Dietikon
Diese Allee hat einen Sonnenbrand

Rund 30 junge Bäume an der Zürcherstrasse in Dietikon haben grossflächige Wunden an der Rinde. Nach Einschätzung zweier Fachpersonen müssen sie früher oder später wohl gefällt werden, damit sie nicht zum Sicherheitsrisiko werden.

Tobias Hänni
Merken
Drucken
Teilen
Sonnenverbrannte Bäume
3 Bilder
Eine ganze Allee von Ahorn-Bäumen an der Zürcherstrasse in Dietikon sind an der Rinde stark beschädigt .
Um die dünne Rinde junger Bäume vor starker Sonneneinstrahlung und Hitze zu schützen, sollte sie weiss gestrichen oder aber mit Schilfmatten eingepackt werden

Sonnenverbrannte Bäume

Limmattaler Zeitung

Sie erinnern an aufgeplatzte Cervelats, die in Reih und Glied auf einem Grill brutzeln: Die jungen Ahorn-Bäume, die von der Zürcherstrasse 51 bis 65 eine Allee bilden. Bis auf einen — deutlich jüngeren — weisen alle 28 Bäume entlang der Überbauung Trio grossflächige Schäden an der Rinde auf. Das ist vor kurzem dem parteilosen Dietiker Gemeinderat Peter Wettler aufgefallen. Er hat beim Stadtrat eine kleine Anfrage deponiert, in der er wissen will, weshalb «die Rinde von fast allen frisch gepflanzten Bäumen bis auf das Holz schwer beschädigt» ist. Die Stadt wird ihm dazu kaum Auskunft geben können (siehe Kasten).

Für Peter Stünzi ist jedoch klar, was die tiefen, wulstigen Wunden an den Baumstämmen verursacht hat. «Das ist ein Sonnenbrand», sagt der Geschäftsleiter der Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG), nachdem er die Wunden auf Fotos begutachten konnte. Diese sind so gross, dass der ausgebildete Landschaftsarchitekt kaum mehr Hoffnung für die Bäume hat. «Die werden das nicht überleben», sagt er. Sei auf mehr als 30 Prozent des Stammumfangs die Rinde beschädigt, erhole sich ein Baum kaum von einer solchen Wunde. Laut Stünzi reicht schon ein Schaden mit zehn Zentimetern Durchmesser, um einem Baum den Garaus zu machen. Nicht sofort, aber mit der Zeit. «Wegen der Wunde fängt die stützende Wand des Baumes an zu faulen», erläutert Stünzi. So entstehe über die Jahre eine Sollbruchstelle, an welcher der Baumstamm brechen könne.

Ein Pilz zersetzt das Holz

Mit seiner Einschätzung ist Stünzi nicht alleine. Auch Katrin Joos, Geschäftsleiterin vom Bund Schweizer Baumpflege (BSB), führt die Schäden auf die Sonne zurück. Und auch sie sieht schwarz für die Bäume: «Sie haben keine wirkliche Chance mehr.» Dazu trägt laut der Biologin auch der weisse Pilz bei, der sich teilweise in den Wunden eingenistet hat. «Die Pilzfruchtkörperchen stammen von einem Totholzzersetzer», sagt sie. Die Holzzersetzung werde aus Sicherheitsgründen zur Fällung führen – bevor es zum unvorhergesehenen Bruch des Baumes kommt, etwa durch starken Wind.

Sie würde wetten, dass die Stammschäden auf der südwestlichen Baumseite seien, sagt Joos. Die Wette hätte sie gewonnen: Die Wunden sind allesamt nach Südwesten ausgerichtet. Den Sonnenbrand haben sich die Bäume nicht etwa in der Hitze der letzten Tage eingefangen. Sondern als sie vom behüteten Umfeld der Baumschule in die urbane Strassenlandschaft gesetzt wurden. «Das ist klassisch», sagt Stünzi. «In der Baumschule beschatten sie sich gegenseitig. Dann werden sie der prallen Sonne ausgesetzt, ihre Wachstumszone unter der Rinde verbrennt, und diese platzt später auf.»

So erklärt auch Biologin Joos die Schäden. Und ergänzt: «Beim Einkauf wird nicht darauf geachtet, welches die Südseite der Bäumchen war.» Diese sei stärker an die Sonne gewöhnt. Ausserdem komme ein Grossteil der Pflanzen aus dem Norden, wo es zwar nicht weniger Sonne gebe, aber die Temperaturen tiefer seien. Und: «Es werden bevorzugt Sorten mit kleinen Kronen gepflanzt, um den Unterhalt zu minimieren.» Diese Kronen können den Stamm «zumindest anfangs gar nie beschatten».

Anstreichen oder einpacken

Für Joos wie für Stünzi müssen die Bäumchen von Anfang an geschützt werden. Der Stamm müsse entweder weiss gestrichen werden, damit die Sonnenstrahlen reflektiert werden, oder aber eingepackt, etwa mit Bambusmatten. Doch auch wenn Stadtbäume die ersten Jahre im Beton-Dschungel vor Sonnenbrand geschützt sind: Sie bleiben zahlreichen Belastungen ausgesetzt. Neben dem durch den Klimawandel verursachten heisseren und trockeneren Wetter machen auch Staub und Abgase den Bäumen zu schaffen, erklärt Stünzi. «Zu viel Staub kann den geregelten Feuchtigkeitsaustausch durch die Blätter verhindern.» Dadurch verbrenne das Blattwerk.
Als «riesiges Problem», bezeichnet Stünzi Schädlinge und Pilze.

Durch den weltweiten Handel würden immer mehr importiert. «Weil etwa die Kastanien-Miniermotte nicht auszurotten ist, ziehen wir in Betracht, die Rosskastanie gar nicht mehr anzupflanzen.» Der Platzmangel setze den Bäumen ebenfalls zu, nicht nur über, sondern auch unter der Erde. «Ein mächtiger Baum benötigt für seine Wurzeln zirka 15 Kubikmeter Erdreich.» Normalerweise stehen in Städten laut Stünzi aber bloss fünf bis sechs Kubikmeter zur Verfügung. Der Grund: «Stadtbäume werden oft in kleinen Beeten oder zwischen Gebäuden eingepfercht. Für mich sind es deshalb Bonsai-Bäume.»