Dietikon
Die Wächter über Fliegenpilz, Pfifferling & Co

Guglielmo und Verena Martinelli führen seit 31 Jahren die Pilzkontrolle. Seither ist das «Pilzle» eine Passion. Jede Woche sind die beiden unterwegs mal in den Wäldern in der Region, mal im Schwarzwald, mal im Bündnerland, mal in den Flumserbergen.

Katja Landolt (Text und Fotos)
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Pilzkontrolle Dietikon: Seit 31 Jahre in den Händen der Martinellis
6 Bilder
Willy Martinelli mit einer Auswahl an Pilzen aus dem Schwarzwald.
Ein «Orangener Fliegenpilz».
Blick ins Pilzkörbchen.

Pilzkontrolle Dietikon: Seit 31 Jahre in den Händen der Martinellis

Was der Mann aus einer Papiertüte auf den Tisch schüttelt, riecht komisch. Nach Moos, feuchtem Holz, modrig. Diese Pilze stinken; die Hütchen sind labbrig und angefressen. Es sind Gallenröhrlinge. «Ungeniessbar», sagt Verena Martinelli (67) und füllt den Kontrollschein aus. Nur einzelne Pilze klaubt sie aus dem Haufen. «Die kann man essen.» Alle anderen werden entsorgt.

Es ist Mittwochabend. Guglielmo, genannt Willy, und Verena Martinelli haben die Pilzkontrollstelle beim Zentralschulhaus Dietikon geöffnet. Es läuft nicht viel, während einer ganzen Stunde bleibt es bei dem einen Besuch. «Es ist nicht mehr wie früher», sagt Willy Martinelli (72), der nicht Italiener, sondern «gebürtiger Bergamasco» ist, wie er selbst betont. Er erinnert sich an einen Abend im Jahr 1987: «Da haben wir innert drei Stunden 800 Kilo Pilz kontrolliert und 125 Kontrollscheine ausgefüllt.» Zum Vergleich: 2010 wurden im gesamten Jahr nur 753 Kilo Pilz geprüft und 228 Kontrollscheine ausgefüllt.

Früher keine Beschränkung

«Früher sind die Leute vor der Pilzkontrolle Schlange gestanden, heute kommen nur noch wenige», sagt Willy Martinelli. Warum das so sei? Er zuckt mit den Schultern. Früher hätte man im Kanton Zürich noch so viele Pilze sammeln dürfen, wie man finden konnte. Heute sei die Menge auf ein Kilo pro Tag beschränkt. Vielleicht deshalb. «Und die Wälder sind auch nicht mehr so wie früher; vor 20 Jahren hat man hier noch ganz seltene Pilze gefunden, heute ist alles überwuchert mit Gras und Brombeeren.»

Erlebt denn das «Pilzeln» nicht wieder einen Boom, seit bekannt ist, dass dieses Jahr wegen des feuchten Sommerwetters ein besonders gutes Pilzjahr ist? Willy Martinelli schüttelt den Kopf und lacht. Dieses Jahr seien die Pilze zwar so früh und so zahlreich aus dem Boden geschossen, wie schon lange nicht mehr – statt im Herbst bereits anfangs August. «Aber ‹Pilzeln› ist ein Italiener-Hobby.» Und viele Italiener, die früher Woche für Woche mit dem Korb durch den Wald gezogen sind, seien unterdessen wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt.

Magerwiese basteln

Willy Martinelli hat seine Prüfung zum Pilzkontrolleur vor 31 Jahren abgelegt, seine Frau vor 30 Jahren. Seither ist das «Pilzle» eine Passion. Jede Woche sind die beiden unterwegs, mal in den Wäldern in der Region, mal im Schwarzwald, mal im Bündnerland, mal in den Flumserbergen. Rund ums Jahr, auch bei Schnee, manchmal bereits morgens um 5 Uhr. Unter dem Arm eine Schachtel, im Hosensack eine Lupe, ein Messer und eine kleine Säge, für den Fall, dass ein Pilz auf einem Ast wächst. «Wenn uns jemand erzählt, er habe irgendwo einen seltenen Pilz gefunden, dann fahren wir sofort hin», sagt Verena Martinelli. Über 3000 Arten haben sie bereits gefunden und fotografiert; wobei Fotografieren für Willy Martinelli nicht einfach Fokussieren und Abdrücken an Ort und Stelle bedeutet.

Auf dem Balkon ihrer Wohnung haben die Martinellis ein kleines Fotostudio eingerichtet. Auf einem Pult stellen sie den passenden Untergrund, das Substrat, nach. Wächst der Pilz auf einer Magerwiese, dann bastelt Verena Martinelli eine Magerwiese. Die mitgebrachten Pilze werden darauf arrangiert. Hat der Pilz einen Stiel, der glänzt wie lackiert, probiert Willy Martinelli so lange, bis der Glanz auf dem Bild perfekt zu erkennen ist. Jedes Merkmal müsse stimmen, sagt er, sonst tauge das Bild nicht, um einen Pilz zu bestimmen. Und ist der Pilz auch nur einen halben Millimeter gross; Willy Martinelli setzt ihn für sein Bild perfekt ins Szene. «Wenn ich etwas mache, dann richtig oder gar nicht.»

Namen wie Gesang

Es ist schwer zu sagen, wie viele Pilzarten es gibt. Und mindestens genau so schwer ist es, einen Pilz zu finden, den Willy Martinelli nicht kennt, mit deutschem und lateinischem Namen. «Die lateinischen Namen sind wunderschön, wie Gesang», sagt er und nimmt einen «Orangenen Fliegenpilz» vom Tisch, den er am Nachmittag im Schwarzwald gefunden hat. «Amanita aureola», sagt er ganz langsam, als ob er sich die Worte auf der Zunge vergehen liesse.

Doch auch wenn Willy Martinelli fast jeden Pilz beim Namen kennt, weiss er nicht aus eigener Erfahrung, wie sie schmecken. Denn die Martinellis essen ihre Pilze nie. «Dafür sind sie viel zu schön.»

Pilzkontrolle Dietikon bis Ende Oktober jeden Mittwoch, 18.30 bis 19.30 Uhr, Samstag und Sonntag, 18 bis 19.30 Uhr, beim Zentralschulhaus