Es ist ein frischer Oktobermorgen in Bergdietikon. Das Gras ist nass, der Himmel grau und die Luft kühl. Inmitten dieser Szenerie befindet sich Steven Blondin, der sich wieder und wieder auf den Boden wirft. Für unseren Fotografen hechtet er einem Ball, besser gesagt einem Ei, hinterher. Einem echten Ei? Klar ist es ein echtes Ei, aber eben ein Rugby-Ei. So heisst der Ball, mit dem man im Rugby spielt.

Der 23-jährige Bergdietiker ist Stammspieler in der ersten Mannschaft des Rugby Club Würenlos (RCW). Angefangen hat er vor acht Jahren, als er gemeinsam mit seinem Kindheitsfreund David Wheeler, der inzwischen Captain der ersten Mannschaft ist, einen neuen Sport spielen wollte. Durch Zufall hörten sie vom Rugby Club Würenlos. Schnell entdeckten sie den Sport für sich und entwickelten eine grosse Freude daran.

Blondin startete in der U17-Mannschaft. Als ehemaliger Leichtathlet war er damals sehr schnell: «Ich war fast so schnell wie Wheeler, wir machten zu dieser Zeit immer wieder Wettrennen gegeneinander.» Das erstaunt, denn Steven ist mittlerweile breit und schwer, David Wheeler hingegen schlank und flink.

Verletzungen stoppten ihn nicht

Der gelernte Informatiker ist, was man gemeinhin «Kasten» nennt. Breit, muskulös und gross. Dennoch wirkt er im Gespräch eher sanft und bescheiden. Die körperliche Verwandlung kam nach einer Knieoperation im Jahr 2014. «Während diesen neun Monaten, in denen ich ausfiel und nicht mittrainieren konnte, ging ich nur noch ins Fitnessstudio. Danach war ich über 100 Kilogramm schwer», sagt er. «Aber ich habe nie ans Aufgeben gedacht. Die körperlichen Risiken sind zwar ernst zu nehmen. Aber es hängt alles mit mentaler Stärke zusammen.»

Disziplin ist für ihn das Schlüsselwort. Wer seine Trainingspräsenz aufrechterhalte, fleissig und konzentriert mitmache, verringere so automatisch die Verletzungsgefahr. «Wenn man unaufmerksam ist und zum Beispiel den Gegenspieler falsch tacklet», ihn also durch einen Stoss mit der Schulter in die Hüfte angreift, die Kniekehlen packt und dabei nicht richtig vorgeht, «ist schnell mal eine Schulter ausgerenkt», sagt er.

Was also vor allem zählt, ist die geistige Anwesenheit und Bereitschaft der Spieler. «Auf dem Spielfeld muss die Angst dem Willen weichen», sagt Blondin. Ob gross, klein, schwer, leicht: In diesem Sport spielt es keine Rolle, wie man aussieht. Um Rugby zu spielen ist nur eine simple Sache vonnöten – nämlich, dass man Rugby spielen will.

Rugby ist auf gutem Wege

In der Schweiz ist Rugby nicht weit verbreitet. Dazu fehlt laut Blondin der nötige Bekanntheitsgrad. Und auch die finanziellen Mittel, um diesen zu steigern. «Hierzulande kann man nicht von Rugby leben, nicht einmal ein Nationalmannschaftsspieler wird entlöhnt», sagt Blondin. Schweizer verwechseln den Sport sehr oft mit American Football.

Er bemängelt zudem, dass kein Schweizer Fernsehsender je ein Rugbyspiel zeigt – dabei sei die Rugby WM der drittgrösste Sommersportevent der Welt. Er räumt ein: «Man muss auch sagen, dass Rugby ein junger Sport ist.» Zum Vergleich: Die erste Fussball Weltmeisterschaft fand im Jahre 1930 statt und die erste Rugby-Union-Weltmeisterschaft im Jahr 1987. Der Fussball ist Rugby demnach um fast 60 Jahre voraus und erfreut sich hier hoher Beliebtheit. Rugby dagegen verfügt immer noch über einen Randsportstatus.

So einen wie Cristiano Ronaldo im Fussball, der die Mannschaft und das Spiel praktisch alleine trägt, gibt es im Rugby nicht. Auch andere Faktoren unterscheiden diese Sportarten. Rugbyspieler bemängeln am Fussball die Simulationskultur und das teilweise mangelnde Fairplay. Ein bekanntes Sprichwort fasst die Situation zusammen: «Fussball wird für Gentlemen gemacht und von Hooligans gespielt. Rugby wird für Hooligans gemacht und wird von Gentlemen gespielt.»

Im Rugby kann das Erhalten einer roten Karte zu einer Busse von bis zu tausend Franken führen. «Wir wollen zwar gewinnen, aber nur auf faire Art und Weise, für uns geht es um Ehre und Stolz», sagt Blondin.

Das mag einer der Gründe sein, weshalb der schweizerische Rugby-Verband immer mehr Spielerinnen und Spieler verzeichnet. Im Jahr 2012 waren noch 2000 Spieler lizenziert – heute sind es bereits 5000. Dies hat auch damit zu tun, dass die Junioren bis 2012 keine Lizenz lösen mussten. «Der Rugby Club Würenlos verfügt über eine der grössten Juniorenabteilungen in der Deutschschweiz», sagt Clubpräsident Oliver Wolf.

Rugby ist auch ein sehr vereinsorientierter Sport. Mit den anderen Clubs hat man grundsätzlich nicht viel zu tun, da diese über die ganze Schweiz verstreut sind, was die Zusammenarbeit erschwert. Blondin freut sich aber darüber, dass das Frauenteam an Zuwachs gewinnt.

Sportverein wurde zur Familie

Die Liebe zum Rugby ist bei Blondin deutlich zu spüren, er erzählt mit diesem gewissen Leuchten in den Augen. «Es ist kein egoistischer Sport, auf dem Feld sind wir alle aufeinander angewiesen. Das fasziniert mich», sagt er. Für Blondin spielt das Team eine grosse Rolle: «Der Club ist wie eine grosse Familie, das ungewöhnliche Hobby verbindet uns miteinander.» Gemeinsam haben sie letzte Saison die Meisterschaft der Nationalliga C (NLC) gewonnen. «Das war mein grösster Erfolg», sagt Blondin. Das Schlimmste sei für ihn den Abstieg aus der Nationalliga B (NLB) in die NLC vor drei Jahren gewesen.

Blondin wird von seinen Mitspielern und Trainern hoch geschätzt. «Er und sein Freundeskreis, in welchem viele aktive Spieler vorhanden sind, bringen sich aktiv ins Vereinsgeschehen ein. Als Spieler ist Steven stark, er hat seinen Körper der Härte des Spiels angepasst. Er verpflichtet sich voll und ganz dem Team. Er spielt fair und respektiert die Gegner», sagt Clive Colbert, Headcoach der ersten Mannschaft.

Blondin ist ebenfalls immer mit dabei, wenn die Mannschaft – manchmal auch mit Fans – nach einem Spiel gemeinsam in ihrem Stammlokal in Baden anstossen. Ob mit oder ohne Sieg: Blondin feiert seinen Sport. Blondin ist ein ruhiger und ebenfalls sehr heiterer Mensch. Er führt sein Leben mit Positivität und einem gesunden Optimismus. Auf dem Spielfeld spiegelt sich das wieder.

«Ich will gar nicht Captain sein, das passt nicht zu mir. Ich bin lieber der Ruhepol der Mannschaft», sagt er. Doch auch seine Geduld ist begrenzt. «Einmal habe ich mich wirklich stark aufgeregt», erzählt er. «Ein Mitspieler, der selbst wenig bis keinen Aufwand leistete, hat uns alle angeschrien und rumkommandiert.» Seine Miene wird ernster und er spricht plötzlich schneller. «Ich finde es in Ordnung, wenn man selbst alles gibt. Aber andere fertigzumachen und selbst untätig zuzusehen – das geht nicht.» Während eines Spieles ist es nicht selten, dass es zu Auseinandersetzungen innerhalb des Teams oder mit den Gegnern kommt, doch Blondins Credo ist es, ruhig zu bleiben und sich auf das Spiel zu konzentrieren.

Am Morgen jedes sogenannten Gamedays pflegt Blondin ein ihm heiliges Ritual: Sobald er aufsteht, hört er lauten Elektro-Hip-Hop um sich, wie er sagt «aufzuhypen». Denn nichts lässt sein Herz höher schlagen, als wenn er für sein Team spielen darf.