Dietikon
Die Zukunft ihrer Heimat steht auf dem Spiel

Wenn morgen die halbe Welt auf die ukrainische Halbinsel Krim schaut, wird in einem alten Bauernhaus im Dietiker Zentrum eine Frau mit besonders bangem Herzen die Geschehnisse mitverfolgen.

Bettina Hamilton-Irvine
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Larysa Pfann in der Krim
6 Bilder
Typisch Krim - in der Stadt Jalta ist ein Kino mit den Farben der russischen und ukrainischen Flagge angeschrieben
Panoramablick auf die ukrainische Stadt Jalta, in der Larysa Pfann aufgewachsen ist
Die Promenade in der Hafenstadt Jalta auf der Krim
Larysa Pfann auf einem Markt in ihrer Heimat auf der Krim
Jalta auf der Halbinsel Krimi ist ein Touristenmagnet

Larysa Pfann in der Krim

Denn für Larysa Pfann, die auf der Krim geboren und aufgewachsen ist und bis vor sechs Jahren dort gelebt hat, ist das Referendum über den Anschluss der Halbinsel an Russland viel mehr als bloss eine Nachrichtenmeldung. Für Larysa Pfann geht es um ihre Geschichte, ihre Heimat, ihre Familie.

Wenn die 41-Jährige von der Krim erzählt, leuchten ihre Augen. Auf ihrem Laptop zeigt sie Fotos von prachtvollen Waldlandschaften, Strandpromenaden, von Verwandten, die lachend um einen Esszimmertisch sitzen. Dann sie selber, in den Ferien, mit ihrem Mann, dem Dietiker Journalist und Musiker Thomas Pfann, und ihrem heute 18-jährigen Sohn Kiril.

Im Hintergrund der Hafen ihrer Heimatstadt Jalta, dem «St.Moritz der Krim», wie es ihr Mann nennt, im Vordergrund Larysa Pfann, die eine Grimasse zieht. Sie sieht glücklich und entspannt aus. Dann ein Foto in einem kleinen Bergrestaurant, das die Familie besonders gern besucht. Geführt wird es von Krimtataren, die etwa 13 Prozent der Bevölkerung auf der Krim ausmachen. «Die machen die besten Schaschliks», sagt Larysa Pfann und lacht.

Raclette oder ukrainisches Essen

Woher jemand kommt, habe auf der Krim nie eine Rolle gespielt, sagt sie. Ein Grossteil der Ehepaare seien gemischt russisch-ukrainisch, auch ihre eigenen Eltern: Der Vater ist Russe, die Mutter Ukrainerin. Sie selber ist mit Russisch als Muttersprache aufgewachsen, so wie fast alle Bewohner der Krim. Wichtig war das alles aber nie. Man lebte zusammen, man verstand sich.

So jedenfalls ist das in ihrer Erinnerung. Jetzt ist plötzlich alles anders. «Jetzt verlieren wir alles», sagt Larysa Pfann. Sie sitzt in ihrem kleinen Wohnzimmer im Haus, das sie mit Mann und Sohn teilt; es steht mitten in Dietikon und wirkt, zumindest von innen, trotzdem wie eine Berghütte. Die Vorhänge sind gezogen, in der Ecke steht ein grün geplättelter Kachelofen, es ist gemütlich. Eigentlich wollte Larysa Pfann etwas Ukrainisches kochen, doch nun hat sie Raclette gemacht – «weil es schneller geht». Schliesslich blieb zwischen Büro – sie arbeitet 80 Prozent für die Asylorganisation Zürich (AOZ) im Support Sozialberatung – und Abendessen nicht mehr viel Zeit.

So gern sie in der Schweiz lebt, die Ukraine vermisst sie trotzdem immer wieder: «Wenn man seine Heimat verlässt und sich woanders ein neues Leben aufbaut, ist das, wie wenn die Seele geteilt wird», sagt sie und es klingt weder pathetisch noch besonders melancholisch, sondern irgendwie sachlich. Mit ihren Gedanken sei sie regelmässig auf der Krim, wo ihre Eltern und ihre jüngere Schwester mit Mann und Tochter nach wie vor wohnen, sagt Larysa Pfann. Früher habe sie zweimal in der Woche über Skype mit ihrer Familie gesprochen, zurzeit seien sie praktisch täglich im Gespräch.

Ihre Familie habe grosse Angst und auch sie sei manchmal nervlich am Anschlag, sagt Larysa Pfann: «Es gibt Momente, da heule ich nur noch.» Es sei alles so ungewiss; das Referendum am Sonntag könne alles Mögliche auslösen. Für sie selber ist es keine Frage: Sie will nicht, dass die Krim Russland angeschlossen wird – und sie kennt auch kaum jemanden in ihrem Bekanntenkreis, der das will. «Nur wenige haben Freude, wenn Russland übernimmt», sagt Larysa Pfann.

Ihr Sohn Kiril findet noch deutlichere Worte: «Auch wenn die Krim zu Russland gehört und alle russische Pässe bekommen – ich gebe meinen ukrainischen Pass nicht ab», sagt er. Auch für Thomas Pfann, der schon mehrmals auf der Krim war, wo er vor acht Jahren Larysa kennen gelernt hat, stellen sich diverse Fragen: Wird man für die Einreise neu ein Visum brauchen? Und was wird sich sonst alles ändern?

Für beide, Larysa und Thomas Pfann, ist es aber kaum eine Frage, wie die Abstimmung ausgehen wird: Das Resultat sei vorbestimmt, es werde so ausfallen, wie der Kreml das wolle. Eine ihrer Freundinnen habe kürzlich am Telefon gesagt, es spiele keine Rolle, was man abstimme, sagt Larysa Pfann, denn es sei schon alles entschieden. Thomas Pfann wird laut, wenn er darüber spricht, man merkt, es geht ihm nahe. «Das ist alles orchestriert, das ist eine Farce», sagt er. Was der russische Präsident Vladimir Putin mit der Krim angestellt habe, sei eine Katastrophe. Er habe Leute in die Krim fahren lassen, als Agitatoren, er verbreite Hass und Angst. «Das darf man einfach nicht totschweigen», sagt er. Aber dass man nichts tun könne, dieses Gefühl von Hilflosigkeit, das sei schlimm.

Sie ging nur wegen der Liebe

Larysa Pfann nickt. Dass sie nichts für ihre Familie tun könne, sei schmerzhaft. Zurzeit kann man kaum noch ein- oder ausreisen auf der Krim: Der Landweg wird bewacht und seit einigen Tagen wird der Flughafen von Simferopol von bewaffneten Milizen kontrolliert, sämtliche Flüge mit Ausnahme der Verbindungen aus Moskau sind abgesagt. Ihre Eltern würden die Krim aber auch gar nicht verlassen wollen, sagt Larysa Pfann: «Sie haben sich ihr Leben dort aufgebaut.» Sie kann das verstehen: Auch sie selber hatte nie die Absicht, auszureisen. Dass sie ihren Mann kennen gelernt habe, sei ein glücklicher Zufall gewesen: «Wenn uns die Liebe nicht zusammengebracht hätte, wäre ich heute noch in meiner Heimat.» Dass die meisten Ukrainer ihr Land nicht verliessen, sei richtig: «Es gibt Hoffnung, wenn gute Leute versuchen, das Land von innen zu verändern und ein besseres Leben aufzubauen.» Was es dafür nach dem morgigen Referendum auf der Krim noch braucht, weiss heute niemand.