Bergdietikon
Diese Kinder müssen im Kindergarten auf Spielzeug verzichten

Seit Neujahr stehen den Kindergartenkindern keine Spielzeuge mehr zur Verfügung. Bereits in frühen Jahren soll dadurch das Konsumverhalten von Kindern beeinflusst werden.

Fabian Korn
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Mit dem blauen Stuhl sollen die Kinder ihre Probleme und Konflikte gemeinsam lösen. zvg

Mit dem blauen Stuhl sollen die Kinder ihre Probleme und Konflikte gemeinsam lösen. zvg

Limmattaler Zeitung

Für viele Kinder ist es eine ganz neue Welt: Sie sollen selber ein Spiel erfinden, mit den wenigen noch vorhandenen Utensilien, wie Tischen, Stühlen, Seilen oder Tüchern. Bereits zum dritten Mal führen die drei Gruppen des Kindergarten Bergdietikon dieses spielzeuglose Projekt durch.

In Deutschland entwickelt und erprobt, wird diese Idee seit 2001 auch von der Suchtprävention Aargau getragen und wurde bisher in über 100 Kindergärten durchgeführt. Bereits in frühen Jahren soll dadurch das Konsumverhalten von Kindern beeinflusst werden. «Kinder sind heute schon sehr überhäuft mit Spielzeug und das Spielen ohne solches wird zunehmend seltener», sagt Martin Zumstein, Leiter der Schule Bergdietikon.

Spielen geht auch ohne Spielzeug

Nach den Weihnachtsferien begannen die Kinder, nach und nach Spielzeug wegzuräumen. Dabei wurde gemeinsam diskutiert, was wichtig ist und was zuerst weg kann. «Was ich am meisten vermisse», sagt ein kleines Mädchen, «sind die Farbstifte.» Dafür habe sie in dieser Zeit das Spielen mit dem Hula-Hoop-Ring gelernt. Viele der Kinder geniessen es, Tische und Stühle aufeinanderzustapeln und so neue Welten zu bauen.

Anderen Kindern gehe es in erster Linie nicht ums Bauen, sondern um die Rollenspiele, die sie sich ausdenken, sagt Denise Frattini, Kindergartenlehrerin in Bergdietikon: «Kochshows und Restaurants sind besonders beliebt, jedoch kam auch ein Tattoo-Studio zustande.» Der Fantasie der Kinder sind keine Grenzen gesetzt, wenn dies auch nicht bedeutet, dass es im Kindergarten keine Regeln gibt. «Die grundsätzlichen Regeln sind die gleichen wie im normalen Kindergartenalltag. Die Kinder müssen sich und dem Material Sorge tragen und aufeinander acht geben», erklärt Gaby Rohr, ebenfalls Kindergartenlehrerin in Bergdietikon: «Wir Lehrpersonen sind nach wie vor immer anwesend und beobachten das Geschehen. Sollte es nötig sein, greifen wir sofort ein und suchen mit den Kindern eine Lösung.»

Selbstständigkeit fördern

Die Kinder sollen während dieser gut drei Monate möglichst selbstständig sein und die Lehrpersonen lediglich im Konfliktfall einschreiten. Für solche Konflikte gibt es einen blauen Stuhl, der als Schlicht- und Diskussionsplattform genutzt werden kann. Gemeinsam diskutieren die Kinder die Probleme eines Einzelnen oder der ganzen Gruppe, bis eine Lösung gefunden wird und es weiter gehen kann.

Es sei eine faszinierende Sache, sagt Schulleiter Zumstein: «Die Kinder müssen sich einen eigenen Weg suchen, zu spielen und ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Die Kinder erleben so einen ganz anderen Aspekt vom Spielen und Lernen.» Das Projekt soll jedoch nicht nur die Selbstständigkeit der Kinder fördern, sondern laut Informationen der Aargauer Suchtprävention auch den Umgang mit Konflikten: Das Kind lernt, seine Meinung zu vertreten und erfährt so auch seine Stärken und Schwächen.

Eltern stehen hinter dem Projekt

Die Eltern stehen dem, im Zweijahrestakt stattfindenden Projekt trotz anfänglicher Skepsis grösstenteils positiv gegenüber, wie sich am kürzlich stattgefundenen Elternabend zeigte. Auf Kärtchen beschrieben die Eltern, was sich durch den spielzeugfreien Kindergarten für sie geändert hat. Viele Eltern geben an, dass es mehr Diskussionen gegeben habe, die Kinder aber auch kreativer und selbstständiger geworden seien. Die Mehrheit beurteilte das Projekt für ihre Kinder als wertvoll und würde es erneut begrüssen.

Auch Schulleiter Zumstein ist vom Projekt überzeugt und ist sich sicher, dass es auch in zwei Jahren wieder durchgeführt wird, sodass jedes Kindergartenkind einmal diese Erfahrung machen kann. Wichtig sei, so Zumstein weiter, «dass die Lehrpersonen ihre Erfahrungen regelmässig austauschen, auch mit der Primarschule. Denn auch diese kann durch das Projekt profitieren.» Für den Schulleiter steht fest, dass die Kinder von den erlernten Fähigkeiten und Fertigkeiten auch in der Primarschule profitieren können. «All die Qualitäten, die sich die Kinder in dieser Zeit aneignen, sind auch im späteren schulischen Leben und Lernen sehr wichtig: Sei dies selbstständig zu sein, eine eigene Meinung zu vertreten oder sich gemeinsam etwas auszudenken und umzusetzen.» Der spielzeugfreie Kindergarten sei eine ideale Ergänzung zum geführten Lernen, sagt Zumstein.

Nach den Frühlingsferien kehren die Spielzeuge Schritt für Schritt wieder zurück. Es gibt auch Spielzeuge, die die Kinder gar nicht mehr zurückwollen, sagt Kindergartenlehrerin Rohr. Was allerdings sicher im Kindergarten bleiben wird, ist der blaue Stuhl zur Konfliktbewältigung. Auf den Tischen geturnt werden darf dann aber nicht mehr.