Schlieren
Diese Mädchen hören beim Basteln harten Rap

Vor anderthalb Jahren startete der Mädchentreff im Jugendraum «Kube». Seither treffen sich die weiblichen Teenager aus Schlieren einmal wöchentlich. Die Jugendarbeit zieht eine positive Bilanz.

Nicole Emmenegger
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Handys und Handarbeit: Mädchentreff-Besucherinnen mit Jugendarbeiterin Bela Flütsch (hinten)

Handys und Handarbeit: Mädchentreff-Besucherinnen mit Jugendarbeiterin Bela Flütsch (hinten)

Limmattaler Zeitung

Die Knaben und jungen Männer stehen Schlange, als die Schlieremer Fachstelle Jugend den Mädchentreff Ende 2009 startet. «Sie hingen auf der Strasse vor dem Jugendraum herum und konnten nicht verstehen, warum sie nicht reinkommen und beim Programm mitmachen durften», erinnert sich Jugendarbeiterin Bela Flütsch-Janjic, die das Angebot aufgebaut hat.

Bloss der weibliche Reiz der vielen Schülerinnen konnte es nicht gewesen sein, der die Teenager anlockte. Beim kürzlichen Treffen im Jugendraum «Kube» fällt auf: Viele der Mädchen tragen flache Ballerina-Schuhe, Jeans und bequeme Jäckchen, wenn sie unter sich sind. Keine hohen Absätze und tiefen Ausschnitte, wie man es sonst im Ausgang sieht.

«Die Jungs waren schlicht neidisch, dass die Mädchen mich einen Abend lang ganz für sich hatten und ich ihnen meine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte», sagt die Jugendarbeiterin und lacht: «Sie wollten sogar mit den Mädchen basteln.»

Fraglich ist, ob sich die jungen Männer auch mit den weiteren Inhalten angefreundet hätten: Nebst Handarbeit standen bisher Singen, Pyjama-Partys oder Stylingkurse auf dem Programm des Mädchentreffs, der einmal pro Monat von gut einem Dutzend Schülerinnen zwischen 12 und 16 Jahren besucht wird. «Als Ziel hatte ich mir sechs bis acht Teilnehmerinnen gesteckt. Meine Erwartungen wurden übertroffen», bilanziert Flütsch anderthalb Jahre nach Projektstart.

Tratsch, Klatsch und Bio-Nachhilfe

Beim Batikfärben an jenem Abend plaudern die Mädchen über Ferienbräune, Modeschnäppchen, Liebeskrisen und Schnupperlehren, während sie weisse T-Shirts in mit rosa und violetter Textilfarbe gefüllte Kessel tauchen. «Wir gehen Barfusswandern im Appenzellerland», erzählt eine. «Was? Du mit Deiner Familie?», tönt es ungläubig. «Nein, mit der Schule, natürlich.» – Die Mädchen brechen in lautes Gelächter aus, eine sagt prustend: «Stellt euch einmal vor: Familie Berisha beim Wandern im Appenzellerland!»

Manchmal kommen bei den Treffen auch ernsthaftere Themen auf den Tisch, wie die Jugendarbeiterin erzählt: «Ich musste den Mädchen einmal den weiblichen Zyklus erklären. Sie waren verwirrt darüber, was sie im Bio-Unterricht über die Menstruation erfahren hatten.» Dass eine grosse Vertrautheit zwischen der 30-Jährigen und den Mädchen besteht, ist offensichtlich: Die gebürtige Bosnierin spricht mit einigen ihrer Schützlingen Serbisch, fachsimpelt mit ihnen über «Jugo-Sound», während lauter Balkan-Rap von MC Stojan den Raum beschallt. Sie ist die unbestrittene Anführerin der Mädchentreff-Gruppe, die sich «Z54» nennt – in Anlehnung an die ZVV-Tarifzone 54, in der sich Schlieren befindet.

Bei der Begrüssung fallen die Mädchen stürmisch in die tätowierten Arme der Jugendarbeiterin, beim Basteln und Plaudern wetteifern sie um ihre Aufmerksamkeit: «Bela ist eine sehr nette Person», sagt Sek-Schülerin Anesa zum Reiz der Treffen. «Ich betrachte mich als grosse Schwester», sagt Flütsch selbst über ihre Rolle.

«Ich lüge die Eltern nie an»

Dazu gehört es, den jungen Frauen Tipps zu geben – auch beim Batikfärben von T-Shirts: «Betont mit dem Farbmuster bitte nicht die Brüste – das ist nicht so cool», sagt sie, als die Mädchen den Stoff bearbeiten. Wenn sich die Schülerinnen – wie an jenem Tag – wegen eines Jungen in die Haare kriegen, vermittelt die «grosse Schwester». Sie trägt die Verantwortung für ihre Schützlinge und muss die geltenden Regeln durchsetzen:

«Die Mädchen wissen: Ich lüge ihre Eltern nie an. Es ist schon vorgekommen, dass ich eine Familie mitten in der Nacht angerufen habe, weil ihre Tochter nicht wie abgemacht zur Pyjama-Party erschienen ist», so Flütsch. Verletze ein Mädchen die Regeln, bestrafe sie das mit Zuwendungsentzug: «Normalerweise dürfen mich die Schülerinnen 24 Stunden am Tag anrufen. Wenn sie mich in die Pfanne hauen, ist damit vorerst Schluss.»

Kulturelle Gratwanderung

Gekreische ertönt – eine Schülerin hat sich ihre weisse Hose mit rosa Textilfarbe bekleckert. Dann wieder Gekreische: Die Mädchen stehen am Fenster, gestikulieren wild, weil sie draussen auf der Strasse ihren Traummann entdeckt haben. Der Jugendarbeiterin gefällt die ausgelassene Stimmung, dass die Mädchen «einmal ausrasten können». Einige der jungen Frauen, die aus rund zehn verschiedenen Nationen stammen, stünden zu Hause unter dem Druck, eine traditionelle Frauenrolle zu übernehmen, sagt sie: «Ich will sie nicht zur Rebellion gegen ihre Verpflichtungen anstiften. Aber ich zeige ihnen in unseren Gesprächen und in den kreativen Kursen: Ihr könnt mehr als Abwaschen und Putzen.»

Wie reagieren die Eltern auf diese Gratwanderung zwischen traditionellem und modernem Frauenbild? «Der Mädchentreff wird von den Eltern gut akzeptiert», sagt Flütsch. In einem wichtigen Punkt komme das Konzept auch konservativ eingestellten Familien entgegen: Sie schätzen es, dass an den Treffs keine Knaben und Männer zugelassen sind.