Was ist eigentlich die weibliche Form von Seemann? Der Online-Duden kennt sowohl den Begriff «Seefrau» als auch «Seemännin». Beide Begriffe – und wohl auch die Personen, die diesen Beruf ausüben – trifft man im Alltag eher selten an, erst recht in einem Binnenland wie der Schweiz.

In Schlieren wohnt aber eine Frau, die 26 Jahre lang als Kapitän über die Meere und Ozeane dieser Welt schipperte, mal auf einem Schleppschiff, mal auf einem grossen Passagierschiff, mal auf luxuriösen Jachten und schliesslich als Kommandantin auf einem Schnellboot der spanischen Seerettung. Diese Frau heisst Montserrat Vicens und ist nicht nur Seemännin, sondern auch Künstlerin. Vor einer Woche feierte sie Vernissage in ihrem Atelier auf dem Geistlich-Areal und freute sich über mehr als hundert Besucher.

Die gebürtige Katalanin ist erst seit fünf Jahren in der Schweiz. Um mit ihrem Mann zusammenzuleben, zog sie nach Schlieren, ging sozusagen vor Anker auf unbestimmte Zeit. Sie suchte nach Arbeit in der hiesigen Schifffahrtsbranche, hätte aber nach deren Regeln noch einmal ganz unten als Matrosin einsteigen müssen. Dies schloss sie aus und entschied sich für ihre zweite grosse Passion, die Kunst. Vor knapp drei Jahren fand sie auf dem Geistlich-Areal ein Atelier, in dem sie seither an Installationen, Projektionen und Objekten arbeitet.

Die Besucher der Vernissage letztes Wochenende, unter ihnen der Stadtpräsident von Schlieren, Toni Brühlmann, waren begeistert. Besonders die fünf Meter hohe Ellipse mit eingearbeiteten Figuren aus feinem Maschendraht, die sich im wechselnden Licht der Scheinwerfer drehte, zog die Vernissagebesucher in ihren Bann. «Viele wunderten sich über die grosse Palette an Materialien, die ich für meine Kunstwerke verwende», sagt Vicens. «Schaumstoff, Latex, Textilien, Plexiglas, Ton oder Metall: Jedes Material birgt viele Möglichkeiten.» Entsprechend breit ist auch ihr Arsenal an Werkzeug und Maschinen zur Bearbeitung der Materialien. Mit einem Schweissgerät, einem sogenannten Plasmaschneider, und allerlei anderen Utensilien experimentiert Vicens: Wie reagieren die Stoffe auf verschiedene Temperaturen? Durch welche Techniken lassen sich die Materialien verschiedenartig bearbeiten? «Das Atelier ist wie eine Schule für mich», sagt sie. «Ich probiere einfach alles aus und lerne dabei von mir selbst.» Wie man Metalle bearbeiten kann, lernte sie unter anderem an der Escola Massana und in «El Taller de Joyeria», beides Hochschulen für Kunst und Design in Barcelona.

Aber auch in den vielen Jahren der Schifffahrt lernte Vicens ihr Handwerk, auf das sie heute als Künstlerin zurückgreift. Oft genug legte sie bei Werftarbeiten und Hafensanierungen selbst Hand an.

Aber nicht nur ihre handwerklichen Fertigkeiten zeugen von der Vergangenheit auf hoher See. In ihren Kunstwerken tauchen immer wieder Themen auf, die ihre Erlebnisse auf dem Meer reflektieren. Das Angewiesensein auf Hilfe etwa, aber auch die Bereitschaft, jederzeit Hilfe zu leisten: «Ein Thema, das gerade auf hoher See allgegenwärtig ist», sagt die Künstlerin.

Eine Figur aus ihrem aktuellen Repertoire heisst «Larry». «Diese apathisch wirkende Puppe steht vor Gitterstäben und merkt nicht, dass hinter ihrem Rücken eigentlich der Weg frei wäre. Sie muss sich nur umdrehen und gehen», erklärt Vicens. «Mit dieser Figur möchte ich die Themen Sucht und Abhängigkeit ansprechen. Die Botschaft lautet: Jeder hat sein Schicksal in den eigenen Händen», sagt Vicens. Nicht alle ihre Werke vermitteln indes zwingend eine Botschaft. Gerne spielt sie auch einfach mit optischen Reizen, versucht Bilder einzufangen, die sie einmal gesehen hatte. «Es ist schwierig, einen einzigen Moment auszudrücken. Wenn es aber gelingt, ist das eine schöne Erfahrung.»

So vielseitig ihr Material und die Techniken zur Bearbeitung sind, so vielseitig sind auch die künstlerischen Umsetzungen und Formen. Vicens arbeitet nicht nur mit handfesten Materialien, sondern auch mit Licht und Musik, projiziert Filme an die Wand oder schreibt Geschichten, die der Betrachter zu lesen bekommt. «Licht Musik, Material; für mich ist alles eine einzige Fusion», sagt sie.

Die Arbeit als Schiffskapitän brachte die Spanierin nach Ithaka, Monaco, ja bis in die Karibik. Wo sie nun die Kunst hinführt, ist noch ungewiss. Sie möchte nach der Ausstellung aber auf Kurs bleiben und schafft jetzt Platz für neue Arbeiten. «Die Vernissage letztes Wochenende war für mich ein wichtiger, erster Schritt», sagt sie.