Natalie Pedrocchi wird während der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro zur Höchstform auflaufen. Sie ist Sportproduzentin beim Schweizer Fernsehen SRF und Projektleiterin für die diesjährigen Spiele. Die Oberengstringerin bestimmt mit ihrem Team, was in den Stuben der Nation während 17 Tagen aus Brasilien gezeigt wird. Aufgrund der Zeitverschiebung wird sie in der Nacht arbeiten. Ihr steht eine anstrengende Zeit bevor.

Das Schweizer Fernsehen bietet für Rio 2016 zum ersten Mal seit 20 Jahren einen 24-Stunden-Betrieb an. Eine gewaltige Aufgabe, deren Vorbereitung Pedrocchi schon seit Monaten beschäftigt. Als ihr die Projektleitung für Rio 2016 angeboten wurde, musste sie nicht lange überlegen. «Eine solche Aufgabe hat mich schon immer gereizt», sagt sie. Doch bis jetzt seien ihre Kinder noch zu jung gewesen und ein so aufwendiges Projekt sei nicht infrage gekommen.

35 SRF-Leute in Rio

Nacht für Nacht wird SRF live aus Brasilien senden und Natalie Pedrocchi im Newsroom in Zürich sitzen. Sie hat für jeden Tag ein detailliertes Programm verfasst. Darin steht, wann welche Sportarten gezeigt werden. Neben den Live-Wettkämpfen werden verschiedene Magazine und Erklärstücke übertragen. «Zum Beispiel zu Golf», sagt Pedrocchi. Golf ist seit 112 Jahren erstmals wieder eine olympische Disziplin.

An den Sommerspielen messen sich die Athletinnen und Athleten in 28 Disziplinen in insgesamt 306 Wettkämpfen. Viele werden gleichzeitig ausgeführt. Da muss Pedrocchi sich entscheiden. Zum Beispiel könnte Fabian Cancellara in einem Radrennen fahren, während ein anderer Schweizer Athlet nach einem abgeschlossenen Wettkampf gerade Zeit für ein Interview hat. «Da muss ich mich entscheiden, ob das Interview live gesendet wird oder ob wir es aufnehmen und später bringen», erklärt Pedrocchi. Für die Übertragung kann das SRF aus 12 verschiedenen Live-Kanälen auswählen. Das Schweizer Fernsehen hat 35 Leute nach Brasilien entsandt. Die Anweisungen kommen für alle, einschliesslich der Moderatoren, aus Zürich. Mit der heutigen Technik kein Problem. «So haben wir weniger Material nach Brasilien fliegen müssen. Das ist billiger», sagt Pedrocchi. Ihr spielt es keine Rolle, ob sie in der Schweiz oder in Rio arbeitet. Sie wird sowieso ihre gesamte Arbeitszeit in einem Raum mit vielen Bildschirmen verbringen. Der Gedanke an die Konzentration und die Präzision, mit der eine solche Übertragung geplant und durchgeführt werden muss, lässt einen schwindlig werden. Natalie Pedrocchi lächelt. «Organisieren ist meine Stärke», sagt sie ohne eine Spur von Überheblichkeit.

1984 turnte sie in Los Angeles

Die Projektleiterin ist gespannt auf die Eröffnungsfeier. Diese ist für sie jedes Mal ein ganz spezieller Moment. 1984 war sie selber dabei. Als Kunstturnerin hat sie an den Sommerspielen in Los Angeles teilgenommen. «Wenn ich eine Eröffnungsfeier schaue, bekomme ich Gänsehaut», sagt sie. Sie hat noch viele Erinnerungen an ihre Eröffnungsfeier. «Sie war episch lang. Wir haben auf dem Rasen getanzt, ich habe einen Schuh verloren», sagt sie und lacht. Natalie Seiler, wie sie damals hiess, war
15 Jahre alt und schwer beeindruckt vom Olympiadorf. «Man konnte gratis zum Coiffeur.» Mit der Schweizer Mannschaft erreichte die Kunstturnerin in den USA den 8. Platz.

Vor dem 24-Stunden-Betrieb hat Pedrocchi grossen Respekt. In Zürich sind 61 redaktionelle Mitarbeiter an der Produktion beteiligt, dazu kommen die Leute von der Technik. An der Nachtarbeit kommt keiner vorbei. Die Produzentin muss bei diesem Grossprojekt an alles denken. Zum Beispiel daran, dass die Cafeteria um 21 Uhr schliesst. Pedrocchi hat eine Verpflegung organisiert, damit niemand in der Nacht hungern muss.

Grosse Vorfreude auf Spiele

Im vergangenen Dezember hat Natalie Pedrocchi mit der Planung für Rio 2016 begonnen, abgesehen von den Europameisterschaften im Kunstturnen im Mai und Juni war sie ausschliesslich mit Olympia beschäftigt. Die intensive Planung hat ihr aber keinesfalls die Lust auf die Spiele verdorben. Sie freue sich sehr auf diese Zeit, besonders auf die Zusammenarbeit im Team. «Bei solchen Grossanlässen gibt es immer einen speziellen Groove.»

Der Einsatzplan für alle Beteiligten erstreckt sich über viele Seiten, ein Muster aus farbigen Kästchen, das Natalie Pedrocchis Organisationstalent stark gefordert hat. Ein Mitarbeiter hat sich noch rechtzeitig gemeldet, um einen Nachtdienst zur Tagesschicht zu machen. Er heiratet am nächsten Tag. Er ist eine Ausnahme, denn eigentlich hat das gesamte Team während der Spiele eine Feriensperre. Wenn die Schlussfeier vorbei und Natalie Pedrocchis Meisterwerk beendet ist, wird sie eine Woche frei haben und wieder auf das normale Leben umstellen: «Nach Grossanlässen muss ich mich zuerst resozialisieren», sagt sie. Und endlich wieder mal genug schlafen.