Eiskunstlauf

Diese Limmattaler Eisprinzessin kämpfte sich vom Spital aufs Podest

Ihre Geschichte bewegt: Liel Honegger, Eiskunstläuferin vom EC Urdorf, erzielte trotz Erkrankungen letztes Jahr Top-Resulate. Doch ihr grösster Erfolg ist, dass sie ihren geliebten Sport ausüben darf.

Es ist ein kalter Wintertag, als wir auf der Eisbahn Weihermatt in Urdorf, die zehnjährige Liel Honegger besuchen. Der Wind ist stark und der Himmel grau. Doch sobald das aufgeweckte Mädchen in ihre Schlittschuhe schlüpft und diese mithilfe ihrer Eltern zuschnürt, scheint es, als herrsche draussen das schönste Sommerwetter.

Sie streckt und reckt sich, denn bald beginnt ihr Training. Liel trainiert sechs Mal pro Woche – vier Mal Clubtraining, also in der Gruppe, und zwei mal nimmt sie Privatstunden bei Trainer Fabrizio Urso.

Auf den ersten Blick scheint Liel wie ein normales, sportliches Mädchen, doch sie musste hart kämpfen, um so weit zu kommen, wie sie jetzt ist. Schon bei ihrer Geburt wurden ihr Stolpersteine in den Weg gelegt, denn Liel kam mit zu wenig Sauerstoff zur Welt. Für ihre Eltern war es furchtbar, weil sie mehrere Tage nicht wussten, ob ihr Baby überleben würde.

Sie wurde direkt nach der Geburt ins Universitätsspital Zürich gebracht. «Sechs lange Tage bangten wir in Ungewissheit, getrennt von ihr», sagt ihre Mutter Jana Honegger. Doch Liel schaffte es und konnte zurück zu ihren Eltern. Die Ärzte sagten ihnen, dass das Mädchen später möglicherweise mit geistigen oder körperlichen Komplikationen zu kämpfen haben werde. «Wie und wann genau diese einsetzen würden, konnte man damals noch nicht sagen.

Liel Honegger ist stolz auf sich.

             

Nach einem Jahr schon Schluss

Liel begann im Alter von vier Jahren mit dem Eiskunstlaufen. Die Wahl der Sportart kommt nicht von ungefähr: «Wir sind eine Eis-Familie», sagt ihr Vater Roman Honegger, der in Dietikon aufwuchs und seine sportlichen Anfänge im Eishockeyclub Urdorf machte. Er trainiert jetzt die Eishockeymannschaft der Piccolos in Urdorf, ihr jüngerer Bruder spielt Eishockey.

Liel lernte das Eis schon früh kennen und lieben. Doch ein Jahr nachdem sie sich dem Sport gewidmet hatte, der Schock: Die Ärzte diagnostizierten bei ihr Kinder-Rheuma und Schwerhörigkeit. Vor allem Liels Knie traf es schwer. «Sie konnte in dieser Zeit kaum gehen», sagt Roman Honegger. Bei Liel sind insgesamt sieben Gelenke vom Kinder-Rheuma betroffen. Doch Liel machte weiter, mit Medikation – obwohl der Sport ein grosses Risiko birgt.

«Eigentlich dürfte sie das gar nicht machen», sagt ihre Mutter. Aber so lange Liel schmerzfrei sei und Freude am Sport habe, gehe es in Ordnung. Liel lernt langsamer als ihre «Gspänli», auf dem Eis aber auch in der Schule. Doch sie ist eine Kämpferin. «Momentan bemerke ich das Rheuma nicht. Und die Schwerhörigkeit ist auch nicht so ein grosses Problem. Ich habe ja ein Hörgerät. Nur bei Hörverständnistests ist es manchmal schwierig», sagt die Zehnjährige.

In der Schule sei sie notentechnisch sehr gut mit dabei, sagen die Eltern. Und auch ihr Trainer Fabrizio Urso ist begeistert: «Liel hat zwar länger für die einzelnen Elemente, dafür sitzen sie dann bei ihr und sind fehlerfrei». Das sehe man auch bei den Wettkämpfen. Er und Liel verstehen sich gut. Sie habe in den letzten Jahren eine extrem starke Entwicklung gemacht. «Sie trainiert fleissig und hat eine tolle Ausstrahlung, man sieht ihr die Freude am Sport an», sagt er. Für Liel steht der Spass am Eiskunstlaufen im Vordergrund. «Ich freue mich sehr über meine Erfolge, aber ich muss nicht gewinnen», sagt sie.

Im letzten Jahr wurde sie Clubmeisterin in ihrer Kategorie, dem 3. Sternli. Ein emotionaler und auch überraschender Sieg. Sie, ihre Familie, ihr Trainer und der Club sind stolz auf Liel. Auf dem Eis fühle sie sich frei, als würde sie gleiten. Sie ist dankbar dafür auf dem Eis stehen zu dürfen. «Immer wenn ich eine Entzündung hatte und weder in die Schule noch aufs Eis konnte, war ich sehr traurig.»

Ihre Familie hilft Liel so gut es geht. «Ich bin glücklich darüber, dass meine Familie mich unterstützt», sagt sie und blickt lächelnd zu ihren Eltern. Abgesehen von ihrem Talent und ihrer Einschränkungen ist Liel ein ganz normales Mädchen. «Ich gehe im Sommer oft in die Badi und tanze gerne.» Sie hat auch viele Freunde, fühlt sich im Club und in der Schule wohl.

«Wie Holiday on Ice»

Zurzeit bereitet sie sich auf die Kürkonkurrenz vor, die am kommenden Wochenende stattfindet. «An der Kür kann ich zu Musik zeigen, was ich kann», sagt Liel. Das Lied hat sie selbst ausgesucht. Sie wird zu «You raise me up» von Westlife antreten. Ihr gefällt das Lied. «Ich glaube, es heisst du hebst mich hoch», sagt sie.

Abgesehen von der anstehenden Kürkonkurrenz freut sich die Eiskunstläuferin ganz besonders auf das alljährliche Schaulaufen. Dort führen alle Clubmitglieder zusammen eine richtige Eis-Show unter einem speziellen Motto auf. Es gibt keine Wertungen oder Podestplätze – es geht einzig und allein um Spass. «Es ist wie Holiday on Ice», sagt Jana Honegger stolz.

Sie übt zurzeit für ihre Kür der kommenden Kurkonkurrenz in Urdorf.

  

Dieses Jahr findet das Schaulaufen am 8. März statt und das Motto lautet Extravaganza. Liels Augen leuchten, als sie davon erzählt. Wie lange sie noch schmerzfrei ihren Traum ausleben kann, ist leider ungewiss. Ihr Trainer muss weiterhin sehr vorsichtig sein. «Sie darf nicht auf die Knie fallen», sagt er. Doch die Hoffnung besteht, dass ihr Kinder-Rheuma in der Pubertät einfriert.

Für Liel jedenfalls ist momentan noch kein Ende ihrer Zeit als Eiskunstläuferin in Sicht. Wie lange sie noch auf dem Eis stehen wolle? Ihre klare Antwort: «S’läbe lang.»

Autorin

Michelle Panza

Michelle Panza

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