Blitzschnell flitzt der Cursor über den Bildschirm, wenn Edith Roth ihre Internetseite erklärt. «Nehmen wir an, eine Lernende der Kosmetikbranche möchte ihr Wissen in den Fachgebieten Anatomie/Physiologie, Ernährungslehre und Warenkunde testen. Sie wählt die Fächer an, wählt den Schwierigkeitsgrad und das Zeitlimit und bekommt innert Sekunden ihren Test generiert.» Die Leichtigkeit, mit der die diplomierte Kosmetikerin ihre Lern- und Übungsplattform demonstriert – später wird sie zeigen, wie sie Beiträge generiert – lässt schnell vergessen, dass Roth dieses Jahr 70 wurde. Natürlich trägt auch das professionell aufgetragene Make-Up der eleganten Dame das seine zur Illusion bei.

Den Lernprozess optimieren

Mit 30 Jahren eröffnete Roth ihr erstes Kosmetikgeschäft in Zürich. Fünf Jahre später verlagerte sie es an die Dietiker Oberdorfstrasse. Das Geschäft hat Rot inzwischen an eine ehemalige Lernende weitergegeben. Ein Kopf voller Ideen hindert die zweifache Grossmutter aber noch daran, sich zur Ruhe zu setzen. Kaum pensioniert, verwirklichte Roth mit ihrer Berufskollegin Monika Von Allmen ihr lang gehegtes Projekt einer digitalen Lern- und Übungsplattform für den Kosmetikerinnen-Nachwuchs.

Schon als Berufsschullehrerin des Schweizerischen Fachverbands für Kosmetik (SFK) machte sich Roth Gedanken, wie das Lern- und Übungsmaterial für Auszubildende optimiert werden kann. Die Wissenslücken von Kosmetik-Schülerinnen auf dem zweiten Bildungsweg bereiteten ihr Kopfzerbrechen. Wer sich seine drei obligatorischen Praxisjahre – die Anmeldevoraussetzung zum Qualifikationsverfahren zum eidgenössischen Fähigkeitszeugnis – als selbstständige Kosmetikerin aneigne, stünde kaum im Austausch mit Berufskolleginnen und unter keinerlei Aufsicht. Fehler und Wissenslücken blieben dadurch unentdeckt. «Viele Frauen, die das eidgenössische Fähigkeitszeugnis auf dem zweiten Bildungsweg erwerben, haben Familie und können es sich kaum einrichten, ein- oder gar mehrmals die Woche Weiterbildungslektionen zu besuchen», so Roth. Für sie, aber auch für andere Lernende schwebte der Ausbilderin ein Lern- und Übungsinstrument vor, mit dem jede Schülerin ihre individuellen Wissenslücken füllen konnte und das von zu Hause abrufbar war.

Nach dem Buch kam das Internet

Roth ist auch Co-Autorin eines Fachbuchs für die Kosmetikausbildung, das 2009 erschien. Der E-Learning-Bereich des damaligen Buchverlags führte die Dietikerin in die Welt des virtuellen Lernens ein. Im Februar 2015, ein Jahr nach Roths Pensionierung, ging kosmetikplattform.com online. Lernende können sie seither für 35 Franken pro Jahr abonnieren. Sie beinhaltet neben Fachliteratur auch einen Bereich für Übungen aus Fachbereichen wie Dermatologie, Betriebswirtschaft oder Kosmetiklehre. «Für Lehrerinnen beinhaltet die Plattform ebenfalls Werkzeuge», sagt Roth. Sie können mit wenigen Klicks ihre Prüfungen generieren.» Trotz der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten sieht Roth ihre Lernplattform erst in der Aufbauphase. «Als Nächstes wollen wir Lernvideos einbauen, damit die Nutzerinnen sich Prozessabläufe ansehen können», sagt Roth. Ab Frühling 2017 werden auf der Plattform zudem Web-Seminare, sogenannten «Webinars», angeboten, an denen eine Fachperson über ein Thema referiert und die Teilnehmerinnen Fragen stellen können. Die Berufsschulen in Rheinfelden und Bern arbeiten schon mit der Plattform. Jene in Zürich hat ebenfalls Interesse bekundet.