Um die Bestände von Schweizer Brutvögeln ist es schlecht bestellt. Flussbegradigungen, Trockenlegungen von Feuchtgebieten und der Ausbau von Wohnfläche haben den Vögeln über die vergangenen Jahrzehnte hinweg hart zugesetzt. Unzählige Arten sind in der Schweiz gänzlich verschwunden. Erstmals haben Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach jetzt in einer Statistik genaue Zahlen erarbeitet, die den Rückgang unzähliger Vogelarten in den letzten 60 Jahren dokumentieren. An der Generalversammlung des Naturschutzvereins Birmensdorf präsentierte Peter Knaus, Projektleiter und Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach, die niederschmetternden Zahlen einem höchst interessierten Publikum.

In den 50er Jahren noch voller Vögel

«Manchmal träume ich davon, in den 50er-Jahren einen Waldspaziergang zu machen», erzählt Peter Knaus von der Vogelwarte Sempach. Die Schweizer Wälder seien zu jener Zeit noch voller Vögel gewesen, die heute entweder ausgestorben oder unglaublich selten geworden seien. «Damals Ornithologe zu sein, das wäre es gewesen», meint Knaus lachend. Der diplomierte Biologe hat in den letzten Jahren zusammen mit seinem Team ein riesiges Projekt realisiert: Eine detaillierte Aufstellung über die Vogelbestände in der Schweiz während der vergangenen 60 Jahre.

«Das Hauptproblem war es, überhaupt an Daten aus jener Zeit heranzukommen», erinnert sich Knaus. Neben Aufzeichnungen in Archiven und Gemeindechroniken sei der Hauptteil der Informationen von Hobbyornithologen gekommen, die damals schon unterwegs waren und ihre Beobachtungen dokumentierten. So befragten Knaus und sein Team über 50 passionierte Vogelfreunde, die im Zeitraum zwischen den 1950er-Jahren und heute Beobachtungen über die Artenvielfalt bei den einheimischen Vögeln angestellt hatten. So entstand nach und nach, wie bei einem Puzzle, ein Bild der Vogelbestände.

Traurige Zahlen

Auf über 300 Seiten ist nun ein Buch mit dem Titel «Der historische Brutvogelatlas der Schweiz» entstanden, in welchem man den Rückgang einiger Arten, wie in einem traurigen Daumenkino, beobachten kann. Pro Art erstellten die Wissenschafter jeweils drei Karten, auf denen die Schweiz in Planquadrate unterteilt ist. Wurde eine Vogelart zum Beispiel in der Karte von 1950 bis 1959 im Planquadrat von Birmensdorf beobachtet, markierten die Forscher das Quadrat schwarz. Die Vogelart kam dort also vor. Dies taten sie dann ebenso in den Karten der 70er- und 90er-Jahre. So kann man zwischen den Karten hin und her blättern und die Veränderung beobachten.

«Es sind traurige Zahlen die uns Peter Knaus heute präsentiert hat», sagte Josef Senn vom Naturschutzverein Birmensdorf. Umso grösser sei für ihn als passionierten Ornithologen aber die Motivation, etwas dagegen zu tun. «Wir werden weiter auf das Aussterben der Vögel aufmerksam machen und uns für einen bewussten Umgang mit der Natur einsetzen», sagte Senn, und man hätte meinen können, er würde am liebsten gleich sofort damit beginnen.