Für ihre Sprayereien sind sie bekannt, TV-Star Kurt Aeschbacher ist von ihnen fasziniert und Galerien handeln mit ihren Werken – die Rede ist vom Zürcher Künstlerkollektiv «One Truth». Als jüngste Aktion haben die beiden Brüder Pase (34) und Dr. Drax (32) in Uitikon, wo sie aufgewachsen sind, eine Telefonkabine besprayt – und das ganz legal und vor Publikum.

Es ist eine ganz spezielle Telefonkabine. Sie dient Barbara Schwehr und Babs Ernst als Galerie und heisst deshalb PhoneBoxGallery. Die beiden Künstlerinnen haben die Brüder eingeladen, ihre Strassenkunst ins beschauliche Uitikon zu bringen. Am Mittwochabend durfte man Pase und Dr. Drax live beobachten, wie sie ihr Bild auf die Kabine auftrugen: weisser Hintergrund, dann farbige Schriftzüge (engl. Tags) und zum Schluss ein seltsames Wesen zwischen Maus, Katze und Hund. 

Die beiden Streetart-Künstler machen aus der Telefonkabine ein Kunstwerk.

Die beiden Streetart-Künstler machen aus der Telefonkabine ein Kunstwerk.

Die Zürcher Quaibrücke besprayt

Michael (Pase) und Tobias Senn (Dr.Drax), wie sie mit bürgerlichem Namen heissen, haben sowohl die Primar- als auch die Oberstufe der Gemeinde durchlaufen. Dr. Drax, der jüngere der beiden Brüder, entdeckte schon früh seine Leidenschaft für die Kunst. Als Kind verbrachte er viel Zeit mit Zeichnen. Ihre Leidenschaft für Graffiti entflammte erst später. Ab 1998 waren sie mit Sprayen erst im Untergrund tätig. Die beiden Autodidakten gestalten seitdem das Stadtbild von Zürich aktiv – und legal – mit. Zuletzt waren sie auf Einladung der Stadt Zürich an der Gestaltung der Quaibrücke beteiligt. «One Truth» sprayt arbeitsteilig. Pase: «Ich bin mehr für die Schriften und den abstrakten Teil der Bilder zuständig, während mein Bruder die Figuren sprayt.»

«One Truth» ist ein fester Bestandteil der Schweizer Graffiti-Kultur und zumindest in der Szene national bekannt. Aber auch im Ausland hat sich das Kollektiv einen Namen gemacht, sie arbeiteten in Berlin, London und Thailand. Auch wenn sie oft zusammenarbeiten, widmen sie sich eigenen Projekten. Die beiden Sprayer habens geschafft: Sie können von ihrer Kunst leben.

Aller Anfang ist schwer

Doch das war nicht immer so. «Wir sind früh von zu Hause aus- und zu zweit in eine Einzimmerwohnung gezogen», erinnert sich Pase. So unmittelbar nach der Schulzeit, sei dies eine harte Zeit für die Brüder gewesen. Sie hätten sich durchs Leben geboxt und eine Lehre angefangen. Dennoch hätten sie sich mit dem jeweiligen Beruf nicht identifizieren können. Die Kunst sei ihnen einfach wichtiger gewesen. Dr. Drax: «Wir wollten unserem Traum nachgehen, auch wenn ihn uns alle ausreden wollten.» Viel zu früh werde man als Kind bei der Berufswahl unter Druck gesetzt, Träume hätten keine Zukunft, heisst es. «Den Kindern fehlt die Zeit herauszufinden, was sie wirklich interessiert und worin ihre Begabung liegt.»

Die beiden Brüder werden heute für die Hartnäckigkeit belohnt. «One Truth» wird immer häufiger an Ausstellungen eingeladen. Zudem werden drei ihrer Bilder in Kürze an einer Auktion in Lausanne versteigert. «Ein toller Leistungsausweis, bedenkt man, dass an der gleichen Auktion Bilder von Harald Nägeli zu kaufen sind», freut sich Pase. Nägeli gilt als Urvater aller Sprayer. Zudem hat «Vertes Modern», eine Kunstgalerie an der Zürcher Bahnhofstrasse, vier Bilder von Dr. Drax erworben. Trotz grossem künstlerischem und kommerziellem Erfolg einzelner Sprayer, ist diese Kunstform noch nicht gänzlich etabliert. Für Pase ist klar: «In zehn Jahren wird Street Art in Europa eine akzeptierte Kunstform sein.»