Der Höhepunkt ist am Färberhüsli an der Oberen Reppischstrasse erreicht. Etwa 90 Prozent des Mülls im dortigen städtischen Abfallbehälter ist illegal entsorgter Haushaltskehricht. Da sind sogar die beiden Müllwerker überrascht. Markus Steiger, stellvertretender Leiter des Dietiker Strassenunterhalts, kennt die neuralgischen Stellen in der Stadt. Vor allem im Abschnitt A, dem Stadtzentrum, sammelt sich viel in den sogenannten Strassenhaien an.

An manchen Tagen, vor allem bei schönem Wetter, müssen die Männer drei bis fünf Mal die Runde machen im Zentrum. Dabei stellen sie fest, dass immer mehr Haushaltsmüll illegal in die schmalen Edelstahlbehälter gestopft wird. «Vor allem an den Grillplätzen, etwa an der Nötzliwiese, sind die Behälter ständig am Überquellen», so Steiger. Auch ganze defekte Gummiboote werden einfach zurückgelassen. «Wir bekommen hier hautnah mit, was der Begriff Wegwerfgesellschaft bedeutet», so Steiger.

Durch Kouverts identifizierbar

Fadil Ademi holt derweil einen Plastikbeutel nach dem anderen aus dem Abfallhai. Der
48-Jährige arbeitet seit sechs Jahren beim Strassenunterhalt Dietikon; davor war er in selber Funktion in Spreitenbach tätig. Er arrangiert für den Fotografen den aus einem einzelnen Hai entnommenen Haushaltsmüll. In einem ist auf einem Kouvert ein Adressat zu lesen, und auch auf einem Amazon-Karton prangt die Anschrift des mutmasslichen Müllsünders. Ademi und seine zwölf Kollegen führen Formulare mit sich, wo sie solche Verstösse festhalten können.

Steiger und Ademi können auf eine jahrelange Erfahrung in ihrer Arbeit zurückblicken. Beide sagen übereinstimmend, dass nicht nur die illegale Entsorgung, sondern auch das sogenannte Littering, also das Werfen von Müll auf die Strasse, zugenommen hat. «Die Leute haben keine Hemmungen, das direkt vor unseren Augen zu machen», so Ademi, «wir können aber dennoch gar nichts machen.» Das sei Sache der Polizei.

Ademi steigt durch die nahen Grünanlagen und pickt mit seiner Müllzange Plastikmüll, Flaschen und Getränkedosen heraus. Eine halbvolle Bierdose leert er erst in die Büsche, bevor er sie in seinem Müllbeutel verschwinden lässt. Die überall verstreuten Zigarettenstummel machen Ademi und seinen Kollegen besonders zu schaffen. Viele müssen sie einzeln mit der Zange aufpicken. Dabei wäre der Müllbehälter so nah ...

«Dreckiger Ausländer»

«Hin und wieder spreche ich die Leute an und stelle sie zur Rede.» «Schwein», und «dreckiger Ausländer» sind noch die harmloseren der Begriffe, die er dann zu hören bekommt. Manche Mütter deponieren die Hausmüllsäcke, die sie im Kinderwagennetz mit sich führen, im Vorbeifahren in den städtischen Behältern, als sei es der vorgesehene Weg der Hausmüllentsorgung. Und Steiger hat schon mehrmals eine besonders dezente Methode der illegalen Müllentsorgung beobachtet: Mann oder Frau sitzt auf der Bank bei der Bushaltestelle, eine Plastiktüte neben sich auf dem Boden. Kommt der Bus, steigt der Müllsünder ein und «vergisst» einfach, seinen Müll mitzunehmen. Fast ist man geneigt, von krimineller Energie zu sprechen. Dennoch lässt Fadil Ademi sich davon nicht runter ziehen: «Die Strassen von Müll zu befreien, ist nun mal unser Job, und ich mag meinen Beruf. Ich habe meine drei Kinder damit gross gezogen.» Hin und wieder bekommen die Männer auch positive Rückmeldungen.

«Wir werden oft beschimpft»: Fadil Ademi (48), arbeitet seit sechs Jahren beim Strassenunterhalt Dietikon – im Video spricht er über Freud und Leid und illegal entsorgten Abfall.

«Wir werden oft beschimpft»: Fadil Ademi (48), arbeitet seit sechs Jahren beim Strassenunterhalt Dietikon – im Video spricht er über Freud und Leid und illegal entsorgten Abfall.

Markus Steiger, stellvertretender Leiter Strassenunterhalt Dietikon, ist seit 16 Jahren dabei und zeigt, wie er unerwünschte Kleber entfernt.

Passanten rufen ihnen zu, dass sie einen guten Job machen, manche stecken ihnen Kaffeegeld zu. Oder er hat Begegnungen wie mit der Dietikerin Mathilde Wild, die auf ihrem Weg zum Einkaufen auf einen kurzen Schwatz bei Ademi stehen bleibt. Um ihr die Hand zu schütteln, zieht er seine Spezialhandschuhe aus, die er bei der Arbeit aus Sicherheitsgründen immer tragen muss. «Immer wieder finden wir ausser Glasscherben auch Spritzen im Gebüsch.» Auch kleine Plastiktütchen mit einem weissen Pulver und Hasch hat er schon gefunden. Wo beides landet? «In der Müllverbrennung», antwortet Ademi lakonisch.

Müll ist magnetisch

Was Steiger wie Ademi nicht begreifen können: Oft genug finden sie Müll, den jeder ganz legal und dabei kostenfrei loswerden kann, etwa Elektronikgeräte, PET-Flaschen oder Altpapier. Steiger kann es sich nicht anders als mit Faulheit erklären. Ex und hopp – soll jemand anders sich um meinen Dreck kümmern. Bestätigen können die beiden Arbeiter auch eine besondere «physikalische» Eigenschaft des Mülls: Er wirkt magnetisch. Wo schon drei Kippen liegen, da sammeln sich in kürzester Zeit noch weitere zwanzig an. Wird ein Kehrichtsack irgendwo «wild» abgestellt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er bald reichlich Gesellschaft bekommt.

Umfrage: Packt Dietikon sein Müllproblem richtig an?

Pascal Bättig, Inhaber des Allergieladens, beklagt sich über rücksichtslos weggeworfenen Müll in Dietikons Strassen.

Pascal Bättig, Inhaber des Allergieladens, beklagt sich über rücksichtslos weggeworfenen Müll in Dietikons Strassen.