Gelbe, rote und grüne Lichtpfeile jagen über die Bildschirme der sieben schwarzen Kästen, die vor der roten Wand stehen. Zwischendurch geben sie Geräusche von sich. Marcel Hirzel steht in seinem weiss-blauen Zürich-Trikot zwei Schritte vor einem der Geräte. Er fixiert die Scheibe. Die Zahl 501 leuchtet ihm vom Bildschirm entgegen. In der Hand hält er einen Plastikpfeil. Auf Höhe der linken Schläfe wirft er ihn mit einer sanften Handbewegung in Richtung Maschine. Er landet in einem schmalen blauen Feld. Der Automat heult auf. Statt der 501 ist nun die Zahl 441 zu sehen.

Marcel Hirzel ist 12-facher Darts-Schweizer Meister (Einzel, Doppel und Mannschaft). Derzeit trainiert der Limmattaler in der Black Jack Darts Lounge, Zuhause und in seinem Stamm-Dartsclub Rangers in Dübendorf für einen ganz besonderen Wettkampf: die 25. Schweizer Meisterschaft im Electronic Darts. Das Turnier ist für den 37-Jährigen an sich nichts Spezielles. Hat er doch schon an so manchen Schweizer Meisterschaften teilgenommen. Doch dieses Mal findet der Anlass in seiner Heimat statt.

Der Verband zur Förderung der Compactsportarten (VFC) organisiert das Turnier gemeinsam mit den Dartslokalen Black Jack Darts Lounge aus Dietikon, dem Dartsclub K11 aus Oerlikon und der Dartslounge Regensdorf vom 20. bis 22. April in der Dietiker Stadthalle. «Es ist schön, dass das Turnier zum ersten Mal in meiner Heimat ausgetragen wird. Ich bin Dietiker, in Urdorf aufgewachsen, arbeite in Schlieren, wohne in der Fahrweid. Ich fühle mich mit der Region verbunden», sagt Hirzel während er die Pfeile aus der Scheibe zieht. Zudem freue er sich darauf, alte Bekannte zu treffen.

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Gesundes Selbstvertrauen

Ehrgeiz ist eine Eigenschaft, die Hirzel besonders auszeichnet. «Ich will immer besser werden», sagt der Vater einer Tochter. Es verwundert daher nicht, dass er sich fürs kommende Wochenende zum Ziel gesetzt hat, einen Platz auf dem Siegertreppchen zu ergattern. «Du musst dich ans Gewinnen gewöhnen», habe ihm einst der Götti seines kleinen Bruders — ein erfolgreicher Schütze — gesagt. Dieses Motto pflegt Hirzel bis heute. «Ich gehe immer von einem Sieg aus, egal wie stark mein Gegner ist.» Ein gesundes Selbstvertrauen und Gelassenheit seien nötig, um im Darts-Sport erfolgreich zu sein. «Darts-Spielen bedeutet Druck hin und her geben. Wer den Gegner ignoriert und Ruhe bewahrt, erhöht seine Chance zu gewinnen», sagt Hirzel.

Motorische Fähigkeiten und eine gute Hand-Augen-Koordination seien auch gefragt. Die trainiert er wöchentlich während rund zehn Stunden, vor allem am Abend zu Hause und am Mittag im Geschäft. Dann spielt er mit Steel Darts, also mit eisernen Pfeilen und einer Sisal-Scheibe ohne die elektronischen Kästen. «Sonst würde ich für jedes Training hunderte von Franken ausgeben», sagt er und lacht. Um E-Darts zu spielen, muss der Automat nämlich jeweils mit einem Ein- oder Zweifränkler gefüttert werden. «Es ist wichtig, dass ich die Spielabläufe automatisiere und so beinahe blind etwa eine 20 treffe. Das geht nur mit viel Spielpraxis», sagt Hirzel und setzt zum zweiten Wurf an. Der Darts-Automat erklingt. 405 zeigt es auf dem Display an.

Der gelernte Polygraf leitet eine Werbeagentur in Schlieren. Sein Beruf ist ihm wichtig. Denn: Vom Sport leben könne er nicht. «Ich müsste Sponsoren haben und im Ausland regelmässig Turniere gewinnen, damit ich die Ausgaben für die Reisen, Startgelder und Lizenzen sowie meine Fixkosten bezahlen kann.» Das Problem: In der Schweiz fehle das grosse Geld der Sponsoren. «Gewinnt man in den Darts-Hochburgen Holland oder England ein Turnier winken einem zigtausend Pfund. An der Schweizer Meisterschaft in Dietikon erhält man 500 Franken für den Sieg.»

Neue Leidenschaft

Hirzel spielt seit zehn Jahren aktiv Darts. Davor kickte er 20 Jahre lang beim FC Urdorf, bis er sich vier Mal das Knie verletzte und die Fussballkarriere beendete. Im Gegensatz zu seinem Bruder Andreas, der derzeit beim Hamburger SV spielt. «Im Darts habe ich eine neue Leidenschaft gefunden, um meinen inneren Drang nach Wettkampf auszuleben», sagt Hirzel. Eine Passion, die er so einfach nicht aufgibt. «Die Freude am Spiel hat bei mir nie aufgehört. Darts fasziniert mich und ich gebe mein ganzes Herzblut so wie andere beim Fussball oder Tennis.» Er stört sich deshalb daran, dass gewisse Leute Darts als Sport nicht ernst nehmen. «Es ist halt kein körperlicher, sondern ein psychischer Sport. Deshalb können auch ein 150-Kilo-Koloss oder eine 70-jährige Seniorin Darts-Meister sein.» Der Gedanke gefalle ihm.

2013 setzte sich Hirzel zum Ziel, bis 2018 wenigstens einmal am Fernsehen als Dartsspieler an einem Turnier im Ausland zu sehen zu sein. Der Plan glückte nicht. «Kind, Partnerin, Beruf und Sport unter einen Hut zu bringen, ist nicht einfach.» Trotzdem hegt der Limmattaler ein neues Vorhaben. «Ich will die Schweiz am World Cup Ende Mai in Frankfurt vertreten.» Am Wettbewerb, der vom Welt-Darts-Verband Professional Darts Corporation veranstaltet wird, nehmen die beiden besten Spieler einer Nation teil. Um dabei zu sein, muss Hirzel einige starke Schweizer Dartsspieler bei der Qualifikation besiegen. «Die Schweizer Meisterschaft in Dietikon ist sozusagen ein Prüfstein dafür», sagt Hirzel und zielt auf das Bull’s Eye. Der Pfeil knallt in die Mitte der Scheibe. «Ich hoffe auf einen erfolgreichen Event. Schliesslich habe ich einen Heimvorteil.»

Die 25. Schweizer Meisterschaft im Electronic Dart startet am Freitag, 20. April, um 17 Uhr in der Stadthalle Dietikon. Einlass ist um 16 Uhr. Am Samstag, 21. April, beginnen die Wettkämpfe um 9 und am Sonntag, 22. April, um 10 Uhr. Einlass ist an beiden Tagen um 8 Uhr. Mehr Informationen finden Sie unter www.vfc.ch.