Mit stark überhöhter Geschwindigkeit kracht ein Auto in der Zürcher Hohlstrasse in einen Pfosten. Blutüberströmt und mit 2,7 Promille Alkohol im Körper entsteigt ihm der Fahrer und ruft zwei Passanten zu: «Schnell, helft mir, die Karre wegzuschieben, bevor die Polizei kommt.»

«Mein Herr», entgegnet ihm einer der beiden Männer, «wir sind die Polizei.» Die Szene ereignete sich in den 1980er-Jahren. Guido T., der Mann am Steuer, hatte Pech in dieser Nacht. Kannte er doch die Gesichter fast aller Stadtpolizisten und hätte die meisten Kollegen der beiden als Ordnungshüter identifiziert.

Die Zürcher Haftzelle, wohin ihn die beiden brachten, war dem Schlieremer auch bereits vertraut. Er hatte zuvor schon wegen Bandendiebstahls, Hausfriedensbruchs und Zuhälterei gesessen. «Das Gefängnis ist hart, in Einzelhaft dreht man schier durch», sagt Guido T. «Aber», betont er: «Die Jahre im Gefängnis waren zehnmal einfacher als ein einziges Jahr im Kinderheim St. Iddazell.»

Weil der Vater krank war und die Mutter für das Einkommen sorgen musste, kam Guido mit elf Jahren zu Pflegeeltern. «Ich war kein einfaches Kind, war sehr widerspenstig. Deshalb haben sie mich dann ins Heim gesteckt.» Was sich hinter den Mauern der katholischen Anstalt im thurgauischen Fischingen, in das der 12-Jährige 1955 kam, an physischer, psychischer und sexueller Misshandlung abspielte, sollte die Öffentlichkeit erst im neuen Jahrtausend erfahren.

Unter anderem dank eines Buches über Guido T. Dieses und eine offizielle Historikerkommission, die die Missstände von St. Iddazell über drei Jahrzehnte nach seiner Schliessung aufarbeitete, stellten ein Wendepunkt im Leben des heute 73-Jährigen dar. Sein Schweigen über die Misshandlungen und was danach kam, sollte fortan gebrochen sein.

Vom Matrosen zum Einbrecher

Schläge mit Rute und Holzknüppel konnten Guido den Rebellen nicht austreiben. Doch nach sexuellen Übergriffen durch einen Lehrer resignierte er im Unterricht komplett. Thomas Meier von der Historikerkommission wird er 2013 zu Protokoll geben, er habe sich danach in der Schule nur noch auf eine Fensterbank gesetzt und keinen Aufsatz, kein Diktat mehr geschrieben.

Nach seiner Zeit in Fischingen konnte er kaum lesen. Weshalb hat er nach der Schulzeit keine Lehre gemacht? «Die Amtsvormundschaft Zürich sagte, meine Familie schulde dem Staat zu viel Geld. Ich solle arbeiten gehen.» Dies tat Guido ein paar Jahre lang. Er heuerte in Hamburg als Matrose an und bereiste mit grossen Handelsschiffen die Weltmeere.

Zurück in der Schweiz stand seine lückenhafte Bildung einer anständig bezahlten Arbeit im Weg. Doch das Kinderheim hatte Guido T. nicht ganz ohne Fähigkeiten entlassen. Für seine nächtlichen Streifzüge ausserhalb des Heims hatte Guido T. gelernt, in Windeseile jede Art von Schlösser zu öffnen. Er brach fortan in Geschäftshäuser ein, wo er Safes entwendete und öffnete, nachdem er zuvor Arbeitswerkzeug und Fluchtauto gestohlen hatte.

Seine Bande wurde zur berüchtigtsten Safeknacker-Gang Zürichs der 1960er-Jahre. Heute ist Guido T. erstaunt, dass die Polizei so lange brauchte, um ihnen das Handwerk zu legen. Als er das erste Mal vor Gericht stand, brachte sein Pflichtverteidiger die Missbrauchsfälle im Heim als Strafmilderungsgründe vor. Zu diesem Zeitpunkt waren diese vermutlich noch nicht verjährt, nachgegangen wurde den Vorwürfen jedoch nicht. In einer Verhandlung sass seine damalige Frau, die für Guido T. anschaffte, im Zeugenstand. Nachher wird sie ihm sagen: «Du, der Richter ist ein Kunde von mir.»

Erst im Gefängnis machte Guido eine Ausbildung als Maler, was ihn seine Batzen fortan legal verdienen liess. Er wurde für Bauprojekte in Afrika rekrutiert, wo Schweizer Unternehmer in den 1970er-Jahren Abenteurer suchten, die in Gebieten mit minimaler Infrastruktur zurechtkamen.

2012 verfasst der «Tages-Anzeiger»-Journalist Bernhard Odehnal mehrere Artikel zu ehemaligen St.-Iddazell-Zöglingen, worauf Guido T. sich bei ihm meldet. Seine Missbrauchserlebnisse, wegen derer ihn sein Vormund einst «verlogener Hund» genannt hatte, interessieren plötzlich die ganze Nation. Seine Lebensgeschichte ist gar eines Buches würdig.

Die Artikel über die Opfer und das Buch über Guido T., das 2014 erscheint, erzeugen Druck auf den Verein Kloster Fischingen, der zur Aufarbeitung eine Historikerkommission einsetzen muss. Auch Guido T. legt sein Zeugnis ab. Im Sommer 2014 zahlt der Verein 250'000 Franken in den Bundesfonds für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, wovon den noch lebenden Zöglingen bereits ein Teil ausgezahlt wurde.

Von der Seele reden

«Vor der ersten Lesung des Buchs habe ich Blut geschwitzt. Bin ich wahnsinnig, all diese Einzelheiten meines Lebens einfach jedem zu erzählen?» Seit das Buch erschienen ist, schluckt Guido seine Vergangenheit nicht mehr hinunter. «Mit dem Buch möchte ich für alle ehemaligen Heimkinder reden», sagt er. Solche eine Behandlung dürfe kein einziges Kind mehr in einem Heim erfahren. Nicht immer könne er alle Passagen lesen, die er sich vorgenommen hat.

«Manchmal komme ich ob der Erinnerung ins Stocken, dann muss ich dem Publikum sagen, ich bräuchte eine Pause.» Doch nicht nur über die Zeit als Heimbub spricht der Schlieremer seither, er gibt bei Lesungen und Podiumsdiskussionen auch über wenig heroische Lebensphasen Auskunft: «Bei meinen Lesungen kenne ich kein Tabu, auch nicht, wenn Fragen aus dem Publikum kommen. Dann rede ich über meine Gefängniszeit, über das Heim oder die Einbrüche, was die Leute eben wissen wollen.»

Der Entstehungsprozess des Buches sei keine einfache Zeit gewesen. Ohne professionelle Betreuung wäre er wohl zusammengebrochen, sagt Guido T. «Ich sehe ältere Leute während meiner Lesungen heulen und frage mich dabei, wie ich das damals überhaupt überlebt habe.» Anders als andere Zöglinge habe Guido durch die Peinigung im Klosterheim nicht zerstört werden können, sagt Autor Odehnal über seine Gespräche mit dem 73-Jährigen.

Seiner Frau, die er während eines Bauprojekts in Kairo kennen lernte, verdanke er mehrheitlich die psychische Aufarbeitung seiner Vergangenheit, sagt Guido T. heute. Von zahlreichen Personen hat Guido T. seit dem vom Buch ausgelösten Rummel um ihn Sticheleien gehört. Er kann den Neid hinsichtlich seiner Geschichte nicht verstehen. «Würden die etwa gerne mit mir tauschen?»