Während draussen das Urdorffäscht seinen Lärmpegel dank zahlreicher Besucher beibehält, ist es in der Aula des unweit entfernten Schulhauses Moosmatt fast auf unheimliche Weise still. Doch dann gehen die Scheinwerfer an und aus allen Ecken erscheinen einzelne Schüler, die ihre Gedichte vortragen. Die Aufmerksamkeit des Publikums folgt den Scheinwerfern quer durch den Saal, denn die Hauptbühne ist keineswegs der einzige Ort des Geschehens.

Immer wieder meldet sich ein neues Gesicht aus einer anderen Ecke zu Wort und rezitiert die poetischen Stücke aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Zum Programm gehören Texte von Tucholsky, Goethe oder Brecht, doch auch modernere Gedichte und Lieder fanden Platz im Repertoire. Entwickelt wurde dieses in einer Zusammenarbeit zwischen den Lehrern und den Schülern.
«Wir haben die Oper Aida von Verdi ausgesucht, um die Gedichte der Schüler musikalisch zu untermalen», erklärt Roger Lämmli, Regisseur der Aufführung. Der Leiter der Musikpädagogik des Zürcher Opernhauses arbeitet im Rahmen des Projekts «Premierenklasse» jährlich mit acht Schulklassen. Das Ziel: Die Schüler sollen mit Unterstützung der professionellen Musiker in einem intensiven Programm eine Produktion erarbeiten. «Sei es Ballett oder Poesie - Hauptsache, es ist ein Schritt in die Öffentlichkeit», erklärt Lämmli. Denn solch eine Erfahrung sei Gold wert. Für das Poesiecafé am Urdorffäscht hat der Regisseur gleich vier Opernsänger und ein kleines Orchester zusammengestellt, die zwischen den Gedichten immer wieder das Rampenlicht mit der Schulklasse teilen.

Spontanproben im Matheunterricht

Auch der Lehrer der Schüler, Peter Lanzendörfer, hat tatkräftig bei der Umsetzung mitgeholfen: «Wir haben die Gedichte zusammen ausgesucht. Dann habe ich immer wieder - zum Beispiel im Matheunterricht - ein paar Schüler dazu aufgefordert, spontan ihr Gedicht aufzusagen», so der Lehrer.
Das Poesiecafé gibt es in Urdorf schon seit neun Jahren. Die Idee dafür stammt ebenfalls vom Oberstufen-Lehrer, aber noch nie habe es in solch grossem Rahmen stattgefunden: «Ich bin unglaublich erleichtert und zufrieden», schwärmt Lanzendörfer nach dem Auftritt. Auch Roger Lämmli ist begeistert von der Zusammenarbeit: «Das Ziel war, dass die Schüler die Gedichte nicht nur vortragen, sondern auch verstehen. Sie sollen entdecken, welche Kraft hinter den Worten steckt», erklärt der Regisseur. Das sei zwar teils mühevolle Arbeit gewesen, aber beide sind sich einig: Es habe sich gelohnt.
Die Schüler konnten so Themen wie Tod, Schrecken, Krieg und Frieden thematisieren. «Das braucht Überwindung, aber sie konnten viel daraus lernen», so Lämmli. Besonders Goethes «Erlkönig» habe die Schüler beeindruckt. Und die Zuschauer wohl ebenfalls: Schliesslich applaudierte das Publikum begeistert nach dem kleinen Ausflug in die Welt der Poesie.