Urdorf
Die Tage des Urdorfer «Bahnhöfli» sind gezählt

Wirt Otti Büchler muss «eine der letzten Beizen» Ende Oktober schliessen. Am Mittwoch steht das Betreibungsamt vor seiner Tür, um die Wertgegenstände, die das Restaurant noch hergibt, abzuholen.

Alex Rudolf
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Otti Büchler (links) und sein Team vom «Bahnhöfli»: Koch Siva Nadarasa und die Servicemitarbeiterinnen Beate Schrödel und Gesine Stumpp

Otti Büchler (links) und sein Team vom «Bahnhöfli»: Koch Siva Nadarasa und die Servicemitarbeiterinnen Beate Schrödel und Gesine Stumpp

Limmattaler Zeitung

Ein Grüppchen von zehn eingefleischten Stammgästen hat sich gestern Nachmittag im «Bahnhöfli» in Urdorf eingefunden. Wein- und Biergläser wechseln sich auf den pinkfarbenen Tischtüchern ab. Die Stimmung ist jedoch alles andere als beschwingt, denn die Gäste wurden vom Wirt vor ein paar Wochen darüber informiert, dass mit dem «Bahnhöfli» bald Schluss ist. Das ist das Ende «einer der letzten Beizen» in Urdorf, wie es ein Gast formuliert.

Otti Büchler sitzt am Nebentisch und trinkt seinen Kaffee. Er, der das Bahnhöfli 21 Jahren lang gepachtet hat, weiss, dass ihm eine schlaflose Nacht bevorsteht. «Es fühlt sich an wie ein Albtraum, aus dem man nicht mehr aufwacht», sagt er und schaut aus dem Fenster auf das nebelige Limmattal. Am Mittwoch steht das Betreibungsamt vor seiner Tür, um die Wertgegenstände, die das Restaurant noch hergibt, abzuholen. So werden Küchengeräte wie der Steamer, aber auch Besteck und Geschirr gepfändet.

Wie konnte es so weit kommen? «Das Geschäft lief schon seit längerem nicht mehr so gut», sagt Büchler. Imbissstände als Alternative über den Mittag hätten ihm das Wasser abgegraben. Aber auch das Geschäft am Abend lief nicht mehr.

Das Rauchverbot und die Senkung der Promillegrenze für Autofahrer hätten ihm geschadet. Auch dass die Menschen heute weniger auswärts essen gehen, sei ein Grund, wirft die Serviceangestellte Gesine Stumpp ein. Sie arbeitet seit vier Jahren im «Bahnhöfli», Büchler bezeichnet sie als seine rechte Hand. «Dass die Vereine und Fussballclubs am Abend nach den Treffen nicht mehr einkehren, hat sich ebenfalls bemerkbar gemacht», sagt Büchler weiter.

Büchler sucht neue Stelle als Koch

Irgendwann sei er mit Zahlen nicht mehr nachgekommen. Es häuften sich im Verlauf der letzten zwei Jahre rund 200 000 Franken Schulden an, die er der AHV und Lieferanten zahlen muss.

Die Last muss er nicht allein tragen, denn seine Frau, von der er sich im März dieses Jahres scheiden liess, müsste als Solidarschuldnerin die Hälfte übernehmen. Das tat sie aber nicht. «Während ich 63 000 Franken zurückzahlen konnte, hat sie sich nie an den Schulden beteiligt», sagt Büchler.

Seine drei Angestellten informierte er vor drei Wochen von der bevorstehenden Betreibung. Gesine Stumpp, die Servicemitarbeiterin Beate Schrödel und der Koch, Siva Nadarasa, müssen sich nun nach neuen Arbeitgebern umsehen.

Aber auch Otti Büchler muss weiterarbeiten. Obwohl er Ende September seinen 65. Geburtstag feierte, kann er von der Rente nicht leben. «Ich werde mich gemeinsam mit Siva bei anderen Restaurants bewerben.

Er arbeitet für mich, seit ich das Bahnhöfli übernommen habe. Ihm gegenüber fühle ich mich am meisten verpflichtet», sagt Büchler. Wohin es die beiden verschlägt, weiss er noch nicht. Vielleicht kehrt er der Schweiz auch den Rücken. «Alles ist möglich», sagt er.

Getränke gibt es bis Ende Oktober

Der Vermieter hat den Vertrag auf Ende Oktober gekündigt. Die Tische und Bänke gehören zum Restaurant. Sie werden heute nicht gepfändet.
Otti Büchler hat vor, noch mindestens bis zum 31. Oktober Getränke auszuschenken. «Nun kommt es darauf an, was die Betreibungsbeamten hier lassen», sagt er. Wenn sie ihm die Küchengeräte nicht wegnehmen, dann wird noch bis Ende Oktober auch ein Menu pro Tag anbieten.

Die meisten seiner Stammgäste wollen jedoch das Risiko, sich nicht mehr verabschieden zu können, nicht eingehen und kamen bereits im Verlauf der letzten Wochen im «Bahnhöfli» vorbei. «Es vergeht kein Tag, an dem nicht jemand zu weinen beginnt», sagt Büchler.