Oberengstringen
Die Trickfilm-Musik von Tom und Jerry entfachte seine Passion

In einer Kirche in Togo vor über zehn Jahren: Der siebenjährige Salomon Abiassi begleitet den dortigen Chor am kirchlichen E-Bass.

Darina Schweizer
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Salomon Abiassi fand über viele Umwege zum Klavierspiel – Trickfilm-Musik gab ihm den Anstoss.

Salomon Abiassi fand über viele Umwege zum Klavierspiel – Trickfilm-Musik gab ihm den Anstoss.

Darina Schweizer

Noten hat er keine vor sich, er spielt frei nach Gehör. «Es ging jeweils richtig ab an den Gottesdiensten», erinnert sich der Oberengstringer lächelnd an seine Kindheit in Afrika zurück.

Eines Tages hört Abiassi seinen Kollegen am Klavier einige Tom-und-Jerry-Stücke spielen. Er kannte diese Musik nicht und doch war sofort für ihn klar: «Ich musste sie spielen lernen.» Sein Kollege schüttelte den Kopf.

«Vergiss es. Diese Musik ist nichts für dich», sagte er. Also schlug sich Abiassi die Idee vorerst wieder aus dem Kopf. Von Europa hatte der Halbtogolese damals noch wenig gesehen.

Den Kindergarten besuchte er zwar in der Schweiz, doch für die Primarschule und das Gymnasium kehrte er wieder zurück nach Togo. Die Möglichkeit, zu Hause ein Instrument zu spielen, hatte er dort nicht.

Das erste Klassik-Album

Heute besitzt Abiassi ein eigenes Klavier in einer Oberengstringer Wohnung, vor dem er jeden Tag sitzt und übt.

Nichts lenkt ihn von seiner Musik ab, den Fernseher schaltet er schon seit Jahren nicht mehr ein. Viel zu fokussiert ist er auf sein Klavierspiel, mit dem er bereits Erfolg hat: 2015 brachte Abiassi sein erstes Album «Mediterranean Air» mit sechs Klassik-Stücken heraus.

Im letzten Dezember durfte er es an einem Benefizkonzert in Oberengstringen auf einem Flügel vor einem grossen Publikum vorspielen.

Seine Musik klingt sanft, romantisch und gefühlvoll. Zwischendurch sind immer wieder einige Jazz-Akkorde zu hören.

Sie erinnern an die Tom-und-Jerry-Songs, die ihn einst in ihren Bann zogen. Wer Abiassi zuschaut, spürt, wie ihn das Klavierspiel in eine komplett andere Welt abtauchen lässt.

Sobald er sein Album spiele, fliege er in Gedanken direkt an die sonnige Küste des Mittelmeers, so der 22-Jährige strahlend. «Ich weiss noch genau, wann ich dieses Gefühl das erste Mal hatte», sagt er.

«Als ich im Kinosaal ‹Una Mattina› von Ludovico Einaudi hörte, die Filmmusik von ‹Intouchables›.» Dieser Moment war ein Schlüsselerlebnis für ihn.

Die Musik des Komponisten löste ein Gefühl in ihm aus, das ihn dazu bewog, Klavier spielen zu lernen. Er kaufte ein kleines Keyboard sowie ein Notenbuch von Einaudi und brachte sich seine Stücke Ton für Ton bei.

Das war alles andere als einfach für Abiassi, der das Notenlesen bis dahin nie gelernt hatte. Durch einen glücklichen Zufall änderte sich das aber vor zwei Jahren.

Als Abiassi als Allrounder bei einem Fernsehsender arbeitete, sprach ihn plötzlich eine Arbeitskollegin an. «Sie meinte, ich solle doch bei ihrem Vater, einem Jazz-Pianisten, Klavierstunden nehmen», so Abiassi. Sofort war er einverstanden.

Ein Jahr lang wurden ihm «die Basics des Jazz» sowie Klassik auf dem Klavier beigebracht. «Johann Sebastian Bach zu spielen war die grösste Herausforderung», erinnert sich Abiassi.

Doch es blieb nicht die einzige: Nach einem Jahr Privatstunden wollte Abiassi sein Wissen über Musiktheorie noch vertiefen. Ein Besuch in einem Zürcher Musikgeschäft gab ihm den Anstoss.

Dort setzte sich Abiassi an einen Steinway-Flügel und war sofort nicht nur vom Klang des Instruments, sondern auch von dessen Preis überwältigt: 200 000 Franken standen auf dem Preisschild.

Abiassi wusste: «Ich brauche dieses Instrument. Die einzige Chance, dass ich es mir je leisten kann, besteht darin, dass ich Komponist werde.»

Also meldete er sich bei der Musikschule Konservatorium Zürich und startete ein Jazz-Vorstudium. Sein Abschluss letzes Jahr bedeute ihm «enorm viel», denn mit der Schule in der Schweiz hatte er bisher so seine Mühe gehabt.

«Da ich anfangs noch nicht gut Deutsch konnte, war ich in der Handelsmittelschule ziemlich überfordert», so Abiassi.

Auch die Wirtschaftsschule brach er nach einem Jahr ab. «Irgendwann hatte ich die Nase voll und folgte nur noch meinem Herzen», sagt er.

Vorerst drehte er zusammen mit seinem damaligen Geschäftspartner Kurzfilme. Der neuste Science-Fiction-Film «Reborn» der beiden feiert am 19. März Premiere.

Abiassi freut sich darauf, die Musik ist ihm jedoch wichtiger geworden . «Sie erfüllt mich viel mehr als das Filmen. Bei ihr fühle ich etwas», sagt er.

Vom einstigen Jazz hat er sich teilweise entfernt und spielt fast nur noch neue Klassik. Stetige Inspiration dabei ist und bleibt für ihn der Komponist Ludovico Einaudi.

«Einaudi ist mein Held. Ich habe unzählige Videos von ihm angeschaut, um seine Handbewegungen und Spielweise zu imitieren», sagt er. Stilistisch orientiert er sich aber auch an Komponisten wie Ryūichi Sakamoto und André Gagnon.

Bereits neue Pläne

Trotz aller Euphorie für die Musik ist sich Abiassi bewusst: Künstler haben es zu Beginn schwer, von ihrem Beruf allein zu leben.

Deshalb ist er momentan auf der Suche nach einem Job, neben dem er Zeit zum Komponieren findet. Den Glauben an den grossen Erfolg gibt er nie auf.

Und auch von einem Steinway-Flügel träumt er noch. «Mit der Willenskraft ist alles möglich. Man muss nur seinem Herzen folgen», sagt Abiassi und setzt sich ans Klavier, an die Komposition seines nächsten Albums.