Die Hügel sind mit saftigem Gras bewachsen, vereinzelt stehen Apfelbäume auf der Wiese und im Hintergrund steht der Bauernhof von Roland Käser. In der Mitte das Hauptsujet: ein paar Dutzend braune Kühe mit langen Hörnern. Kurzum: Postkartenromantik pur im Limmattal. Doch der Anblick trügt: Dieses Bild ist eher die Ausnahme als der Normalfall. Momentan gibt es noch fünf Milchbauern in Aesch, einer von ihnen hat Kühe mit Hörnern.

Schweizweit sind Hornkühe sogar noch seltener. Nur noch zehn Prozent der Kühe haben ihre natürlich gegebene Waffe. Den meisten wird diese im Alter von rund drei Wochen unter lokaler Anästhesie abgenommen.

«Wir enthornen unsere Rinder aus Sicherheitsgründen», sagt etwa Hanspeter Haug, Milch- und Weinbauer aus Weiningen. Dies sei nötig, da eine Kuh einer anderen bereits einmal ein Auge ausgestochen habe, als seine Tiere noch Hörner gehabt hätten. Auf seinem Hof arbeiten zudem Lehrlinge, weswegen Haug das erhöhte Sicherheitsrisiko durch behornte Kühe nicht auf sich nehmen möchte.

Trend Richtung hornlose Tiere

In der Muttertierhaltung haben bereits Rassen Einzug gehalten, die schon seit mehreren Jahrhunderten keine Hörner mehr tragen. Auch unter den Milchkühen gibt es immer mehr Rassen, insbesondere aus den USA, die keine Hörner haben. Doch das traditionelle Schweizer Braunvieh besitzt Hörner. Es sei denn, die Hornanlagen der Tiere werden zerstört. Dies geschieht in den meisten Fällen durch Ausbrennen. Dabei werden mit einem Brenneisen die Hornanlagen ausgebrannt. In den meisten Fällen heilt die entstandene Wunde problemlos.

Dass das Enthornen zur Normalität wurde, stiess Armin Capaul, dem Bergbauern aus dem Berner Jura, jedoch sauer auf. Er lancierte 2016 im Alleingang die Hornkuhinitiative. Diese verlangt, dass die Bundesverfassung dahingehend geändert wird, dass «Halterinnen und Halter von Kühen, Zuchtstieren, Ziegen und Zuchtziegenböcken finanziell unterstützt werden, solange die ausgewachsenen Tiere Hörner tragen». So soll im momentanen Landwirtschaftsbudget von 3000 Millionen Franken ein Anteil von 15 Millionen speziell für Bauern verwendet werden, die Hornkühe besitzen. Mit den neu verteilten Subventionen sollen die Bauern wieder einen Anreiz erhalten, Kühe mit Hörnern zu halten.

Es geht dem Initianten dabei insbesondere um das Wohl der Tiere. So schreibt Capaul auf seiner Website, er wolle den Tieren ihre Würde zurückgeben und sie vor den Schmerzen durch die Enthornung schützen. Lange war nicht belegt, ob diese Schmerzen anhalten, doch eine Studie, die nun erschienen ist, zeigte, dass die Tiere nicht nur nach dem Ausbrennen der Hörner, sondern auch Monate danach noch leiden. Mittlerweile wird die Initiative von Bio-Suisse, Demeter und anderen Natur- und Tierschutzverbänden unterstützt. Der Verband der Schweizer Bauern einigte sich auf die Stimmfreigabe.

Mehr Platz für die Hörner

Für Roland Käser, den Bauern aus Aesch, ist die Initiative eine willkommene Unterstützung. «Natürlich wäre es schön, Geld zu erhalten. Gebrauchen könnten wir es», sagt er. Für den 45-jährigen Familienvater kam es bisher nie infrage, seine Kühe zu enthornen. Die Kühe auf seinem Bauernhof haben schon seit vier Generationen Hörner. Für die Familie gehört zur Kuh auch das Horn. Somit lässt er der Natur freien Lauf, ausser, dass er die Hörner schön richtet. Das heisst: Ein Hornrichter passt diejenigen Hörner, die gegen oben statt hinten wachsen, über drei Monate in die richtige Form. Dieses Prozedere schmerze jedoch nicht.

Bisher habe es noch keine Unfälle gegeben mit seinen Kühen. Wohl habe er zu Beginn manchmal ein wenig die Augen schliessen müssen, wenn er den Tieren zugeschaut habe, wie sie miteinander umgingen. «Doch mittlerweile ist Frieden pur im Stall. Weder ich noch die Kinder noch sonst jemand hatte je Probleme mit den Hörnern», sagt der vierfache Vater. Das Wichtigste sei einfach, dass die Tiere Platz hätten. Das gestaltet sich auf der Weide einfacher als im Stall. Deshalb kann Käser auch verstehen, dass sich nicht alle Bauern Hornkühe leisten können. Er selbst hat vor fünf Jahren den Hof, der nun schon seit 103 Jahren im Familienbesitz ist, umgebaut. Der neue Laufstall mit 51 Liegeboxen, die alle besetzt sind, gibt den Kühen nun ausreichend Platz, sich trotz Horn aneinander vorbei zu bewegen.

Die Milchkühe des IP-Bauernhofs am Dorfrand von Aesch produzieren pro Tag rund 975 Liter Milch. Alle zwei Tage kommt ein Lastwagen der Emmi vorbei und leert den Tank. «Natürlich bekommen wir nicht mehr dafür als Bauern mit hornlosen Kühen», sagt Käser. Er nimmt das gelassen hin.

«Miss Albisrieden» aus Aesch

Sympathiepunkte geben die Hornkühe aber auf alle Fälle, wie Käser berichtet. So habe ihm im letzten Jahr ein Mann an der Viehschau eine Hunderternote in die Hand gedrückt. «Ihre Kuh hat noch Hörner», sei seine Begründung für das Geschenk gewesen. Vor den Experten zähle dieses Argument jedoch nicht, sie schauen auf die Tagesform und das Euter. Trotzdem gewann seine Kuh Priska dieses Jahr schon zum zweiten Mal in Folge den Preis «Miss Albisrieden». Sie setzte sich an der Viehschau gegen über fünfzig Konkurrentinnen durch.