Limmattal
Diese Limmattaler betreiben Barsport auf höchstem Niveau

Töggeli-Kasten, Darts-Scheibe und Billardtisch sind nicht nur eine beliebte Unterhaltung in Bars. Ob als erfahrener Hobbyspieler und Trainer, ambitionierter Wettkampfspieler oder weltweite Nummer 1: Für sie ist ihr Sport weit mehr als eine nebensächliche Freizeitbeschäftigung. Drei Limmattaler erzählen von ihren sportlichen Leidenschaften

Florian Schmitz
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Tischfussball-Weltmeisterin Cindy Kubiatowicz

Tischfussball-Weltmeisterin Cindy Kubiatowicz

zvg

Töggelen: Cindy Kubiatowicz

 Weltmeisterin Cindy Kubiatowicz mit ihrer Goldmedaille, die sie im April aus Hamburg mit nach Hause gebracht hat.  

Weltmeisterin Cindy Kubiatowicz mit ihrer Goldmedaille, die sie im April aus Hamburg mit nach Hause gebracht hat.  

Zur Verfügung gestellt

Nach unzähligen Titeln krönte Cindy Kubiatowicz sich im Frühling in Hamburg endgültig zur besten Tischfussballerin der Welt, als sie an der Weltmeisterschaft im Einzel die Goldmedaille gewann. Zehn Jahre zuvor hatte sie erstmals an einer WM teilgenommen, doch da sah alles noch ganz anders aus. «Ich hab damals sehr schlecht abgeschnitten», sagt die Dietikerin. Doch die Erfahrung habe sie angespornt, viel zu trainieren und besser zu werden. Dass sie es bis ganz nach oben schaffte, ist kein Zufall, denn der sportliche Ehrgeiz ist ihr angeboren. Als Jugendliche arbeitete sie sich im Judo bis ins Nationalkader hoch, doch als sie nicht mehr voll auf den Kampfsport setzen wollte, hörte sie lieber gleich ganz damit auf.

Im Alltag steht Kubiatowicz nicht mehr so oft am Tisch, nur vor wichtigen Turnieren trainiert sie häufiger und gezielter. «Auf so einem hohen Level geht’s eigentlich fast nur noch um die mentale Stärke», weiss sie. Sie spielt schon so lange, dass sie alle Bewegungsabläufe verinnerlicht hat und nur noch wenig Repetition benötigt. Die 30-Jährige hat es dank ihrem Willen und ihrem Ehrgeiz im Tischfussball weit geschafft. Der Durchbruch zur Weltspitze sei ihr aber auch dank ihrem Ehemann gelungen, der ihre mentale Stärke intensiv gefördert habe. Vor wichtigen Partien denkt sie viel über ihr Spiel und ihre Erfolge nach, um ihren Willen zu stärken und im Kopf parat zu sein.

Erinnerungswürdiger Kampf

Gefragt nach denkwürdigen Momenten in ihrer Karriere, erinnert sie sich besonders gerne an Spiele, bei denen sie um den Sieg kämpfen musste. Wie in diesem Frühling an der WM, als sie im ersten Ausscheidungsspiel bereits mit 0:2 Sätzen zurücklag und doch noch 3:2 gewann – und von da an nicht mehr aufzuhalten war. «Ich gehe als Gewinner an Turniere, nicht um zu probieren», sagt sie vor Selbstvertrauen strotzend. Diese Einstellung könne nach aussen arrogant wirken, aber um auf höchstem Level Erfolg zu haben, ist ein hohes Selbstvertrauen unverzichtbar.

Auch als Weltmeisterin kann sie als Sportlerin nicht vom Tischfussball leben, aber zusammen mit ihrem Mann hat sie es dennoch geschafft, ihre Leidenschaft indirekt zum Beruf zu machen. Beide führen gemeinsam die Firma Foos Events, die rund um Tischfussball Firmenanlässe und Turniere organisiert. Wer Cindy Kubiatowicz im Pub an einem Töggelikasten antrifft, mag erstaunt sein, wenn sie sagt, dass sie beim Spielen «einen bösen Gesichtsaudruck» hat, weil sie sich so fest konzentriert. Denn sobald es um den Spass geht, spiele sie völlig anders und verliere auch immer wieder mal. «Aber wenn mich in einer Bar jemand herausfordert, dann verliert er sicher», sagt die Weltmeisterin, die nächstes Jahr bereits zum 6. Mal in Folge ihren Titel als Schweizer Meisterin verteidigen wird, und lacht.

Darts: Marcel Hirzel

 Nach der Arbeit übt Marcel Hirzel auch immer wieder im Büro.  

Nach der Arbeit übt Marcel Hirzel auch immer wieder im Büro.  

Zur Verfügung gestellt

Rund acht bis zehn Stunden steht Marcel Hirzel pro Woche an der Darts-Scheibe. Auch in seinem Büro am Bahnhof Schlieren hat er eine Darts-Scheibe und trainiert nach der Arbeit öfter noch eine Stunde. «Es ist zeitintensiv und braucht viel Training», sagt der Limmattaler, sonst könne man seine Ambitionen gleich begraben. Sogar Halbprofis würden zum Teil bis zu 30 Stunden pro Woche trainieren. Beim professionellen Verband Professional Darts Corporation (PDC) treten etliche Spieler zur Qualifikation für internationale Events an, und nur die wenigsten schaffen es ins Hauptturnier. Am Dutch Open in den Niederlanden kämpften im Februar neben Hirzel rund 3000 Darts-Spieler um den Sieg. Der Ausscheidungskampf ist gnadenlos.

In der Schweiz gehört Hirzel zu den besten Darts-Spielern und hat bereits zwölf Schweizer-Meister-Titel gewonnen. Mit Preisgeldern und Materialsponsoring kann sich Hirzel seine Leidenschaft zwar gut finanzieren. Professionell kann er den Sport allerdings nicht betreiben, die Strukturen in der Schweiz hinken den Darts-Hochburgen England und Niederlande weit hinterher. Auch deshalb gehen seine sportlichen Ambitionen über die Landesgrenzen hinaus. Er will sich in der PDC an einem grossen Turnier für das Haupttableau qualifizieren und es damit auch in die Fernsehübertragung schaffen. Eine wichtige Voraussetzung, um weitere Sponsoren auf sich aufmerksam zu machen. Bereits Ende September bietet sich ihm die nächste Chance: Dank seinem Sieg im Qualifikationsturnier im Juni hat er sich für die prestigeträchtigen Winmau World Masters im englischen Bridlington qualifiziert.

Drang nach Wettkampf

Fast 20 Jahre spielte Hirzel beim FC Urdorf, doch nach mehreren Verletzungen musste er seine Fussballkarriere aufgeben. Im Darts-Sport fand er eine neue Leidenschaft, um seinen inneren Drang nach Wettkampf auszuleben. Seit 2008 ist er im organisierten Spiel aktiv. Weil er gerne trainiert und die sportliche Herausforderung sucht, wurde er schnell besser. «Der Wettkampf. Eins gegen eins. Mann gegen Mann. Das fasziniert mich beim Darts», sagt er. Was braucht es, um erfolgreich Darts zu spielen? «Es ist 80 Prozent Kopfsache», sagt er. Beim Training verinnerlicht er die nötigen Automatismen. Viel Spielpraxis an Turnieren sei wichtig, um die Nervosität während des Wettkampfs abzubauen. Wegen der grossen Konkurrenz sei eine weitere Fähigkeit essenziell: «Wenn du nicht verlieren kannst, musst du nicht Darts spielen», sagt der 36-Jährige.

Billard: Roger Strolz

 Roger Strolz leitet die Trainings im Billard-Club Dietikon. 

Roger Strolz leitet die Trainings im Billard-Club Dietikon. 

Flo

Der Spass steht für Roger Strolz am Billardtisch klar im Vordergrund. Obwohl er zu den besten Spielern im Billard-Club Dietikon gehört und regelmässig die monatlich ausgetragene Klubmeisterschaft gewinnt, ist das Resultat für ihn nur ein Nebenprodukt: «Mir geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, schön zu spielen», sagt der 47-Jährige, der seit 15 Jahren in Dietikon wohnt. Ähnlich lange ist er auch beim lokalen Billard-Club dabei und gibt als Trainer des Vereins sein Wissen über den Sport an andere weiter.

«Geometrie und Physik»

Die Rolle passt, denn wer Strolz beim Sinnieren über das Spiel zuhört, leuchten seine Augen und die Begeisterung ist spürbar. «Eigentlich ist Billard einfach Geometrie mit ein wenig Physik», sagt er. Die Kunst, Bälle auf dem Tisch millimetergenau zu platzieren und für verschiedenste Spielsituationen die richtigen Lösungen zu finden, fasziniert ihn: «Manchmal spiele ich mit Freunden mehrere Stunden, ohne auch nur ein einziges Wort zu reden.» Als Inspiration schaut er auch gerne Schulungsvideos, um selbst Neues zu lernen und seine Trainingsstunden interessant zu gestalten.

Strolz macht es Freude, sich voll auf sein Spiel zu fokussieren. «Ich will für mich gut spielen», unterstreicht er seine hohen Ansprüche. Seine kompetitive Seite lebt er am Tisch vor allem an sich selber aus, seine Stimmung ist nur abhängig von der eigenen Leistung. Es störe ihn nicht, wenn er verliere, weil sein Gegner besser war.

Seit den späten 90er-Jahren nimmt er nicht mehr an Turnieren wie der Schweizer Meisterschaft teil. Die Atmosphäre sei ihm zu streng und steif gewesen und viele Spieler hätten sich zu häufig und heftig über andere aufgeregt, erinnert er sich: «Wenn man nicht mit Klubshirt, Bundfaltenhosen und schwarzen Socken erschien, wurde man gar nicht an den Tisch gelassen.»

Wer auf dem höchsten Niveau im Billard bestehen will, müsse fast jeden Tag trainieren. Das wäre ihm, der ein- bis zweimal die Woche am Tisch steht und lieber spielt als trainiert, zuwider. Dennoch schreckt sein Spielniveau Kollegen ausserhalb der Billardszene ab. So würden Arbeitskollegen meist abwinken, weil er ja eh viel zu gut sei. Er findet das schade, gehe es ihm doch auch um den Plausch, und gegen schwächere Gegner spiele er einfach viel komplizierter und probiere Sachen aus, sodass trotzdem jeder auf seine Kosten kommen könne.