Er wirkt magnetisch. Wo schon drei Kippen liegen, da sammeln sich in kürzester Zeit noch weitere zwanzig an. Wird ein Kehrichtsack irgendwo «wild» abgestellt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er bald reichlich Gesellschaft bekommt.

Diese Sünde lohnt sich nicht

Fraglich ist, inwieweit sich Müllsünder ihrer Schuld bewusst sind. Die rücksichtslose, egoistische Seite des Handelns wirft auch ethische Fragen auf. Diese kümmern Stadt wie Polizei allerdings wenig. Littering, also das Wegwerfen von Müll auf die Strasse, und illegale Hausmüllentsorgung sehen sie nicht als Kavaliersdelikte. Die Limmattaler Zeitung befragte Roger Meyer, den stellvertretenden Leiter der Infrastrukturabteilung der Stadt Dietikon, zum Müllaufkommen und den Dietiker Polizeichef Rolf Wohlgemuth zu den Bussen.

Wie sind generell die Entwicklungszahlen beim Müllaufkommen?

Roger Meyer: Allgemein steigend, dies hat allerdings auch mit der steigenden Bevölkerungszahl zu tun.

Gibt es eine missbräuchliche Nutzung der städtischen Abfallbehälter?

Das wird im Stadtgebiet nicht konstant festgestellt, es kommt aber vor, dass ganze Tagesmengen von Haushaltsabfällen im öffentlichen Abfallbehälter gesichtet werden.

Welche Mengen sammeln die Männer vom Strassenunterhalt aus den öffentlichen Behältern?

Das kommt ganz auf das Wetter an. An schönen Wochenendtagen wurden im Gebiet Nötzliwiese auch schon bis zu 450 Kilogramm eingesammelt.

Gibt es neuralgische Stellen, an denen der Strassenmüll im wahrsten Sinne gehäuft zu finden ist?

Ja, es sind die sogenannten «hotspots», also öffentliche Plätze, Wiesen und Parkanlagen, an denen sich grosse Menschenmengen aufhalten.

Wie werden Verstösse geahndet?

Rolf Wohlgemuth: Littering wird mit einer Ordnungsbusse bestraft. Bei illegaler Entsorgung von Hausmüll wird Strafanzeige durch das Amt für Umwelt und Gesundheit bei der Stadtpolizei Dietikon eingereicht, sofern der Verursacher bekannt ist. Danach erfolgt eine Verzeigung an das Statthalteramt Dietikon.

Wie hoch sind die Bussen?

Bei Littering ist die Busse gemäss städtischer Polizeiverordnung und gemeinderechtlicher Ordnungsbussenliste 100 Franken. Bei illegaler Abfallentsorgung ist das Statthalteramt Dietikon zuständig, sie wird mit Strafbefehl geahndet. (GAH)

Pascal Bättig, Inhaber des Allergieladens, beklagt sich über rücksichtslos weggeworfenen Müll in Dietikons Strassen.

Pascal Bättig, Inhaber des Allergieladens, beklagt sich über rücksichtslos weggeworfenen Müll in Dietikons Strassen.

Gabriele Heigl

«Es heisst immer, die Schweiz sei so sauber»

Es stinkt ihm. Es stinkt ihm gewaltig. Mehrmals täglich muss Pascal Bättig, Inhaber der Libergy GmbH, dem Supermarkt für Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten in der Zentralstrasse, zu Besen und Mopp greifen. Vor allem morgens ärgert er sich über die Ansammlungen von Unrat vor seinem Laden: Dönerverpackungen, Kaugummis, unzählige Zigarettenstummel. «Es heisst immer, dass die Schweiz so ein sauberes Land sei. Ich habe da inzwischen eine eigene Sicht auf die Dinge», meint Bättig. «Vielleicht sollte man so hohe Bussen auf weggeworfenen Müll verlangen wie in Singapur.» Man spürt seinen Frust der täglichen vergeblichen Liebesmüh.

Bättig findet, dass die Mentalität, seinen Unrat, wo man geht und steht, fallen zu lassen, in der letzten Zeit verstärkt zu beobachten sei. Hin und wieder hat er schon Leute angesprochen, die er «in flagranti» erwischt hat. «Ich habe sie nur dazu bringen wollen, darüber nachzudenken, was sie da tun.» Aber wie das so ist, wenn sich Menschen ertappt fühlen: Sie drehen den Spiess um. «Zum Teil werden sie richtig pampig und fragen, was mich das angehe.» Besonders in Erinnerung sind ihm zwei ältere Frauen, die ihn mit einem «Sind Sie nicht frech!» angeblafft haben. Überhaupt hat Bättig das Gefühl, dass man bei Kindern und Jugendlichen eher auf offene Ohren stösst. «Die Jungen sind meist recht verständig.» Bei ihnen müsse man anfangen und sie mehr für das Thema sensibilisieren.

Güsel in der «toten Zone»

Bättig ist ein Mann, der mit offenen Augen durch Dietikon geht. Man spürt die grosse Sympathie, die er für seine Stadt hegt; dabei fühlt er sich oft als deren Verteidiger. «Manche meiner Kunden nennen Dietikon eine ‹tote Zone›, und fragen, ob hier der richtige Standort für solch einen besonderen Laden sei. Ich dagegen sehe das Potenzial von Dietikon.» Wenn jeder ein klein wenig darauf schauen würde, dann würde es viel besser werden. Beim weggeworfenen Güsel fange es eben an. «Das hat was mit Anstand zu tun. Ich bin auf jeden Fall so erzogen worden, dass man seinen Müll nicht auf die Strasse wirft.»

Was die Abfallkübel anbelangt, die entlang der Strasse aufgestellt sind, bestätigt Bättig die Beobachtungen der Müllwerker. «Ich habe schon öfter gesehen, dass die Leute ihre Hausmüllsäcke reingestopft haben.» Manchmal werden auch einfach sperrige, defekte Teile an den Abfallhaien abgestellt. «Sicher ist diese ‹wilde› Entsorgung auch ein Kostenfaktor für die Leute. Aber das ist zu kurz gedacht. Denn wenn die Entsorgung mehr kostet, wird man das dann später an steigenden Steuern merken», ist er überzeugt. Es werde in Dietikon immer reklamiert, dass viele Probleme mit dem hohen Ausländeranteil zusammenhingen. Er aber möchte nicht in dieses Horn stossen. Sein Fazit: «Man sollte allgemein bewusster mit der Welt umgehen, nicht gedankenlos alles kaputtmachen. Man kann als einzelner viel bewirken auf der Welt. Und das fängt doch dort an, wo man lebt. Man muss die Leute nur wachrütteln.»