Flora Maurer streckt ihr rechtes Bein über das Geländer am Zürichseeufer und wippt mit ihren athletischen Körper auf und ab. Ein paar betrunkene Raver pfeifen der Tänzerin grölend zu. Doch die Schlieremerin dehnt sich unbeeindruckt weiter ein, ihr Blick ist dabei fokussiert auf den Horizont gerichtet. Kurz vor dem grossen Auftritt wärmen sich auch die weiteren sieben Cheerleaderinnen mit ihr auf. Die Eurodancers, die dieses Jahr zum neunten Mal in Folge den Schweizer Meister Titel im Cheerleading nach Schlieren holten, sind am Zürcher Megaanlass ausgebucht. Sie tanzen für grosse Automarken und TV-Sender. Ein Termin jagt an diesem Tag den nächsten.

Dann geht es los, die jungen Frauen werden auf die erste Bühne am Bürkliplatz geschickt. Kaum erklingt die Musik, die mit ihrem lauten Bass so nahe an den Lautsprechern in den Ohren dröhnt, sitzt das Lächeln der Tänzerinnen perfekt. Seit 2009 sind die Eurodancers jedes Jahr an der Street Parade dabei, Geld bekommen sie dafür aber keines. Dennoch sei es eine tolle Möglichkeit, sich zu präsentieren und Werbung zu machen, so Maurer, die die Gruppe vor mehr als zehn Jahren gegründet hat. «Wir erwarten viele abgedrehte Leute, tolle Kostüme und ein buntes Zürich voller Lebensfreude», sagt sie.

Auch wenn die Cheerleaderinnen sonst mit ihren knappen Outfits auffallen, schert sich an diesem Tag kaum jemand um die viele nackte Haut. Nein, einige der Raver lassen ihr Oberteil nämlich gleich ganz weg oder schneiden sich die Jeans so ab, dass das ganze nackte Hinterteil präsentiert wird. Nebst viel Freizügigkeit scheint sich dieses Jahr in Sachen Verkleidung noch ein weiterer Trend abzuzeichnen. Einhörner in allen möglichen Ausführungen so weit das Auge reicht. Nur eines haben sie alle gemein: Sie müssen glitzern, und das Horn auf der Stirn muss möglichst neonfarbig leuchten.

Rund 900 000 Leute sind nach Zürich gekommen, um die 25. Ausgabe der grössten Technoparty der Welt zu feiern. Dafür reisen die Raver aus allen Nachbarländern an. Besonders feierwütig scheinen die Italiener zu sein. Gleich drei Reisecars gleichzeitig wollen die Bahnhofstrasse überqueren. Doch erst einmal stoppt die Polizei die bereits im Car feiernde Meute und kontrolliert die einreisenden Gäste. Sowieso, die Sicherheitsmassnahmen sind in turbulenten Zeiten wie diesen verschärft worden. Auch wenn sich die Polizei möglichst zurückhält, ist sie omnipräsent, kontrolliert Menschen mit Rucksäcken oder blockiert Strassenzugänge mit quer parkierten Kastenwagen. Sogar auf dem Wasser sind schwer bewaffnete Einsatzkräfte unterwegs. Der guten Laune scheint die verstärkte Polizeipräsenz aber nichts anhaben zu können. Im Gegenteil: Die Polizisten werden zum beliebten Selfie-Objekt der Raver. Die Beamten lassen sich dies gerne gefallen. Brav lächeln sie alle paar Minuten in eine andere Kamera.

Street Parade 2016 von oben

Street Parade 2016 von oben

Zürich - 13.08.16 - Eindrückliche Luftaufnahmen der Street Parade 2016. Die Mega-Party lockte auch dieses Jahr zahlreiche Besucher nach Zürich.

Ein Moment des Schreckens

Ein kurzer Moment des Schreckens bleibt aber wohl doch so manchem Besucher in Erinnerung. Am frühen Nachmittag rennen von der Quaibrücke plötzlich etwa zwei Dutzend Besucher in Richtung Bellevue. Sie alle halten sich die Hände über den Mund, klagen danach über brennende Augen. Nach einigen Minuten führen die Polizisten einen Mann ab. Der Festgenommene hat versucht, einem Raver die Goldkette vom Hals zu reissen. Um an das Schmuckstück zu kommen, habe der Täter einen Pfefferspray benützt, erzählt kurz danach ein junger Mann mit knallroten Augen. Er und weitere getroffene Raver werden im Sanitätszelt beim Bellevue behandelt. Ausser die Augen mit kaltem Wasser auszuwaschen kann aber nichts getan werden.

Street Parade 2016 von oben

Street Parade 2016 von oben

Zürich - 13.08.16 - Eindrückliche Luftaufnahmen der Street Parade 2016. Die Mega-Party lockte auch dieses Jahr zahlreiche Besucher nach Zürich.

Gut besucht ist an der Street Parade auch die Apotheke am Bellevue. Es seien vor allem Blasenpflaster und Oropax, die die Leute vermehrt kaufen würden, sagt die Angestellte Samantha Schmid. Am Morgen danach kämen dann jeweils Raver dazu, die etwas gegen ihren brummenden Schädel unternehmen wollten oder solche, die sich am Vortag beim Bad in der Menge einen Sonnenstich geholt haben.

Welche das dann sein könnten, zeichnet sich bereits am späteren Nachmittag ab, als viele der Gäste schon so betrunken sind, dass sie nicht mehr aufrecht gehen können. Dennoch verläuft das weitere Fest friedlich. Die Eurodancers tanzen bereits zum dritten Mal auf der Bühne und machen bei den Ravern mächtig Stimmung. Und wer genau hinschaut, erblickt dabei sogar immer wieder einmal einen Polizisten, der an seinem Wachpunkt ebenfalls gut gelaunt im Takt des Technosounds die Füsse wippt.