Sie heissen Beni, Luki, Bella, Christian und Prinzessin der Nacht und sie leben alle auf der Schattenseite des Lebens. Ihre Geschichten hat die Birmensdorferin Hélène Vuille aufgeschrieben und diesen Menschen damit eine Stimme gegeben, die in unserer Gesellschaft kaum jemand hören will. In der Bibliothek Unterengstringen las sie am Donnerstag aus ihrem Buch «Die Brückenbauerin» und erzählte vom Kampf gegen die Vernichtung von Lebensmitteln.

Seit Jahren sorgt Hélène Vuille dafür, dass übrig gebliebene Tagesfrischprodukte von Grossverteilern oder Bäckereien nicht weggeworfen, sondern an Bedürftige verteilt werden. Und weil sie nicht nur organisiert, verhandelt und koordiniert, sondern selber regelmässig in Obdachlosenheimen die Ware verteilt, lernt sie Menschen kennen, deren Geschichten sie berühren. Sie erzählt von Luki, der im Obdachlosenhospiz nur noch auf den Tod wartet und sagt: «Erst wenn du nichts mehr hast, lernst du zu teilen.» Oder Fernando, der ihr 25 handgeschriebene Seiten mit der Geschichte seines Lebens übergab und hofft, dass Menschen wie er mit anderen Augen gesehen werden. Und Christian, der es geschafft hat, nach schwerer Drogensucht ins Leben zurückzufinden und mit Taglohnarbeiten für ein Rollbrett spart, das er seinem Sohn schenken will, den er seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat.

Hartnäckigkeit lohnt sich

Begonnen hat alles vor 19 Jahren, abends in einer Zürcher Migros Filiale. Entsetzt habe sie mit ansehen müssen, wie Brot, Kuchen, Patisserie und Sandwiches in die Mülltonne gekippt wurden, erzählt Vuille. Ob er denn kein schlechtes Gewissen habe, fragte sie damals den Filialleiter und habe zur Antwort bekommen, das habe man immer schon so gemacht. Damit begann für Vuille ein jahrelanger Kampf gegen die Vernichtung von Tagesfrischprodukten. Von «Pontius zu Pilatus» sei sie gegangen, durch alle Instanzen wurde sie weitergereicht wie eine heisse Kartoffel.

Aber sie blieb hartnäckig und als ihr erstes Buch «Im Himmel gestrandet» erschien und Medien über ihr Projekt berichteten, zeigten sich die Verantwortlichen der Migros bereit, mit ihr zusammenzuarbeiten. Heute transportieren unzählige Freiwillige regelmässig übrig gebliebene Frischprodukte von Migros Filialen und Bäckereien zu Hospizen, Asylunterkünften und öffentlichen Ausgabestellen. «Wenn ich sehe, dass die Leute schon auf der Treppe sitzen und auf mich warten und mir nach so vielen Jahren immer noch sagen ‹Danke vielmal›, ist mir das eine grosse Freude», sagt Vuille und ihre Augen strahlen.

Der Kampf ist nicht beendet

Für Silvia Dold aus Unterengstringen ist es eine Schande, dass in der Schweiz Menschen unter der Brücke schlafen müssen. «Wir leben im Paradies und doch schaut jeder nur für sich selbst», sagt sie. Es sei schockierend, dass Hélène Vuille so lange für ihr Anliegen habe kämpfen müssen. Unter den Zuhörern sitzt auch Philippe Waldis aus Unterengstringen. Er engagiert sich zusammen mit seiner Frau als Fahrer für das Projekt von Hélène Vuille. Wenn er die Waren liefert, sieht er die Menschen, die darauf warten, ein Sandwich oder eine Cremeschnitte zu bekommen, die sie sich sonst niemals leisten könnten. «Es war interessant, zu hören, wie es in diesen Menschen aussieht. Ich werde das Buch bestimmt lesen», sagt er.

Hélène Vuille ist eine gefragte Referentin geworden. Sie liest in Bibliotheken und Schulen und unterstützt Schüler, die über das Thema, das ihr so am Herzen liegt, eine Maturaarbeit schreiben möchten. «Ich freue mich, wenn ich mit meinen Erzählungen über Luki oder Christian aufrütteln kann.» Ihr Kampf habe aber erst ein Ende, wenn es gesetzlich vorgeschrieben werde, Tagesfrischprodukte zertifizierten Organisationen zur Verteilung an Bedürftige weiterzugeben. Dafür wird sie sich einsetzen – mit vollem Engagement.