Immer wieder klingelt das Telefon, immer wieder klopft es an der Tür – der kleine Salon «Coiffure Raffaela» im Erdgeschoss des Spitals Limmattal ist äusserst beliebt. Nicht nur Patienten, auch Ärzten, Krankenschwestern und auswärtigen Kunden wäscht, schneidet und föhnt die Coiffeuse Raffaela Mehani regelmässig die Haare.

Die Patienten kommen meistens vorbei, um sich bei Mehani etwas zu gönnen. Für eine knappe Stunde auf den Coiffeurstuhl im hellen Salon zu sitzen, ist für viele eine willkommene Abwechslung im Alltag des Spitals. Dessen ist sich Mehani bewusst. Ein Ort der Entspannung und Verwöhnung soll der Salon «Coiffure Raffaela» sein. Mehani wünscht sich, dass die Patienten den Salon als eine Oase empfinden, in welcher sie neue Energie tanken können.

Am Ende muss nicht nur die Frisur stimmen

Manchmal erzählen die Patienten Mehani von ihren Krankheiten, manchmal dreht sich das Gespräch aber auch um ganz andere Dinge. Auf jeden Fall muss für Mehani am Schluss nicht nur die Frisur stimmen: «Wenn man meinen Salon mit einem Lächeln im Gesicht verlässt, habe ich mein Ziel erreicht.»

Ab 9 Uhr morgens, wenn der Laden öffnet, herrscht meistens ganztags Betrieb. Es läuft immer etwas. Klopft jemand zehn Minuten vor Schluss an der Tür, kann Mehani nicht Nein sagen. So arbeitet sie manchmal bis halb sieben, obwohl die Türen von «Coiffure Raffaela» eigentlich um 17 Uhr schliessen würden.

Mehani ist nicht die erste Coiffeuse des Spitals Limmattal. Als ihre Vorgängerin starb, zeigte die Spitalleitung vorerst kein Interesse daran, die Stelle neu zu besetzen. Doch die Nachfrage vonseiten der Patienten und Pflegeheimbewohner war derart gross, dass ein Umdenken stattfand. Mehani arbeitete zu dieser Zeit bereits als Sitzwächterin im Spital, bewarb sich aber sofort auf die neue Stelle.

Von der Hektik zur Ruhe

In einem Coiffeurgeschäft beim Bahnhof Enge nahm Mehani ihre erste Stelle an, danach wechselte sie zu einem Salon an der Bahnhofstrasse in Zürich. Dort sei die Stimmung angespannt gewesen, die Kunden hätten meistens nach einer halben Stunde fertig sein wollen.

Nach acht Jahren als Coiffeuse an der Bahnhofstrasse war es Zeit für eine Abwechslung. Mehani wurde Mutter, arbeitete ab und zu in einem Altersheim und bewarb sich im Spital Limmattal als Sitzwache. Dass sich diese Stelle als ideale Vorbereitung für ihre spätere Tätigkeit als Spitalcoiffeuse eignen würde, ahnte sie damals noch nicht.

Im Spital Limmattal kann sich Mehani für ihre Kunden mehr Zeit nehmen. Die Frage, welches Arbeitsumfeld sie heute wählen würde, bringt sie zum Schmunzeln. «Die beiden Welten Bahnhofstrasse und Spital Limmattal könnten unterschiedlicher nicht sein», sagt sie. Zurück wolle sie nicht.

«Den Umgang mit herausfordernden Situationen habe ich in den vier Jahren gelernt», sagt Mehani. Ihre Tätigkeit als Sitzwächterin habe sie gut vorbereitet. So leiste man den Patienten Gesellschaft und biete Unterstützung, wenn beispielsweise Sturzgefahr bestehe. Gelernt sein will aber auch die richtige Reaktion im Notfall.

Als sie die Stellenausschreibung als Spitalcoiffeuse erblickte, sah sie darin die Möglichkeit, wieder in ihren alten Beruf einzusteigen. Den Salon als eigenständigen Betrieb zu führen und so ihre eigene Chefin zu sein, war für Mehani ein Risiko, das sie bereit war, einzugehen. Um das Angebot von «Coiffure Raffaela» zu erweitern, absolvierte sie eine zusätzliche Ausbildung als kosmetische Hand- und Fusspflegerin. Der Raum für den Coiffeursalon wurde renoviert und rollstuhlgängig gemacht. Eröffnet wurde «Coiffure Raffaela» dann schliesslich im November des vergangenen Jahres.

Im Vertrauen Mut machen

In ihrem Salon spielt das Zwischenmenschliche eine grosse Rolle. Die Gespräche seien anders als jene mit den Kunden an der Bahnhofstrasse. Wenn jemand eine unheilbare Krankheit hat, nimmt Mehani das mit. Sie möchte jedoch auch in solchen Fällen gut reagieren: «Natürlich habe ich Mitgefühl, aber ich versuche immer, etwas Positives mitzugeben.» Mehani will Mut machen und Gedanken mitgeben, die zum Weiterkämpfen motivieren. Dass es weitergehen kann und das Leben nicht innerhalb der Spitalwände aufhört, ist für Mehani zentral.

Damit solche Gespräche überhaupt entstehen können, brauche es aber eine Vertrauensbasis. Wenn die Patienten Mehani nicht gut kennen, erzählen sie selten Persönliches. Alles, was im Salon besprochen werde, bleibt auch da.