Bauprofile beim Restaurant Pappel in Urdorf zeugen von grossen Plänen. Das 1927 erbaute Wohnhaus mit Restaurant soll abgerissen werden. Auch die Migrol-Tankstelle, die direkt ans Restaurant-Gebäude anschliesst, muss weichen, ebenso wie der grosse Parkplatz. Geplant sind drei neue Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 26 Wohnungen. Nicht bebaut werden kann der südliche Teil des heutigen Parkplatzes, da dieser in der Landwirtschaftszone liegt. Hier entsteht eine grosse Spielwiese. Die Totalkosten für das Projekt belaufen sich auf 7,3 Millionen Franken.

Zum einen wird das Areal also besser ausgenutzt – Stichwort Verdichtung –, zum anderen muss ein traditionsreiches Urdorfer Restaurant schliessen. «Die Enttäuschung ist gross», sagt Elisabeth Rüegg, die den Betrieb zusammen mit ihrem Lebenspartner Cemal Jasari führt. Seit 1988 ist sie hier Wirtin. Schon ihr Vorgänger führte das Restaurant über Jahrzehnte. Wie die Silberpappel vor dem Haus ist auch das Servicepersonal ein Teil der Identität der Gaststätte. So arbeiten zwei der Kellnerinnen seit 16 respektive 25 Jahren hier. «Wir sind jetzt alle in einem Alter, wo es schwierig wird, einen neuen Job zu finden», sagt Rüegg. Sie selbst wird heuer 62 Jahre alt. «Fände der Abriss 2019 statt, wäre das für mich noch okay», so Rüegg. Zurzeit mache ihr die Ungewissheit zu schaffen: Sie weiss noch nicht, bis wann sie noch wirten kann.

Vielleicht wird aber ihr Wunsch, noch bis 2019 zu wirten, erfüllt. Denn Daniel Widmer, Portfolio-Manager bei der Bauherrin Varioserv AG, erklärt, dass das Restaurant bis zum Baubeginn weiterbetrieben werden soll, sofern die Wirtin nicht vorher aufhören will. Gleiches gelte auch für die Migrol-Tankstelle. Und weiter: «Ein Bautermin lässt sich noch nicht nennen. Wenn aber alles planmässig läuft, ist ein Baubeginn im Jahr 2018 oder 2019 realistisch», so Widmer.

Die Migrol sucht schon nach Ersatz

Die Migrol-Tankstelle ist neben der Spar-Tankstelle beim Muulaffeplatz die einzige auf Urdorfer Gebiet. «Die Tankstelle ist zwar nicht mehr die modernste. Aber der Standort ist für uns sehr interessant. Viele Kunden kommen regelmässig», sagt Simon Jossi, Leiter Tankstellengeschäft der Migrol-Gruppe. Zudem weist die Birmensdorferstrasse ein hohes Verkehrsaufkommen und damit viele potenzielle Kunden auf. Die Migrol sucht jetzt nach Ersatz. «Wir wollen insbesondere die Kunden mit Migrol-Card nicht im Regen stehen lassen», so Jossi. Zwar betreibt das Unternehmen auch beim Reppischhof in Dietikon eine Tankstelle. Diese bedient aber eine ganz andere Verkehrsachse, weshalb sich die Migrol nun nach einem weiteren geeigneten Standort im linken Limmattal umsieht.

Auf den Verlust von einer von zwei Tankstellen im Dorf angesprochen sagt Patrick Müller, der bei der Gemeinde als Leiter Stab für die Standortförderung zuständig ist, dass es zwei Betrachtungsweisen gibt. «Einerseits wird das Quartier, das um die Tankstelle liegt, von Lärmemissionen entlastet. Andererseits fällt eine beliebte Tankmöglichkeit weg. Wir stehen nun mit den Betreibern in Kontakt, dies im Hinblick auf einen allfälligen Ersatz im Zusammenhang mit der Entwicklung des Wirtschaftsraums Nord.»

«Pappel» aus Inventar entlassen

Die Gemeinde spielt auch beim vorliegenden Bauprojekt eine nicht zu vernachlässigende Rolle: Als sie nämlich 2006 das kommunale Inventar der kunst- und kulturhistorischen Objekte überarbeitete, respektive straffte, wurde das Restaurant Pappel aus dem Inventar entlassen, zusammen mit gut 80 weiteren Objekten, zum Beispiel dem ehemaligen Restaurant Frohsinn.
Wäre sie noch im Inventar, würde die «Pappel» heute als schützenswertes Objekt gelten. Das hätte zur Folge, dass vor dem Bauprojekt ein sogenanntes Provokationsverfahren durchzuführen wäre, was viel Zeit kostet, da jeweils ein Gutachten notwendig ist.

Völlig freie Hand hat die Bauherrschaft dennoch nicht. «Das Gebäude ist im Kernzonenplan Niederurdorf als ‹orange Baute› eingezeichnet, was bedeutet, dass beim Neubau der Grundriss, das Erscheinungsbild und das Gebäudeprofil vom heutigen Bau übernommen werden müssen», erklärt Rebecca Bauder, Bereichsleiterin Planung, Bau und Werke bei der Gemeinde Urdorf.

Keine Auflagen gibt es bezüglich der namensgebenden Pappel. Der alte, 1830 von den Niederurdorfern gepflanzte Freiheitsbaum wurde zwar 1926 unter Schutz gestellt, musste aber nach dem Orkan Lothar im Jahr 1999 aus Sicherheitsgründen gefällt werden. Die im Jahr 2000 gepflanzte neue Silberpappel steht hingegen nicht unter Schutz. Auch in Zukunft soll aber am nördlichen Rand des Areals eine Pappel stehen. Ob es sich dabei um die heutige oder eine neue handelt, wird sich noch mit der Detailplanung der Bauarbeiten zeigen.

Koordination mit Hochwasserschutz

Die Planung ist nicht ganz ohne: Das «Pappel»-Areal ist in den nächsten Jahren von insgesamt drei Grossbauprojekten tangiert. Zum einen die erwähnte private Überbauung, dazu die Sanierung der Birmensdorferstrasse durch den Kanton und das Hochwasserschutzprojekt Schäflibach der Gemeinde, das noch bis 20. Februar ebenfalls im Gemeindehaus aufliegt (die Limmattaler Zeitung berichtete).

Der Schäflibach geht unter dem «Pappel»-Grundstück hindurch. Dieser Bachdurchlass wird völlig erneuert respektive vergrössert. «Wir haben bereits Gespräche mit der Bauherrschaft geführt, um die beiden Projekte zu koordinieren, gerade in Bezug auf den Zeitpunkt und allfällige Schnittstellen», sagt Rebecca Bauder von der Gemeinde. «Ob eine Realisierung vorab, parallel oder nachgelagert stattfinden kann und wird, ist aber noch nicht abschliessend festgelegt. Es laufen noch Abklärungen», so Bauder weiter.

Grundeigentümerin des «Pappel»-Areals ist die Immo Alto AG, Bauherrin die Varioserv AG. Die zwei Unternehmen aus Dübendorf stehen unter gemeinsamer Führung.

Im entstehenden Mix von kleinen bis mittelgrossen Wohnungen handelt es sich bei einem Grossteil um 2,5-Zimmer-Wohnungen. «In diesem Bereich ist die Nachfrage am grössten», erklärt Portfolio-Manager Daniel Widmer. Die Mietzinse seien noch nicht kalkuliert, es werde sich aber um Standardmietwohnungen der Mittelklasse handeln. Heisst: weder allzu günstig, noch allzu luxuriös.

In der «Pappel» wurde der EHC Urdorf gegründet

Die Pläne des Bauprojekts liegen bis 16. Februar im Gemeindehaus auf. Mit dem Restaurant Pappel verschwindet unter anderem ein Stück Limmattaler Sportgeschichte: 1941 wurde hier der EHC Urdorf gegründet. Im Schopf der Beiz fertigten die Pioniere die ersten Urdorfer Hockey-Tore.

Erschienen am 11. Februar 2017. In einer ursprünglichen Version des Textes hiess es, die Migrol-Tankstelle sei die einzige in Urdorf. Mit der Spar-Tankstelle gibt es aber zwei Tankstellen in Urdorf. Wir entschuldigen uns für den Fehler.